Mit dem BMW 1er M Coupé Safety Car über die Rennstrecke in Katar

Das zirka 5,4 Kilometer lange Streckenband sieht nachts aus wie ein riesiges weiß glühendes ,M". Dies passt ganz gut zum BMW 1er M Coupé Safety Car. Hier auf dem Katar Losail International Circuit stellen die Bayern ihren Über-1er vor – und versuchen dabei noch viel geheim zu halten. Wir haben uns zur Autorennfahrerin Claudia Hürtgen ins Safety Car gesetzt und mit ihr ein paar Runden auf dem Motorrad-Rennkurs gedreht. Jetzt wissen wir mehr über den sensationell ballernden Wagen, die Zukunft von BMW M, das Land Katar, die MotoGP-Serie und Randy Mamola haben wir auch noch getroffen.

Aus Gas wird Geld
Katar ist ein Emirat am Persischen Golf – eine Landverbindung gibt es nur zu Saudi Arabien. Im Norden des halbinselförmigen Landes findet sich der Grund für den Boom, den dieser kleine Staat in den letzten Jahren hingelegt hat: Erdgas. Nach Russland und dem Iran hat man die drittgrößten Erdgasreserven der Welt, und Experten meinen, dass dieser Schatz noch länger als 500 Jahre ausbeutbar ist. Die Erdölreserven sollen noch mehr als 100 Jahre reichen. Die aus dem Verkauf der Rohstoffe resultierenden Einnahmen möchte man in Katar klug investieren. So schaut die Qatar Investment Authority ständig nach langfristigen Firmenbeteiligungen. Schließlich halten die Araber Anteile an Porsche und sind drittgrößter Aktionär bei VW. Und da in der Wüste nicht viel los ist, kümmert sich die Regierung auch ums sportliche Vergnügen: Nicht nur die MotoGP-Serie schaut in Katar vorbei. Auch die Fußballweltmeisterschaft 2022 wird hier ausgetragen – in klimatisierten Stadien. Schließlich stiegen die Temperaturen im Sommer 2010 auf bis zu 60 Grad Celsius bei hoher Luftfeuchtigkeit – aber auf enorme Bauprojekte freut man sich. Geht nicht gibt es nicht.

,Impossible is nothing"
Wir sind in den Top-Showrooms von Alfardan Automobiles in Katars Hauptstadt Doha. Die Alfardan-Gruppe hat sich dem Handel mit Fahrzeugen der gehobenen Klassen verschrieben. Man hat BMWs genauso im Angebot wie beispielsweise Wagen von Jaguar, Maserati oder Rolls-Royce. Außerdem handelt die Alfardan-Famile mit hochklassigem Schmuck und teuren Uhren – und man baut Inseln. Die künstliche Halbinsel ,The Pearl" liegt vor Doha und wurde an einer Stelle errichtet, wo früher schon mal eine Insel war. Das flache Wasser und der Einsatz von Granit soll dem Bauwerk mehr Substanz verleihen als anderen Inselprojekten in der Region. 45.000 Appartments entstehen auf dem Areal – und ein kleiner Wurmfortsatz ist unverkäuflich. Neun Mini-Inseln mit privatem Jachthafen und je zwei Privatstränden fädeln sich an einem dünnen Straßen-Faden von der Hauptinsel weg. Preise? Eigentümer? Kein Kommentar – diese exklusiven Liegenschaften sind für die Herrscherfamilie von Katar reserviert. Eins merken wir hier ganz schnell: Der Spruch ,Geht nicht" ist hier ein absolutes No-Go. Auch die gigantischsten Projekte werden angstlos umgesetzt – durch Arbeit rund um die Uhr und mit Unsummen von Geld. Im Jahr 2011 wird Katar das höchste Pro-Kopf-Einkommen der Welt haben und damit Luxemburg als bisherigen Spitzenreiter verdrängen.

Kleckern verboten
Die BMW-Verkaufshallen stehen sinnbildlich für ganz Katar: Alles ist hell, piekfein, super sauber und auf dem neuesten Stand der Technik. Wo in Katar in den 1970er-Jahren noch ein Hospital war, ist jetzt eine hochmoderne Krankenhausstadt. Wo eine unbedeutende Schule vor sich hinkümmerte, sammeln sich jetzt die rennomiertesten Unis um einen gemeinsamen Campus. Wo früher nur ein Flugfeld war, sollen im Jahre 2015 bis zu 50 Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden können. Man plant solide und langfristig, um ganz oben mitspielen zu können. Kay Segler, Chef von BMW M weist darauf hin, das Katar für BMW der zweitwichtigste Markt im nahen Osten ist – noch vor Dubai. Flughafen-VIP-Fahrzeuge und Hotel-Shuttles werden in großem Stil von den Bayern geliefert. Und auch der Privatmarkt für Autos von BMW boomt. Kein Wunder, dass die sportlichen Jungs von der M GmbH ihr neuestes Renn-Einzelstück hier in der Wüste präsentieren.

Fallrohr unterm Wagen
BMW ist bereits seit Mitte der 1990er-Jahre Partner der MotoGP-Rennserie. In der Formel-1 der Motorradwelt ist man zwar im Moment nicht direkt vertreten, aber die Bayern liefern das Safety Car. Dass BMW vielleicht bald mit eigenen Motorrädern am MotoGP teilnimmt und das unter Umständen sogar mit einem deutschen Fahrer, erfahren wir erst später. Jetzt stehen wir erstmal vor dem 1er M Coupé in seiner Safety-Car-Variante. Der Wagen ist leichter und schneller als ein serienmäßiges 1er M Coupé. Unser Einzelstück liegt auf einem neuen Fahrwerk tiefer und fährt mit 19-Zoll-Reifen. Die Bremsen und den verstellbaren Heckspoiler bekommt der Super-1er vom M3 GTS. Da der 1er grundsätzlich auf dem 3er basiert, lassen sich viele Komponenten gemeinsam verwenden. Im speziellen Safety Car steckt also ein Haufen GTS-Technik. Das Beste: Eine klassische Abgasanlage mit Schalldämpfern und Katalysatoren gibt es nicht mehr. Eine Art Titan-Fallrohr vermindert den Abgas-Gegendruck und wird für sieben bis zehn Zusatz-PS sorgen. Aber dies wird von BMW nicht offiziell kommuniziert. Schließlich will man keine Hoffnungen auf ein Serienmodell wecken. Ein 1er M Coupé GTS wird es definitiv nicht zu kaufen geben.

Unendliches Bollern
Wir steigen zu Claudia Hürtgen in den Wagen. Sechspunkt-Gurte fixieren uns in den Rennschalen – die serienmäßigen Rollgurte gibt es übrigens auch noch. Die Fond-Sitze sind verschwunden, hier wurde ein weiß lackierter Überrollkäfig verschraubt. Das erste, was Hürtgen auffällt, ist die kleine Stoppuhr im Kombiinstrument: Die Ingenieure haben dem 350-PS-1er einen niedlichen Race Timer gegönnt. Allerdings misst dieser nur die Zeit von jeweils einer Runde und muss dann neu gestartet werden. Und Hürtgen startet den Wagen – ein irres Bollern, Blubbern und Beben flutet die Umgebung. Jeder noch so feine Gasstoß wird akustisch eindeutig quittiert. Wir fragen Hürtgen noch, wie oft sie den Wagen schon gefahren ist. ,Noch nie, dies ist meine erste Runde."

Bollern, Brummen, Kurvenjagd
Wir schießen mit dem 1er Safety Car auf den Katar Losail International Circuit. Hürtgen lässt den Wagen dafür, dass es ihre erste Runde ist, gut los. Wir fahren im Uhrzeigersinn, zehn Rechts- und sechs Linkskurven liegen vor uns. Nach der ersten Kurve meint sie: ,Da ist noch zu viel Fremdgummi auf den Reifen." Wir glauben, ganz leichte Vibrationen zu spüren. Beim Anbremsen merken wir, wie wahnsinnig direkt und giftig die Bremsen zubeißen. Auch die Lenkung beschreibt Hürtgen als direkt. Der Motor dreht frei und willig hoch. Der mitreißende infernalische Klang gibt M-typisch genaueste Rückmeldungen über die jeweilige Gasfuß-Aktion. Wanken in den Kurven kennt das Safety Car nicht und nach einer Runde meint Hürtgen dann: ,Jetzt sind die Reifen frei." Wir glauben sofort, dass die Vibrationen aufgehört haben. Hürtgen muss lächeln: ,Dieser Kurs ist lustig. Das sind so viele Dritte-Gang-Kurven." Die Rennstrecke hier ist für Motorradrennen optimiert – Autos haben selten Platz, um richtig Schwung zu holen. ,Für Fahrwerksabstimmungen ist dieser Kurs aber ideal", meint Hürtgen noch.

M: Zukunft und Autoverkauf an der Strecke
,Wir haben bereits viele Autos an der Strecke verkauft" erzählt uns M-Chef Kay Segler. Die Kooperation mit der Motorrad-Rennveranstaltung lohnt sich. Nicht umsonst hat jüngst AMG, die Sportabteilung von Mercedes, eine Zusammenarbeit mit dem italienischen Motorradhersteller Ducati bekannt gegeben. Die M-GmbH profitiert momentan auch vom Aufschwung in China – die Chinesen haben ihr Herz für besonders sportliche und dennoch voll alltagstaugliche Fahrzeuge entdeckt. Deshalb wird auch der neue BMW M5 zuerst auf der Auto Shanghai (21. bis 28. April 2011) gezeigt. Außerdem kündigt Segler noch eine kleine Überraschung für 2011 an. ,Vielleicht ist diese ja sogar wegweisend, mehr darf ich im Moment nicht verraten", so der M-Boss. Er lässt noch durchblicken, dass diese Überraschung etwas mit neuen Materialien zu tun haben wird. Zur Frage, ob M sich auch Elektrofahrzeuge wie den für 2013 angekündigten BMW i3 vornehmen würde, meint Segler nur: ,Einem Elektroauto müssten wir auf der Nordschleife vom Ziel aus entgegen fahren. Das kommt bei Renntempo nicht weit." Aber: M scheint intensiv zu experimentieren. So wurde kürzlich auf dem Nürburgring eine Pick-up-Variante des M3 gesichtet. Die Ladefläche könnte dazu dienen, dort Wasserstoff-Tanks zu lagern. Schließlich forscht BMW schon länger an Verbrennungsmotoren, die mit Wasserstoff betrieben werden. Der BMW Hydrogen 7 wurde sogar als Kleinserie aufgelegt.

638 Gramm pro PS
BMW-M-Fahrzeuge sind leicht und leistungsstark – aber an das Leistungsgewicht eines MotoGP-Motorrades kommen sie nicht ran. Die Maschinen dürfen um die 150 Kilogramm wiegen und sind im Schnitt mit 235 PS unterwegs. Ein PS muss also gerade mal 638 Gramm bewegen. Als BMW-Motorradsparten-Chef Hendrik von Kuenheim erwähnt, dass es bisher noch kein Engagement von M bei Motorrädern gibt, erwidert Kay Segler schmunzelnd, dass da ja auch kaum etwas zu verbessern sei. Beim MotoGP ist BMW, wie bereits erwähnt, momentan nicht dabei. Aber man scheint mit einem Einstieg zu liebäugeln, obwohl dies enorme Kosten nach sich ziehen würde. 40 bis 60 Millionen Dollar investieren die Werkteams in eine Rennsaison. Allerdings ist dies ein Betrag, über den Katar nur lachen kann: Allein die Lichtanlage für die Rennstrecke soll 60 Millionen Dollar gekostet haben. Die Lampen reichen für 50 Fußballfelder oder 800 Kilometer Landstraße. Falls sich BMW dazu durchringen könnte, an der MotoGP teilzunehmen, hätte man Aussicht auf talentiertes Personal: Der äußerst erfolgreich in der Moto2-Klasse startende Deutsche Stefan Bradl hätte gerüchteweise Lust auf BMW-Motorräder beim MotoGP.

Einspur-Formel-1
Auf der Strecke treffen wir Ex-Rennfahrer und Sportkommentator Randy Mamola. Crazy Randy, der amerikanische Motorrad-Haudegen, weiß alles über den MotoGP. Die Teams vertrauen ihm so, dass er uns sogar in die Boxen mitnehmen darf – fotografieren ist allerdings verboten. Mamola zeigt uns die vielen Karbon-Anbauteile, die irre gewundenen Endrohre und die aus Schwerpunkt-Gründen weit unter den Sitzen liegenden Tanks. Die Reifen sind ein Thema für sich, werden extra für jeden Kurs speziell angemischt. Damit die Kerntemperatur der Gummis immer perfekt ist, stellt der japanische Reifenhersteller und MotoGP-Zulieferer Bridgestone Compound-Pneus her: Die rechte Seite des Reifens besteht aus einer anderen Gummimischung als die linke – angepasst an die Zahl und Form der jeweiligen Rechts- und Linkskurven. In der Produktion werden einzelne Gummifäden per Laser auf die Karkasse getragen. Das Chassis der Zweiräder ist laut Mamola eine Kunst für sich – schließlich muss ein Motorrad in der Kurve wegen seiner Schräglage auch Stöße von der Seite gut wegfedern. Und beim Getriebe hat Honda aktuell die Nase vorn: Die Japaner erreichen auf unbekannte Weise erheblich niedrigere Schaltzeiten als ihre Konkurrenten. Mamola betont, dass gemessen am technischen Aufwand, an der Ausstattung der Teams und der Organisation der Rennen der MotoGP mit der Formel 1 vergleichbar ist.

Bradl und Stoner
Der Australier Casey Stoner entscheidet das MotoGP-Rennen in Katar recht komfortabel für sich. Aus deutscher Sicht erfreulich: In der ebenfalls an diesem Abend ausgefochtenen Moto2-Klasse triumphiert Stefan Bradl, der damit als Weltmeisterschafts-Kandidat gilt. Nach den nächtlichen Rennen entsteht rund um den Rennkurs ein kleiner Stau. Kein Vergleich mit dem undurchdringlichen Gewühl, welches nach Rennen im spanischen Jerez oder im italienischen Mugello entsteht. Aber auch ein Zeichen dafür, dass sich Katar selbst im Bereich Motorsport zu einem ernstzunehmenden Austragungsort entwickelt. Wir haben keinen Zweifel, dass die Katarer auch die Fußball-WM 2022 vorbildlich stemmen werden.

Die Wüste rennt