Forschungsprojekt zur Evakuierung bei Tunnelbränden

Viele Autofahrer haben Angst vor Straßentunneln, gerade weil sich immer wieder Brände in den dunklen Röhren ereignen. Noch immer bleiben viel zu viele Autofahrer bei Feuer lieber erstmal im Auto und warten ab. Eine Befragung von über 400 Personen durch Berthold Färber an der Universität der Bundeswehr München hatte alarmierende Ergebnisse: 16 Prozent der Befragten würden im Fahrzeug bleiben, wenn im Tunnel Feuer und Rauch zu sehen sind, 19 Prozent wissen nicht, was zu tun ist.

Nur drei Minuten Zeit zur Flucht
Die Zeit, die bei einem Brand bis zur Evakuierung zur Verfügung steht, wird von 42 Prozent der Befragten überschätzt. Die Autoinsassen unterschätzen beim Tunnelbrand die Dramatik der Situation und erleben das Fahrzeug als Schutzraum. Das ist fatal, denn meist hat man nur etwa drei Minuten Zeit, auszusteigen und den Tunnel zu verlassen. Dabei entsteht die Gefahr nicht durch die Hitze, sondern durch die Rauchgase: ,Brandtote sind Rauchtote", sagt Färber. Wie man die Fahrer dazu bewegt, dies möglichst schnell zu tun, ohne Panik zu entwickeln, damit beschäftigt sich der Psychologe mit seinem Team an der Bundeswehr-Uni. Wir haben uns vor Ort informiert.

Theaterrauch im Nazi-Bunker
In einem umgebauten Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg untersuchen die Verkehrspsychologen, wie man Personen in einer verrauchten, dunklen und lauten Umgebung signalisiert, dass sie das Fahrzeug verlassen und sich in einer bestimmten Richtung auf die Suche nach dem Notausgang machen sollen. Theaterrauch und Lärmbeschallung dienen dazu, das Szenario realistisch zu machen. Dann setzt man Versuchspersonen in ein Autocockpit und knipst das Licht aus. Per Wärmebildkamera beobachten die Forscher, wie sich die Testpersonen verhalten.

Die längste Orgelpfeife Bayerns
Durchsagen per Lautsprecher sind schwer verständlich und Schilder werden nicht von jedem verstanden. Daher ließen sich die Wissenschaftler etwas Exotischeres einfallen. In ihren Experimenten stellten die Psychologen fest, dass ein tiefer Bass-Sound mit sägezahnförmiger Schwingungskurve und ein dunkler Ton aus der Orgelpfeife am erfolgreichsten dabei sind, die Insassen aus dem vermeintlich sicheren Auto herauszutreiben. Dabei werden die tiefen Frequenzen der Orgelpfeife mit nur sieben Hertz nicht gehört, sondern mehr im Bauchraum gefühlt. In Färbers Bunker steht wegen dieser Experimente eine der längsten Orgelpfeifen Bayerns, eine zehn Meter lange Holzröhre, die auch noch ,gedackt" ist, das heißt am Ende verschlossen. So ist die Schwingungslänge der Luftsäule darin doppelt so lang. Nur so passt eine Sieben-Hertz-Orgelpfeife in den Bunker hinein. In einem Tunnel wäre die Länge wohl kein Problem und als Material könnte man Beton statt Holz nehmen – eine sehr wartungsarme Einrichtung.

Lockende Lichter ...
Im nächsten Schritt müssen die Flüchtenden zu den Notausgängen ,gelockt" werden. Dazu kommen Lauflichter infrage, wie sie auch an Baustellen-Absperrungen mit ihren koordiniert blinkenden Baken verwendet werden – oder auch im Flugzeug, um die Passagiere zu den Notausgängen zu leiten. Außerdem setzt man Handläufe ein, die den Fliehenden die Orientierung erleichtern. Sollen sie die Fahrbahn queren, macht der Handlauf eine Biegung in dieser Richtung und ein Laser deutet den gewünschten Kurs an. Als beste Orientierungshilfe empfiehlt Färber eine Kombination aus Lauflicht, Handlauf und Laser.

... und Rotkehlchen-Stimmen
Um den Notausgang auch akustisch zu markieren, empfiehlt sich eine Kombination aus verschiedenen Signalen. Ein so genanntes Weißes Rauschen lässt sich am besten orten. Eine Sprechstimme ("Please, exit here") ist die logische Lösung, aber wer kein Englisch kann oder die Durchsage nicht versteht, hat nichts davon. So ergänzt Färber die verbale durch eine nonverbale Komponente, nämlich verschiedene Vogelstimmen. Schließlich wird ein gesungenes ,Hier her" in der typischen Rufterz verwendet – das ist das Notenintervall, das unbewusst von den meisten Menschen verwendet wird. Auch die gesungene Aufforderung wurde oft richtig verstanden – obwohl es auch Probanden gab, die ,Bier her" verstanden haben, wie Färber mit einem Schmunzeln anmerkt.

Bei 80 Prozent wirkt es
Die Kombination aller Maßnahmen half 80 Prozent der Versuchspersonen beim Finden der rettenden Notausgänge, so Färber. Selbst ältere Tunnel könnten mit geringem Aufwand mit diesen Systemen nachgerüstet werden. Es wäre gut, wenn die Vorstellungen von Färber bald Wirklichkeit werden.

Gallery: Gefährliche Tunnelbrände