Studie zeigt die Möglichkeiten der Kohlefaser-Technologie

Sant' Agata Bolognese (Italien), 30. September 2010 – Viele Zylinder und eine Menge PS: Das waren die Werte, die einst beim Autoquartett zählten. Doch viel wichtiger ist die Zahl, die das Auto auf die Waage bringt. Erst konsequenter Leichtbau macht echte Sportwagen schnell, das wusste bereits Lotus-Gründer Colin Chapman. Jetzt zeigt Lamborghini auf dem Pariser Autosalon (2. bis 17. Oktober 2010), welche Möglichkeiten die Anwendung von Kohlefaser-Technologie eröffnet.

Das sechste Element
Anschauungsobjekt im wahrsten Wortsinne ist die atemberaubende Studie Sesto Elemento, die mit V10-Triebwerk und permanentem Allradantrieb nur 999 Kilogramm wiegen soll. Das ermöglicht laut Lamborghini ein Leistungsgewicht von nur 1,75 Kilogramm pro PS und eine Beschleunigung auf Tempo 100 in gerade einmal 2,5 Sekunden. Der Name des Technologieträgers, übersetzt ,das sechste Element", leitet sich aus dem naturwissenschaftlichen Periodensystem ab. Als ebenjenes sechstes Element wird dort Kohlenstoff geführt. Mehrere innovative Kohlefaser-Technologien werden beim Sesto Elemento erstmals im Automobilbau eingesetzt.

Solide Basis
Die Basis des Super-Lambos bildet eine extrem solide, aber dennoch leichte Struktur aus Kohlefaser. Die Fahrgastzelle ist als Monocoque gefertigt. Der gesamte Frontrahmen, die Crashboxen und die Außenhaut-Teile bestehen ebenfalls aus CFRP. Diese Abkürzung steht für ,carbon fiber reinforced plastics", also kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe. Beim Sesto Elemento werden auch wesentliche Teile der Radaufhängungen und die Felgen aus Kohlefaser hergestellt. Die Auspuff-Endrohre sind aus Pyrosic, einem Glas-Keramik-Verbundstoff, der Temperaturen von bis zu 900 Grad aushält. Auch die Kardanwelle ist aus CFRP. ,Sehr deutlich über 300 km/h" soll die Höchstgeschwindigkeit des Sesto Elemento laut Hersteller betragen. Möglich macht das der 570 PS starke V10 aus dem Gallardo LP 570-4 Supperleggera. Übertragen wird die Kraft durch ein E-Gear-Getriebe, dessen sechs Gänge über Wippen am Lenkrad gewechselt werden.

Reduziertes Design
Außen ist der Hauptbestandteil des Sesto Elemento überall sichtbar. Das Fahrzeug ist mit einem neuartigen, matt-schimmernden Klarlack überzogen, die CFRP-Struktur bleibt überall erkennbar. Dennoch ist der Sesto Elemento nicht nur schwarz: Für die Endfertigung der Kohlefaserteile wurde eine spezielle Lackierung entwickelt und patentiert. Nano-Technologie ermöglicht das Beimischen von feinen Kristallen, die rot schimmern.

Konsequent in Form und Funktion
Jede Linie soll laut Lamborghini eine klare Funktion erfüllen: Die beiden senkrechten Stege in der Front etwa verbessern die Steifigkeit des Bauteils und lenken die Kühlluft gezielt dem dahinter liegenden Motor-Wasserkühler und den Bremsen zu. Auch unter härtesten Bedingungen auf einer Rennstrecke soll damit die thermische Gesundheit der Bauteile garantiert bleiben. Den Weg ins Freie findet die Kühlluft durch zwei dreieckige Öffnungen in der Haube unterhalb der Frontscheibe und durch große Auslässe in den Seitenteilen hinter den Vorderrädern. Scharf geschnittene Scheinwerfer-Einheiten komplettieren die Front. Auch hier ist Reduktion das Thema: Neben den Bi-Xenon-Lampen werden jeweils nur vier Leuchtdioden eingesetzt. Die Seitenschweller sind sehr breit herausgezogen, sie schaffen die Verbindung zwischen den Luftauslässen hinter der Vorderrädern und den großen Lufteinlässen vor den Hinterrädern. In diesen Schächten sind unter anderem die Kühler für Motor- und Getriebeöl platziert. Die Felgen sind mit fünf Speichen gestaltet und komplett aus Kohlefaser gefertigt. Sie geben den Blick frei auf die Hochleistungs-Bremsanlage mit Karbon-Keramik-Scheiben.

Perfekte Aerodynamik
Der hintere Überhang des Lamborghini Sesto Elemento ist extrem kurz und wiederum vom Gedanken der Aerodynamik geprägt. Der großzügig dimensionierte Spoiler wurde auf den Diffusor und ein weiteres Luftleitelement in der Mitte abgestimmt. So sind ein maximaler Abtrieb für extreme Kurvengeschwindigkeiten und ein stabiler Geradeauslauf bei höchstem Tempo garantiert. Die Pyrosic-Endrohre sind nach oben durch die Motorabdeckung geführt, zudem sorgen hier zehn sechseckige Öffnungen zusammen mit zwei Lufthutzen hinter dem Dach für den Frischluftnachschub des V10-Triebwerks.

Komplexe Strukturen in einem Bauteil
Eine wesentliche Stärke der Kohlefaser-Technologie liegt darin, dass komplexe Strukturen in einem einzigen Bauteil integriert werden können. Das verbessert die Qualität und reduziert das Gewicht. So sind beim Lamborghini Sesto Elemento die Front und das Heck der Karosserie jeweils in einem Stück gefertigt. ,Cofango" nennen die Ingenieure dies, gebildet aus den italienischen Wörtern ,cofano" (Haube) und ,parafango" (Kotflügel). Die großen Teile sind mit Schnellverschlüssen befestigt, die sich leicht abnehmen lassen. Zudem ist der ,Cofango" eine Reminiszenz an eine Ikone der Markengeschichte: Der legendäre Lamborghini Miura war 1966 als Mittelmotor-Supersportwagen einzigartig – und auch seine Heckabdeckung ließ sich in einem Stück öffnen.

Nur das Wesentliche
Das Interieur wurde stark versachlicht. Das beginnt schon beim Mobiliar: Auf ein herkömmliches Sitzgestell hat Lamborghini komplett verzichtet. So sind die optimal geformten und mit einem Hightech-Stoff bezogenen Kissen direkt auf dem Kohlefaser-Monocoque befestigt. Für die richtige Ergonomie sorgen das in der Höhe und Weite verstellbare Lenkrad sowie die in der Länge elektrisch verstellbaren Pedale. Zudem fehlen auch Verkleidungen im klassischen Sinn, überall dominiert das sichtbare Funktionsmaterial CFRP – an Boden und Dach des Monocoques, an den Türen und auch an Cockpit und Mittekonsole. Selbst die elektronischen Steuergeräte sind offen sichtbar. Die Instrumente sind in einem Display zusammengefasst, das vor allem über Drehzahl, Geschwindigkeit und alle Parameter des Motors Auskunft gibt. Ganze drei Schalter zieren die Mittelkonsole: einer zum Anlassen des Motors, einer um den Rückwärtsgang einzulegen und einer für die Scheinwerfer.

Bildergalerie: Lambo auf Radikal-Diät