Kommentar: Shells E10-Versicherung hat viele Haken

Alles wird gut. Zumindestens, wenn es nach der deutschen Automobilindustrie und Shell geht. Von Audi bis VW: Die deutschen Hersteller wollen plötzlich bei E10-Schäden haften, wenn sie bei Autos auftreten, die laut DAT-Liste E10 vertragen. Es bleibt allerdings die Frage, wie ein Autofahrer, der nach mehreren Jahren einen Motorschaden hat, später belegen kann, dass E10 die Ursache war. Laufen jetzt in Wolfsburg und anderswo mehrere hundert Motoren über Jahre auf den Prüfständen?

Mißtrauen ins eigene Produkt
Immerhin bewegt sich nun auch der sprichwörtlich schwerfällige Tanker Mineralölindustrie. Nachdem die aufmüpfige Kundschaft den neuen Wundersaft E10 links liegen lässt, kommt Shell auf eine grandiose Idee: Die kostenfreie E10-Versicherung. Schon den Begriff muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Kraftstoffanbieter schützt seine Kunden vor den Folgen eines Kraftstoffs. Das ist in etwa so, als würde Ihnen ihr Metzger eine Lebensversicherung andrehen, das Fleisch könnte ja schlecht sein. Nur gibt es beim Metzger eine scharfe staatliche Kontrolle, in der Mineralölwirtschaft offenbar nicht. Wie erklären sich sonst die fast verzweifelten Appelle von Bundesumweltminster Röttgen an die Konzerne, doch bitte nicht an der Preisschraube zu drehen?

Das vergoldete Ei des Kolumbus
Interessant wird es, wenn man sich den von Shell gepriesenen E10-Schutz einmal näher anschaut. Kostenfrei ist hier nur das Formular zur komplizierten Beantragung. Zunächst müssen Sie als Kunde mindestens 30 Liter Super E10 bei Shell tanken, 50 Euro sind also schon mal fällig. Dann kommen die Stolperfallen: Fahrzeuge mit einer Erstzulassung vor 1996 sind nicht versicherbar und das Modell muss laut DAT-Liste unbedenklich E10 tanken können. Damit ist die ganze Nummer eigentlich nur noch interessant, falls Sie ein ausländisches Auto fahren, weil Audi und Co. ja bereits von sich aus haften. Aber es kommt noch dicker: Shell haftet nicht ,für Schäden, die nicht unmittelbar und kausal auf E10 zurückzuführen sind". Im Ernstfall dürfte es also kompliziert werden, aber sie haben netterweise die Chance, für 250 Euro einen Sachverständigen der DEKRA anzufordern. Bevor wir es vergessen, noch ein Blick ins Kleingedruckte: Selbstverständlich müssen nach Vertragsabschluss mindestens 80 Prozent des Kraftstoffs bei Shell getankt worden sein. Viel Spaß also bei der Tankstellensuche. Immerhin: Nach 18 Monaten endet der Versicherungsschutz. Geht Ihr Motor nach zwei Jahren hops, wird Shell nur mit den Schultern zucken, obwohl der Konzern an Ihnen hübsch verdient hat. Das nebenbei noch etliche Daten von Ihnen gespeichert werden, ist fast schon geschenkt.

Holt den Tankwart zurück!
Wie kommen wir nun aus dem ganzen E10-Schlamassel raus? Den Sprit billiger machen? Das dürfte kaum helfen, denn das Vertrauen der Verbraucher ist bereits zerstört. Vielleicht durch mehr Transparenz seitens der Mineralölkonzerne. Mit der E10-Versicherung sorgt Shell jedoch weder für mehr Vertrauen noch für den nötigen Durchblick. Wenn im Februar 2011 "Shell FuelSave Super 95" zu "Shell FuelSave Super E10" mutiert, aber aus "Shell V-Power 95" plötzlich teures "Shell V-Power" wird, greifen viele erst recht zu ,Shell V-Power Racing". Geschulte Tankwarte statt geldschneiderischer Versicherungen wären die klar bessere (und ehrlichere) Lösung.