Radio und DVD kommen aus dem Auto raus, dafür hält das Internet Einzug

Mit ,myComand" gibt Mercedes-Benz auf der Los Angeles Autoshow einen Ausblick auf künftige, vollständig internetbasierte Infotainmentsysteme im Auto. Die wichtigsten Dienste von myComand sind die Off-Board-Navigation, ein Trip-Assist, das World Radio, die Internet-Telefonie und ein Browser, um im Internet zu surfen. Dabei werden alle Daten und Informationen via World Wide Web stets auf dem neuesten Stand gehalten. Ein Speichermedium wird nur noch für die Betriebssoftware benötigt, die ebenfalls per Internet aktualisiert wird. Teure und anfällige mechanische Bauteile wie CD-Wechsler, DVD-Laufwerke und Festplatten kommen nicht mehr zum Einsatz.

Schnellere Netze als heute sind nötig
,Zwar ist das Internet heute noch nicht schnell genug und Verbindungen während der Fahrt sind nicht immer stabil", räumte Dr. Ralf Guido Herrtwich ein, der bei der Daimler AG für die Forschung in Infotainment und Telematik verantwortlich ist. Doch schon ab dem Jahr 2012 würden große Provider wie T-Mobile, Vodafone oder AT&T entsprechende Netze mit 100 Mbps Downlinkgeschwindigkeit bringen. Das System, das uns im Vorfeld der Los Angeles Autoshow demonstriert wurde, basiert auf ,WiMax", einem drahtlosen Netz für Metropolen, das im kalifornischen Palo Alto bereits verfügbar ist. Dort arbeitet in einem Forschungslabor von Mercedes ein Team von zirka 45 Leuten.

Software-Download beim Motorstart
Per Funk aktualisiert sich myComand bei jedem Motorstart automatisch und bringt die Software somit fortlaufend auf den neuesten Stand. Auch alle individuell abgerufenen Daten und Informationen sind stets aktuell, ohne dass komplizierte Bedienungsschritte notwendig sind. Im Vergleich zu aktuellen mobilen Endgeräten, aber auch zu heute fest im Auto eingebauten Geräten ist das internetbasierte myComand schneller und benutzerfreundlicher, so Herrtwich.

Off-Board-Navigation mit Google
Für die Navigation werden keine Daten mehr auf Festplatte oder DVD vorgehalten. Das System arbeitet zur Zeit mit Datenmaterial von Google Maps und Mapquest. So wird nicht nur stets das neueste Kartenmaterial verarbeitet, sondern bei der Routenwahl werden auch die im Internet verfügbaren Verkehrsinformationen berücksichtigt. Neben der konventionellen Kartendarstellung können auch Satellitenbilder wiedergegeben werden, die eine leichtere Orientierung ermöglichen. Die Suche von Zielen muss nicht mehr einem starren Format folgen, sondern erlaubt die freie Eingabe. Dabei können Ziele mit aktuellen Daten verknüpft werden, so dass der Fahrer zum Beispiel leicht die günstigste Tankstelle im Umkreis oder freie Parkplätze entlang der Route finden kann.

Trip-Assist bringt Zusatzinformationen
Der Trip-Assist greift automatisch auf eine große Zahl von Informationen zu, die im Internet verfügbar sind. Er zeigt zum Beispiel das Wetter entlang der Route und informiert über das Hotel- und Freizeitangebot am Zielort. Auch die Hotelbuchung aus dem Auto heraus ist für den Trip-Assist kein Problem. Restaurantplätze oder Theaterkarten lassen sich damit ebenfalls kurzfristig, einfach und stressfrei reservieren.

Internetradio und Videostreams im Auto
Über das Internet ist weltweit fast jeder Radiosender verfügbar – so können per World Radio auch unterwegs Radiostationen vom anderen Ende des Erdballs empfangen werden. Der Fahrer kann Sender nach Genre suchen, die seinem individuellen Musikgeschmack entsprechen. Zusätzlich kann eine eigene Musikbibliothek im Internet hinterlegt werden – zum Beispiel auf einem Homeserver –, die dann weltweit und jederzeit im Auto verfügbar ist. Musik-DVDs wird man nach Einschätzung von Herrtwich künftig nicht mehr nutzen – persönliche Musik komm schon jetzt häufig vom MP3-Player, von einer Speicherkarte oder per Bluetooth vom Handy. Von einem Gerät also, das man für diesen Zweck ohnehin mitführt. Selbst der Empfang von YouTube-Videostreams wurde gezeigt.

Browsen und telefonieren per Internet
Wie alle anderen Services nutzt bei myComand auch die Telefonie die Vorteile des Internets. Dank ,Voice over Internet Protocol" (VoIP) ermöglicht myComand eine kostenlose Telefonverbindung oder Übermittlung von Kurznachrichten über das Internet sowie die gleichzeitige Übertragung von Sprache und Daten. Zu guter Letzt erlaubt ein Browser, wie gewohnt im Internet zu surfen.

Demonstration im Concept Fascination
myComand ist optisch attraktiv gestaltet und intuitiv zu bedienen, davon konnten wir uns anlässlich der ersten Pressepräsentation überzeugen – und es funktionierte fehlerfrei und schnell. Eingebaut war das System in das Konzeptauto Concept Fascination, das erstmals im Herbst 2007 auf dem Autosalon in Paris gezeigt wurde. Es bietet einen Ausblick auf das kommende Design der E-Klasse, die Mercedes Anfang Januar 2009 auf der Autoshow in Detroit zeigen wird.

Neue Optik, intuitive Bedienung
Das zentral angeordnete Display von myComand bietet eine hohe Auflösung. Es liegt gut im Blickfeld des Fahrers. Der Comand-Controller, ein Drehdrücksteller auf der Mittelkonsole, der in den aktuellen Mercedes-Modellen bereits eingesetzt wird, ermöglicht ein schnelles Bedienen. Der Ausgangsbildschirm zeigt eine stilisierte Erdkugel. Um sie rotieren durch Drehen am Drehdrücksteller alle zur Auswahl stehenden Funktionen; ein Druck wählt den Menüpunkt im Vordergrund aus. Dadurch öffnet sich ein neues Menü für weitere Auswahlpunkte.

Übersichtliche Bedienung
Die Gestaltung der Menüs rings um einen symbolhaften Globus ist nicht nur optisch interessant, sie macht auch die Bedienung mit dem bewegungssynchronisierten Drehdrücksteller übersichtlich. Durch zwei Tasten neben dem zentralen Bedienelement können Zusatzfunktionen wie beispielsweise die Menüoptionen aufgerufen werden. Außerdem ermöglicht es die ,Zurück"-Taste, eventuelle Fehleingaben schnell zu korrigieren. Durch die zukünftige Anbindung von ,Linguatronic" wird sich myComand auch per Spracheingabe bedienen lassen.

MyComand steht erst am Anfang
Mit der Demonstration war es den Mercedes-Forschern um Dr. Herrtwich noch nicht genug. Sie gaben einen Ausblick auf weitere Anwendungsmöglichkeiten: So kann eine Ferndiagnose bei Fehlern im Fahrzeug durchgeführt werden. Oder ein installiertes Abstandsradar kann Navigationsinformationen in Betracht ziehen, die eine nahende Kurve anzeigen. Bei künftigen Hybrid-Fahrzeugen lässt sich genau ermitteln, wann und wie lange – zum Beispiel in Innenstädten – rein elektrisch gefahren werden muss und das System lädt die Batterien rechtzeitig. Es gibt also noch viel zu tun, aber das Internet im Auto verspricht schon jetzt spannende und kostengünstige Lösungen. Immerhin haben die Forscher nur sechs Monate gebraucht, um myComand auf den jetzigen Stand zu bringen.

Internet im Auto