Anders Fahren: Wir drehen ein paar Runden im Spritspar-Auto

Die Flügeltür geht zu und wir sitzen in der kargen Kabine eines niedlichen hellblauen UrbanConcept Cars, eines Spritsparautos mit Straßenzulassungs-Ambitionen. Die andere Fahrzeugklasse nennt sich ,Prototypen", dort passen nur kleinere Menschen rein – und auch die sind dann von einer Enge umgeben, gegen welche einem eine Computer-Tomographen-Röhre wie eine Turnhalle vorkommt. Beim Shell Eco Marathon wird in vielen Disziplinen Sprit gespart – mit skurril anmutenden Konzeptfahrzeugen, aber auch mit einem Serien-Golf. Wir haben alles ausprobiert.

Ein Liter Sprit und 30 km/h
Der Shell Eco Marathon wurde 1985 ins Leben gerufen und findet seit zwei Jahren auf dem Lausitzring in Deutschland statt. Hochschulen aus ganz Europa und ein Team aus Marokko treten mit ihren Gefährten an, um mit einem Liter Sprit möglichst weit zu kommen. Dabei verbraucht kaum eines der 213 Teams seinen kompletten Liter, vielmehr wird der auf einer bestimmten Strecke erzielte Verbrauch hochgerechnet. Und dabei geht es dann nicht um Liter sondern Milliliter – womit allen Beteiligten klar wird, wie wertvoll Kraftstoff ist. Die Prototypen müssen mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 30 km/h acht Runden auf dem Lausitzring drehen (insgesamt 25,485 Kilometer) – nach vier Versuchen wird das beste Ergebnis gewertet. Die UrbanConcept-Fahrzeuge müssen sieben Runden (22,096 Kilometer) mit einem Geschwindigkeitsschnitt von 25 km/h fahren. Ihre Route ist nur teilweise identisch mit der Route der Prototypen. Zur Simulation der Fahrbedingungen im Stadtverkehr steht auf dem Streckenabschnitt, wo die UrbanConcepts unter sich sind, ein Stoppschild – ein ungewohnter Anblick mitten auf einer Rennstrecke. Hier müssen die Fahrzeuge anhalten und wieder anfahren. Auch die UrbanConcepts haben vier Versuche, von denen der beste gewertet wird.

Ein Liter Sprit und 4.896 Kilometer
Das französische Team der Technischen Hochschule "Lycee la Joliverie" aus Nantes legt einen kaum nachvollziehbaren Rekord hin: Ihr molchförmiges Prototypen-Brennstoffzellen-Auto braucht den energetischen Gegenwert von einem Liter Sprit auf 4.896 Kilometer. Zweiter wurde das Team Schluckspecht der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Medien aus dem baden-württembergischen Offenburg. Mit ihrem ebenfalls Brennstoffzellen-betriebenen Wagen kamen die Studenten 2.795 Kilometer weit. Das ist immer noch ein Aufsehen erregender Wert, aber die Franzosen fahren 2.101 Kilometer weiter. Die UrbanConcepts gehen deutlich gieriger zur Sache: 691 Kilometer schafften die Niederländer des Teams "De Haagse Hogeschool". Letztes Jahr kam ein norwegisches Team noch 1.246 Kilometer weit. Ob solcherart Fahrzeuge nun im Alltag zu gebrauchen sind, haben wir selbst getestet.

Unbequemer geht's nicht
Ein Kollege legt sich in einen Prototypen, sein Kinn drückt auf die Brust, der Kopf muss so stark angewinkelt sein, damit er nach vorne aus dem Fahrzeug gucken kann. Seine Beine muss er unter der kleinen Lenkstange durchfädeln. Dann schiebt er die Füße über die Vorderachse und quetscht sie in die Spitze des Fahrzeugs. Er trägt einen Helm, einen gelben Renn-Overall, ballettschuhähnliche Rennfahrer-Schuhe und eine Schutzbrille. Der Fünfpunkt-Gurt fixiert ihn auf seinem Platz, als säße er in einem Düsenjäger. Die Höchstgeschwindigkeit, die er demnächst erreichen wird, liegt bei 30 km/h. Zwei Helfer stülpen den oberen Teil der Karosserie über den Wagen, drücken den behelmten Kopf in eine noch niedrigere Position und schon kann es losgehen: Über einen Hebel an der Lenkstange wird Gas gegeben, der kleine Honda-Motor im Heck knattert los. Ist Höchstgeschwindigkeit erreicht, wird das Moped-Triebwerk abgeschaltet und der flache Wagen rollt. Sinkt die Geschwindigkeit zu stark ab, wird der Motor wieder eingeschaltet – so geht das acht Runden lang.

Spezielle Wettkampf-Fahrzeuge
Wir fahren unsere Runden im UrbanConcept ab. Der Wagen bietet mit seinem Einzelsitz immerhin auch Platz für größere Menschen – die Fahrweise mit Motor an/Motor aus bleibt die gleiche. Der schwedische ,Smite", eine ziemlich unverhohlene Kopie des Messerschmitt-Kabinenrollers von 1954 hat sogar eine Zulassung für schwedische Straßen ergattert – für alle anderen Teilnehmer liegt so eine Zulassung in unerreichbarer Ferne. Sicherheit, Komfort und selbst der Transport von Gepäck stehen bei der Konstruktion der Marathon-Vehikel ganz unten im Lastenheft. Geringer Luftwiderstand, minimales Gewicht, kleiner Rollwiderstand – die Klasse der Spritsparer ist eine eigene Fahrzeugklasse, von der Alltagstauglichkeit soweit entfernt wie der Mensch von einem bemannten Raumflug in ein benachbartes Sonnen-System. Hier geht es um Details, kleine technische Erfindungen, die vielleicht in Serienfahrzeugen zu gebrauchen sind – so manche clevere Doktorarbeit hängt an den oft skurril wirkenden Gefährten. Das Fahren mit abgeschaltetem Motor ist äußerst unangenehm, schließlich kann man nicht nach Bedarf auf die Schnelle beschleunigen. Aber in der Serie gibt es so was ähnliches auch schon: Das Start-Stopp-System moderner Fahrzeuge geht in die gleiche Richtung.

4,44 Liter im Golf
In unserem UrbanConcept Car kommen wir auf einen Verbrauch von 0,82 Liter Super pro 100 Kilometer – ein beeindruckender Wert. Aber während der Fahrt haben wir auch den Asphalt gelesen wie ein Golfspieler das Grün: Das kleinste Gefälle nutzen wir, um den Motor abzuschalten, selbst sanfte Anstiege verfluchen wir. Dann gehen wir rüber zu Helen Taylor. Die in Singapur lebende Australierin und ihr Mann John haben über achtzig Rekorde in Sachen Spritsparen aufgestellt, einige stehen im Guinness-Buch. Und jetzt setzt sich Helen neben uns in einen fünftürigen VW Golf 1.4 TSI, um uns ein paar kleine Spritspar-Tipps zu geben. Im Prinzip kennen wir das ja schon: früh hochschalten, im höchsten Gang gleichmäßig ohne heftiges Lenken fahren, bremsen durch Runterschalten: Wir landen bei 4,44 Liter auf einhundert Kilometer – in der Liste steht der Wagen mit 6,2 Liter. Klar, wir sollten nicht schneller als 40 km/h fahren (okay, manchmal waren es 50 km/h) und mussten zwischendurch nicht anhalten. Aber immerhin haben wir keine Dynamik vermisst, 40 km/h ist für eine Spitzkehre mehr als genug. Die Klimaanlage fehlte dann nach ein paar Runden aber doch.

Weshalb Shell das macht
Die 213 Teams sind jedenfalls mit Wissen, Verstand und Herz dabei. In der Formenvielfalt der Gefährte fallen uns auch Fahrzeuge auf, die wir in groß auch schon anderswo gesehen haben. So huscht ein zu heiß gewaschener Loremo genauso an uns vorbei wie ein Mini-Audi-TT, eine kleine Ente und ein geschrumpfter Käfer. Selbst der Zehn-Millionen-Dollar-Spritspar-Wettbewerb der X Prize Foundation, der dieses Jahr in den USA stattfindet, bietet Formen zum Kopieren: Wir machen einen eVaro, einen Edison2, einen EVI Wave 2 sowie mehrere Tri Hybrid Stealth Cars aus – jeweils in verkleinerter Ausgabe. Aus Lautsprechern klingt ,Californication" von den Red Hot Chili Peppers, die Stimmung im Fahrerlager ist gelöst, wir fühlen uns wie auf einem Festival. Und warum kümmert sich der Mineralöl-Konzern Shell nun ums Spritsparen – schließlich ist das doch geschäftsschädigend? Cornelia Wolber, Pressesprecherin von Shell Deutschland, meint dazu: ,Der Kraftstoffbedarf schnellt auf der ganzen Welt nach oben – die Fahrzeugmärkte in China und Indien wachsen explosionsartig. Damit dieser Bedarf in Zukunft überhaupt noch gedeckt werden kann, muss Sprit gespart werden."

Jeder Tropfen zählt