Mit dem Vectra-Nachfolger will Opel zurück an die Spitze

Eine Frau steht an einem riesigen Zeichenbrett, zieht mit äußerster Sorgfalt einen Strich auf dem ohnehin schon mit Strichen übersäten A0-Blatt. Ein Mann streicht mit einem Spezial-Spachtel ganz vorsichtig ein Tonmodell glatt. Die vielen Kohle-Striche und das Tonmodell ergeben: den neuen Opel Insignia. Hier im Opel-Design-Center bekommen seit 1930 Autos ihre Form, der erste Opel GT floss hier aus der Feder mutiger Designer. Und auch beim Insignia streckt Opel die Nase raus. Wir sind nach Rüsselsheim gekommen und haben uns den neuen Wagen erst von außen ganz genau angeschaut und uns dann hinter das Steuer gesetzt.

Kompakte Dynamik
Hochwertig soll er sein, kompakt wirken und dynamisch ins Auge springen – die Opelaner haben sich in Sachen Vectra- und Signum-Nachfolger viel vorgenommen. Schließlich soll der Wagen zurück an die Spitze, sich mit dem allgewaltigen VW Passat und dem ähnlich gut im Verkauf stehenden Audi A4 anlegen. Und der Insignia wirkt auf uns sehr präsent, wie aus einem Guss gefertigt. Die Motorhaube ist wegen des Fußgängerschutzes höher als beim Vectra, aber mit Wölbungen und Lichtkanten haben es die Formgeber geschafft, diesen Zuwachs zu kaschieren. Auch die Spurbreite des neuen Wagens wächst um 50 Millimeter, von denen 30 im Innenraum ankommen. Dieser Breitenzuwachs ist ebenfalls optisch unauffällig. In der Länge wird der Insignia seinen ärgsten Konkurrenten, den VW Passat, um 22 Zentimeter überragen. Die Front ist gelungen, wobei polierte Chromelemente im Grill als ,Wir-sind-wieder-da"-Material fungieren. Die Scheinwerfer sehen aus bestimmten Blickwinkeln nach dem neuen Mercedes-SL aus, was aber nicht stört.

Von der Sichel beherrscht
Die Seitenlinie des Insignia gefällt durch ihre elegante Coupéform. Aber die Design-Truppe ist vielmehr auf die so genannte ,Sichel" stolz. Dieser in die vorderen Seitentüren gepresste Bogen zieht sich an seinem unteren Ende bis in die Fondtüren. Erstens soll dieses Element jede Menge Dynamik generieren und zweitens finden wir diese Form im Inneren des Wagens an Türgriffen, Schalthebel und Zündschlüssel wieder. Die Außenspiegel sind beinahe dreieckig und widersetzen sich dem Trend, ein Blinklicht aufnehmen zu müssen. Laut Opel senkt das die Kosten im Schadensfall – aber auch in der Produktion werden so Kosten gespart. Hier ergibt sich schon das erste Potenzial für den Nachrüstmarkt. Als Erlkönig versuchte der Insignia, mit einem dreieckigen orangenen Aufkleber ein Blinklicht vorzutäuschen. Die Serienmodelle fahren mit 16- bis 18-Zoll-Felgen vor, 19- und 20-Zöller gibt es optional.

Plateau lebt weiter
Das Heck des neuen Hoffnungsträgers scheint muskulös, aber auch ein wenig verspielt. Und der gute alte Plateau-Kofferraumdeckel ist zurück. Während sich BMW immer mehr von diesem umstrittenen Design-Element verabschiedet – der neue 7er wird ohne den dicken Deckel auskommen müssen – kommt er bei Opel hinzu. Aber wie beim BMW-Z4-Coupé ist auch beim Insignia dieser Deckel-Aufsatz clever geformt, fließt mit der Karosserieform harmonisch mit. Zum Öffnen der Heckklappe muss das große Opel-Logo herausgeklappt werden. Dies gibt dann einen Soft-Touch-Taster frei, über den die Klappe entriegelt werden kann.

Innen Up-Level
John Puskar, GM-Design-Chef fürs Interieur, redet von einer ,kunstvollen Modellierung und deutscher Ingenieurspräzision." Der Innenraum soll die Fahrgäste quasi ,in den Arm nehmen". Wie dem auch sei, dem Tacho gucken wir gerne in seine Chronometer-Tuben. Die feine Skalierung ist dabei reine Show, zum Ablesen von Drehzahl und Geschwindigkeit ist sie nicht notwendig. Wer sich seinen Wagen mit dem adaptiven Fahrwerks-Anpassungssystem ,FlexRide" ordert und in den Sport-Modus wechselt, wird auch mit einer Änderung der Armaturenbeleuchtung belohnt – sie wechselt von unschuldigem Weiß zu einem arteriell-hellen Blutrot. Ansonsten fallen die sportlichen Ausstattungen durch besonders dunkles Schwarz auf, die Sitze bestehen aus glatten Segmenten und wirken beinahe, als kämen sie aus einem Science-Fiction-Film. Auch perforierte Ledersitze können zum Einsatz kommen, die per Lüftung im Sommer Kühlung verbreiten. Opel hat sich bei der Gestaltung des Innenraums von Möbelmessen und modernen Einrichtungsgegenständen inspirieren lassen. So kommen auf Wunsch auch Applikationen aus linear gemasertem Bambusholz-Imitat zum Einsatz.

Detailversessen
Bis zur Fertigstellung eines solchen Innenraums ist es ein langer Weg. Jede kleine Material-Biege wird diskutiert, um jedes winzige Gestaltungselement wird gerungen. Sind erstmal Muster erstellt, werden diese mit scharfem Blick geprüft. Dafür werden die Proben in einen Lichtkasten namens Spectralight III gelegt. In dieser vom US-amerikanischen Kalibrierungsspezialisten Gretag Macbeth hergestellten Box fällt auf Knopfdruck Tageslicht oder Kunstlicht des Typs TL84 auf die Oberflächen. Passen die Materialkombinationen bei unterschiedlichem Licht nicht zusammen, werden sie wieder verworfen. Diese schwer aufzuspürenden Ungereimtheiten sind genau das, was dem Fahrer später ein unbewusst schlechtes Gefühl geben würde. Jedes Material und jede Oberfläche muss von Opel freigegeben werden. So sehen wir zum Beispiel Garnrollen mit der Aufschrift: Opel Samba Cocoa, Freigabedatum: 23.1.08.

Auch praktisch
Der Insignia macht für Opel den Neuanfang. Sein Design wird maßgeblich den neuen Astra und alle anderen Modelle der Rüsselsheimer beeinflussen. Aber auch die restlichen GM-Konzernteile warten schon: Vauxhall, Chevrolet, Pontiac, Holden, Saab und Cadillac haben jeweils einen Wagen auf Vectra-Basis angeboten und werden auch modifizierte Insignia verkaufen. Und Vauxhall bekommt sogar wie Opel ein neues Logo mit Gravur im Ring. Schließlich verkauft Vauxhall in Großbritannien beinahe nur Opel-Modelle, einzige Ausnahme: der auf dem australischen Holden Commodore basierende VXR 8. Die weltweite Verbreitung hat zudem Einflüsse auf den Innenraum: Besonders auf Wunsch der amerikanischen Kunden wurden die vorderen Türen so gestaltet, dass dort jeweils eine 1,5-Liter-Flasche untergebracht werden kann. Zudem kann der Becherhalter der Mittelkonsole besonders große Gefäße aufnehmen.

Wie macht er sich?
Bei unserem ersten Kontakt macht der Insignia einen Eindruck, als wenn Opel es schaffen könnte, mit ihm den Vectra probat zu ersetzen. Zeit wird es, schließlich verkauft sich der Vectra seit längerem äußerst schleppend. Außen und innen mutig und gelungen gestylt, sitzt sich das Gestühl bequem, die Oberflächen fassen sich prima an. Nur hinten müssen große Leute den Kopf einziehen. Sollte jetzt auch noch der Preis stimmen, könnte es für Opel wieder richtig bergauf gehen – Gerüchten zufolge soll der Wagen günstiger als ein vergleichbarer VW Passat sein. Zudem werden sowohl front- als auch im Trend liegende allradgetriebene Varianten angeboten. Bei der gesamten Kommunikation macht Opel nicht den Fehler, das ausgelutschte Wort ,Premium" zu verwenden, in Rüsselsheim spricht man von ,Up-Level". Und im oberen Level ist der Prototypen-Insignia auf jeden Fall anzusiedeln – im Herbst wissen wir dann, wie er sich fährt.

Was kommt noch?
Mehr-Umsatz generieren viele Hersteller inzwischen durch Ausbau der Modellvielfalt. So wird es definitiv auch einen Insignia Caravan genannten Kombi geben. Auch hier wird Opel den furchtlosen Design-Weg weiter beschreiten. Nach bisheriger Opel-Zeitrechnung könnte es ein Jahr dauern, bis der Lade-Wagen nachgeschoben wird. Ob ein von Fans heiß ersehnter Zweitürer im Stile des Calibra kommt, lässt Opel noch nicht durchblicken, die Wahrscheinlichkeit ist aber ausgesprochen hoch. Auf Sport werden Freunde der Rüsselsheimer Fahrzeuge ohnehin nicht verzichten müssen: Ein Insignia OPC mit aggressiver Frontschürze und richtig Power unter der Haube wird sicher nachgeschoben. John Puskars Einstellung zu seiner Design-Arbeit passt jedenfalls auch auf die Insignia-Zukunft. Er fragt sich ständig: ,Was kommt als Nächstes? Was ist auf der Rückseite? Was können wir daraus machen?"

Alles nach vorn