Carsharing-Angebot von Daimler soll noch 2010 kommerziell werden

Wenn ein Autohersteller wie Daimler sich um ein Carsharing-Modell kümmert, dann kratzt sich wohl so mancher am Kopf. Wollen die nicht vor allem Neuwagen verkaufen? Wenn sich viele Leute ein Auto teilen, sinkt da nicht der Umsatz? Zunächst einmal sieht das ganz nach einem Minusgeschäft aus. Und doch hat das Projekt Car2Go den Segen von Daimler-Chef Dieter Zetsche. Das Angebot entwächst nun den Kinderschuhen und macht sich auf, das europäische Ausland zu erobern. Wir haben uns in Ulm bei Daimler über den Stand der Dinge informiert.

Für die spontane Mobilität
Das Projekt Car2Go startete im März 2009 in die öffentliche Pilotphase. 200 Smart Diesel wurden in Ulm für Interessenten bereitgestellt. Nach genau einem Jahr haben sich 18.000 Leute für die Benutzung von Car2Go registrieren lassen – das sind mehr als zehn Prozent der Einwohner. Vor allem junge Leute brennen geradezu darauf, einen der blauweißen Smarts zu benutzen. Sie verwenden das Auto für Spontanfahrten, nicht länger als 30 bis 60 Minuten, und bewegen den Smart meist nur zehn bis zwanzig Kilometer. Und genau auf dieses Nutzerprofil hat man abgezielt. ,Wir wollen die spontane, innerstädtische Mobilität abdecken", so Projektleiter Robert Henrich von der 100-prozentigen Daimler-Tochter Car2Go.

Mosaiksteinchen im vernetzten Verkehr
Dabei sieht sich Car2Go nicht in Konkurrenz zu bestehenden Verkehrssystemen wie dem öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) oder der Taxiwirtschaft. Eher schon zum herkömmlichen Carsharing. Doch da ist man nicht so ungebunden, zahlt in der Regel einen festen Monatsbeitrag – und nach der Benutzung muss man das Auto an einen bestimmten Standplatz zurückbringen. Der Vorteil der üblichen Carsharing-Varianten ist, dass man damit auch den Großangriff auf den Supermarkt, den Regal-Einkauf bei Ikea oder gar den Umzug abdecken kann. Auf Car2Go greift man dagegen zurück, um sich zum Beispiel eine umständliche ÖPNV-Fahrt mit vielfachem Umsteigen zu ersparen.

Und so funktioniert es
Und wie funktioniert das Ganze? Zunächst muss man sich registrieren, was in Ulm im Stadthaus erledigt wird. Dabei bekommt man einen Klebepunkt auf den Führerschein, und es kann losgehen. Man zückt zum Beispiel sein Smartphone und sieht damit im Internet nach, wo sich das nächste freie Auto befindet. Dort wird dann der Führerschein mit dem Chip gegen die Windschutzscheibe gehalten, hinter der sich ein Transponder befindet. Der öffnet die Tür, man gibt seine PIN ein, holt den Fahrzeugschlüssel aus dem Handschuhfach und startet.

Überall hin, aber auch wieder zurück nach Ulm
Man darf mit dem Auto überallhin fahren und bezahlt nur die Zeit: Eine Minute kostet 19 Cent, die Stunde maximal 9,90 Euro und der Tag nie mehr als 49 Euro – Sprit inklusive. Wenn der Tank leer ist, füllt man ihn bargeldlos wieder auf, und zwar mithilfe der Tankkarte aus dem Handschuhfach. Will man das Auto zurückgeben, kann man es überall in Ulm stehen lassen – einfach Schlüssel wieder ins Fach, Auto per Führerschein verriegeln, und es steht für den nächsten Nutzer zur Verfügung.

Zusätzliche Kundengruppe
Sind 19 Cent pro Minute denn wirtschaftlich? ,Wohl nicht ganz", sagt Henrich, ,wahrscheinlich wird das Ganze erst bei 22 Cent wirtschaftlich interessant." Und wie steht es mit den Langzeiteffekten? Gräbt sich Daimler damit nicht selbst das Wasser ab? Nun, erstens erreicht die Firma mit Car2Go Kunden, die sich für die neue E-Klasse nicht interessieren – junge Leute, die sich dieses Auto nicht oder gar kein Fahrzeug leisten können. Oder auch nicht wollen. Henrich gibt bereitwillig zu, dass die Funktion des Autos als Statusobjekt gerade bei jungen Leuten abnimmt. ,Die wollen aber trotzdem ab und zu ein Auto nutzen", so Henrich.

Über Ulm hinaus
Die Ampel steht also auf Grün für Car2Go. In Ulm, um Ulm und um Ulm herum – das reicht der kleinen Projektgruppe nicht mehr. ,Car2Go ist für die brodelnden Metropolen gedacht." Seit November 2009 läuft eine zweite Pilotphase im texanischen Austin. Für die zweite Jahreshälfte ist eine Ausweitung in Ulm geplant, denn derzeit platzt das System aus den Nähten. Dann werden 300 Fahrzeuge eingesetzt, und zwar nicht mehr Diesel-Smarts, sondern Benziner mit Start-Stopp-Automatik.

"Elektro-Smart erstmal nicht"
Und was ist mit dem Elektro-Smart? Henrich winkt ab: ,Das wird immer wieder gewünscht, aber ich sehe das nicht in den nächsten zwei oder drei Jahren." Elektroautos sind erstmal noch schlicht zu teuer. Doch ausschließen will Henrich nichts. Erst einmal aber startet Car2Go ,in einer europäischen Metropole", und zwar noch im Jahr 2010. Welche Stadt es sein wird, lässt sich Henrich noch nicht entlocken. Aber ,wir sprechen über Millionenstädte."

Car2Go wächst