Neues Assistenzsystem zum Fußgängerschutz vorgestellt

Es ist der Alptraum jedes Autofahrers: Plötzlich läuft ein Fußgänger auf die Straße, doch es ist zu spät zum Reagieren. Die Folgen können dramatisch sein. Eine solche Situation geschieht häufiger, als man denkt: Kollisionen mit Fußgängern machen 14 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle in Deutschland aus. Mercedes nimmt das als Anlass zum Handeln und zeigt eine neue ,Ausweichassistenz", so der interne Titel.

Das mitdenkende Auto
Schon seit gut zwei Jahrzehnten zerbrechen sich die Mercedes-Sicherheitsforscher die Köpfe darüber, wie unsere Autos noch sicherer werden können. An der Spitze der Konzernforschung steht Professor Bharat Balasubramanian, den seine Mitarbeiter ,Professor Bharat" nennen. Er erzählt von der Fußgängerdichte in seinem Heimatland Indien, die das Autofahren extrem schwierig macht. Hierzulande sind zwar weitaus weniger Menschen per pedes unterwegs, doch für Prof. Bharat ist dennoch jeder schwere Unfall mit Fußgängern einer zuviel. Als Konsequenz bringen die Stuttgarter Ingenieure dem Auto nach dem ,Sehen" auch das ,Erkennen", ,Verstehen" und ,gezielte Handeln" bei. Das Fahrzeug denkt also mit und handelt im begrenzten Rahmen selbstständig, denn eines dementiert Bharat vehement: ,Das völlig autonome Fahrzeug ist für uns kein Thema!"

Mit eigenen Augen
Wichtigstes technisches Merkmal der Ausweichassistenz ist eine Stereo-Kamera hinter der Windschutzscheibe. Diese soll 2011/2012 schon in der nächsten S-Klasse eingebaut werden, um auf dieser Basis sukzessive diverse Systeme implementieren zu können. Die Stereo-Kamera imitiert das menschliche Sehen und beobachtet den Verkehrsraum vor dem Fahrzeug. Dadurch können alle stehenden und bewegten Objekte sowie Freiräume im Bild erfasst werden. Ein intelligenter Algorithmus identifiziert Fußgänger anhand der Größe, Bewegung und Textur. Ihre wahrscheinliche Bewegungsrichtung lässt sich in Echtzeit vorhersagen und so eine mögliche Kollisionsgefahr vorausberechnen: Dazu werden Abstand und Geschwindigkeit der Fußgänger und des Fahrzeugs herangezogen. Apropos Rechnen: Diese Aufgabe übernehmen ein Quadcore-Prozessor und FPGA-Technik. FPGA steht für ,Field Programmable Gate Array" und ist, vereinfacht gesagt, ein frei programmierbarer Chip.

Selbstständige Maßnahmen des Autos
Auf Basis der gesammelten Informationen leitet das System selbsttätig die jeweils angemessene Maßnahme ein, um den Unfall zu vermeiden. Steht genügend Zeit zur Verfügung, geschieht dies durch eine automatische Vollbremsung. Läuft der Fußgänger so plötzlich vor das Fahrzeug, dass der Unfall durch eine Bremsung nicht mehr zu verhindern ist, weicht das Auto durch ein selbstständiges Lenkmanöver aus. Das räumliche Sehen mit den zwei Kamera-Augen ermöglicht auch, die Platzreserven nach rechts und links genau zu vermessen. Die so genannte Freiraumanalyse ermittelt, ob ausreichend Platz für ein Ausweichmanöver vorhanden ist, schließlich soll die Vermeidung des einen Unfalls nicht in einen anderen münden.

Das System in der Praxis
Doch genug der Theorie, funktioniert das Ganze denn auch in der Praxis? Zu diesem Zweck fahren wir mit einem Ingenieur durch die Innenstadt von Sindelfingen. Auf dem Bildschirm flimmert es grün, gelb oder rot, je nachdem wie weit das Hindernis weg ist. Wird ein Fußgänger als Gefahr erkannt, bekommt er ein rotes Rechteck. Allerdings zeigt sich, dass noch nicht alle Fußgänger erkannt werden, bisweilen kommt es zu Verwechslungen, etwa bei Warnbaken. Auch die Erkennung von Radfahrern und Kindern ist noch ausbaufähig. Das weiß auch Prof. Bharat, der uns aufklärt, dass momentan 95 Prozent der Fußgänger erkannt werden, pro Stunde gibt es eine Falschmeldung. Immerhin: Vor zehn Jahren lag die Quote der Fehlermeldungen bei 60 pro Stunde, doch das Ziel ist klar: 100 Prozent und keine Fehler.

Entmündigung für die Sicherheit
Im zweiten Schritt dürfen wir auf dem Testgelände selbst hinters Lenkrad. Dort fahren wir mit konstant 50 km/h geradeaus, ehe uns ein Dummy vors Auto ,läuft". Im ersten Versuch sehen wir die Person in Gestalt einer Puppe recht spät. Und tatsächlich: Durch einen blitzschnellen Lenkeingriff umfahren wir den Fußgänger chirurgisch präzise mit einem Abstand von 80 Zentimeter. Unfreiwillig merken wir auch, was passiert, wenn man schneller fährt. Das System merkt, dass mit 60 km/h ein Ausweichen unmöglich wird und bremst voll. Zweiter Versuch: Wieder geht es mit Tempo 50 auf die Bahn, doch nun sehen wir den Dummy früher. Unsere schwere S-Klasse geht voll in die Eisen, so dass wir vor der Person stehen bleiben. Nebenbei stellen wir fest, welche starken Fliehkräfte bereits bei ,nur" 50 km/h wirken.

Noch Zukunftsmusik
Prinzipiell funktioniert das System also schon ziemlich gut, doch Prof. Bharat wiegelt ab: Er gibt als Ziel für die Markteinführung 201X vor, wobei das X möglichst klein sein sollte. Bis zum Serienstart müssen noch viele Dinge verbessert und hinterfragt werden: So sollen auch teilabgedeckte Fußgänger und Kinder erkannt werden, zudem muss das System immer hundertprozentig richtig entscheiden und sei es durch Nichtstun. Weitere Punkte sind mögliche Haftungsfragen und nicht zuletzt die Akzeptanz der Technik nach dem Motto: Macht das Auto dann, was es will? Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es bereits jetzt viele Systeme wie ABS, ESP und die Pre-Safe-Bremse von Mercedes gibt, die dem Autofahrer schon heute Entscheidungen abnehmen. Eines steht aber schon fest: In Sachen Sicherheit ist das letzte Kapitel noch lange nicht geschrieben.

Bildergalerie: Automatisch ausweichen