Wir waren mit einem Wasserstoff-Versuchsfahrzeug unterwegs

Interessiert blickt der ältere deutsche Tourist durch das Seitenfenster des auffällig lackierten Opel Zafira: ,Fahren Sie mit Wasserstoff?" fragt er. ,Gewiss", bejahe ich und starte das Auto. Die anderen Mitglieder seiner Reisegruppe nehmen mich gar nicht wahr, so leise ist das Versuchsfahrzeug mit dem Namen HydroGen3. Nach ein paar Gedenksekunden, die das System zum Hochfahren braucht, gebe ich etwas Gas, wobei ein leises Sirren an mein Ohr dringt. Ein wenig erinnert die Geräuschkulisse an ein ferngesteuertes Spielzeugauto, doch hier und heute fahre ich selbst.

Sauber in die Zukunft
Ein Spielzeugauto ist der Hydrogen3 für die Ingenieure von General Motors bestimmt nicht. Ganz im Gegenteil, der handgefertigte Prototyp dokumentiert die Ernsthaftigkeit, mit der die Techniker des US-Konzerns am sauberen Antrieb der Zukunft forschen. Und so nimmt sich Ingenieur Lothar Trost, mein Beifahrer, ausführlich Zeit, um mir die Technik des Wasserstoff-Zafira näher zu bringen. Auf den ersten Blick wirkt der Innenraum wie der eines gewöhnlichen Zafira der ersten Generation. Doch halt, wo ist der Drehzahlmesser hin? An seinem Platz befindet sich nun eine Kilowatt-Anzeige, die mir zeigen soll, wie viel Energie ich abrufe. Woher diese kommt, erkenne ich auf dem Monitor in der Mittelkonsole. Er informiert den Fahrer über den Tankinhalt und die erzeugte und abgerufene Energie. Dort, wo sich sonst der Schalthebel befindet, fallen zwei große Pfeilknöpfe auf: einmal vorwärts, einmal rückwärts. Aufgrund der gleichmäßig abgegebenen Leistung des Elektromotors fällt das Kuppeln und Schalten flach.

Die Brennstoffzellen-Technik
Elektromotor? Wasserstoff? Einfach ist die Technik der Hydrogen-Fahrzeuge nicht gerade. Doch versuchen wir es der Reihe nach: Der fünfsitzige HydroGen3 wird von einem 60 Kilowatt beziehungsweise 82 PS starken Asynchron-Drehstrommotor angetrieben. Die notwendige elektrische Energie erzeugt ein Brennstoffzellen-Block, der aus insgesamt 200 in Reihe geschalteten Einzelzellen besteht. In diesen findet ein komplexer elektrochemischer Vorgang statt: Vereinfacht ausgedrückt, reagieren in den Zellen Wasserstoff und Sauerstoff räumlich getrennt mit Hilfe eines Katalysators zu Wasser. Aus diesem Grund kommt aus dem Auspuff auch nur Wasserdampf. Während des Prozesses in den Zellen entsteht die Energie, welche den Elektromotor antreibt. Als Energieträger für die Stromerzeugung dient reiner Wasserstoff mit einer Temperatur von minus 253 Grad Celsius, der an Bord des HydroGen3 in flüssiger Form in einem Edelstahltank gespeichert wird. Die Beschleunigung für den HydroGen3 gibt GM mit 16 Sekunden auf Tempo 100 an. Tatsächlich merke ich auf der kurzen Testfahrt, dass alles zwar beinahe lautlos vonstatten geht, aber auch etwas behäbig.

Hydrogen4: Die nächste Generation
Um dieses Manko zu beheben, haben Ingenieur Trost und seine inzwischen mehr als 400 Kollegen bereits den Nachfolger entwickelt. Dieser wird in Europa unter dem Namen GM HydroGen4 erprobt. Er basiert auf dem US-SUV Chevrolet Equinox, dass in den Vereingten Staaten als Equinox Fuel Cell bekannt ist. Bei ihm besteht der Brennstoffzellen-Stapel, auch Stack genannt, aus 440 Zellen. Mehr Zellen gleich mehr Energie: Mit Hilfe des 73 Kilowatt starken Elektromotors soll Tempo 100 nun bereits nach zwölf Sekunden erreicht sein. Das Tanksystem besteht aus drei 700-bar-Hochdrucktanks aus Kohlefaser, die insgesamt 4,2 Kilogramm Wasserstoff aufnehmen können. Damit soll eine Reichweite von bis zu 320 Kilometer möglich sein.

Autos mit Brennstoffzelle in der Praxis
Die alles entscheidende Frage ist natürlich, ab wann Brennstoffzellen-Fahrzeuge in Serie produziert werden. Im Fall des HydroGen4 läuft in den USA bereits ein Testprogramm mit dem Namen ,Project Driveway". Dort werden Fahrzeuge in Kundenhand gegeben, um Erkenntnisse zur Betankung und Fahrzeugnutzung zu gewinnen. Auch in Deutschland wird der HydroGen4 demnächst über die Straßen summen. Im Laufe des Jahres 2008 nehmen insgesamt zehn Fahrzeuge an der Alltagserprobung im Rahmen der Clean Energy Partnership, kurz CEP, in Berlin teil. Beim von der Bundesregierung geförderten Programm werden verschiedene Kunden mit wechselnden Fahrern die HydroGen4-Fahrzeuge täglich einsetzen. Aber wann kann ich nun serienmäßig mit Wasserstoff fahren, frage ich Ingenieur Trost. Im Jahr 2015 könnte es soweit sein, doch der Termin hänge auch von der bis dahin entstandenen Infrastruktur, zum Beispiel den Tankstellen, ab. Eines wird mir beim Aussteigen dennoch klar: Die Zukunft hat bereits begonnen. Hoffentlich werde ich sie nicht erst als älterer Herr auf Italien-Reise erleben können.

Der Motor von morgen?