Mit der Brennstoffzellen-B-Klasse durch Australien

Der schwarze Mercedes Sprinter neben uns stampft, schnauft und wippt unanständig. Augenscheinlich kostet es ihn einiges an Anstrengung, unseren Wagen mit Treibstoff voll zu pumpen. Das ist auch keine einfache Aufgabe: Mit einem Druck von 700 bar müssen vier Kilogramm Wasserstoff in unsere Mercedes B-Klasse befördert werden. Wir sind mit der Brennstoffzellen-betriebenen Variante der B-Klasse unterwegs in Australien. Bei einem 30.000-Kilometer-Ritt um die ganze Welt soll die Technik beweisen, dass sie allen Eventualitäten und klimatischen Bedingungen gewachsen ist. Unser Teilstück von Sydney nach Melbourne ist 1.338 Kilometer lang, liegt beinahe in der Mitte der Gesamtstrecke und Australien ist die einzige Etappe auf der gesamten Tour mit Linksverkehr. Wir sind in einem Land unterwegs, in dem es nur eine einzige Wasserstofftankstelle gibt: unseren Begleit-Lkw mit seinen neun roten Treibstoffröhren und seinem kleinen Kumpel, den eingangs erwähnten schnaufenden Pumpwagen.

Eher europäisch
Wir wuseln uns durch den dichten Stadtverkehr raus aus Sydney. Die Leute gucken unsere auffällig grün lackierten Autos an, manche grüßen uns mit dem Daumen nach oben. Die B-Klasse ist das kleinste Modell, welches Mercedes in Australien anbietet. Ansonsten wird das Straßenbild von einer fast schon europäisch anmutenden Fahrzeugvielfalt geprägt: Alfas, Hyundais, Peugeots, Toyotas und Mazdas fahren hier rum. Am häufigsten sehen wir allerdings Modelle der australischen GM-Tochter Holden, deren Palette sich aber zum großen Teil aus umgebadgen Opel- und Chevrolet-Modellen zusammensetzt. Cool sind die Limousinen-Pick-ups wie der Holden Ute oder der Ford Falcon Ute, oft tiefer gelegt und mit schicken Felgen. Aus deutscher Sicht noch ganz angenehm: Die Australier benutzen das metrische System. Entfernungen werden also in Kilometer und Geschwindigkeiten in Kilometer pro Stunde angegeben. Bei Temperaturangaben ist Grad Celsius angesagt – und auch das Angebot in den Supermärkten unterscheidet sich kaum vom europäischen Sortiment.

Warum Brennstoffzelle?
Raus aus Sydney wird es vollkommen stressfrei. In Australien leben 2,7 Einwohner auf einem Quadratkilometer – in Deutschland drängeln sich auf der gleichen Fläche 229 Personen. Unsere B-Klasse ist links gesteuert, was hier im Linksverkehr beim Überholen manchmal einen helfenden Blick des Beifahrers erfordert. Ansonsten soll das Brennstoffzellen-Fahrzeug umweltfreundlich vorankommen und dabei die Nachteile eines reinen Elektroautos links liegen lassen. Diese wären in erster Linie geringe Reichweiten in Kombination mit langen Ladezeiten. Dazu kommen noch hohe Anschaffungskosten und eine schlecht ausgebaute Lade-Infrastruktur. Bei unserem Brennstoffzellen-Auto muss Wasserstoff in den Tank, welcher dann von besagter Brennstoffzelle in Strom umgewandelt wird. Das Tanken von vier Kilogramm Wasserstoff dauert an einer Wasserstoff-Tankstelle drei Minuten – ist also locker alltagsfähig. Allerdings braucht die uns begleitende mobile Tanktruppe 20 Minuten, um die B-Klasse zu füllen. Dabei wird der Wagen übrigens mithilfe einer an den Bremssattel hinten rechts geklemmten Zange geerdet. Wie sieht es nun mit der Reichweite aus?

Normverbrauchs-Tücken
Mit den vier Kilogramm Wasserstoff soll unsere B-Klasse 400 Kilometer weit kommen. Aber diese 400 Kilometer wurden nach dem europäischen Normverbrauchszyklus ermittelt. Mit anderen Worten: Im normalen Straßenverkehr ist das Erreichen dieser Distanz eine Illusion. Auf 100 Kilometer wird gemäß Normverbrauch ein Kilogramm Wasserstoff fällig – das entspricht einem Verbrauch von 3,3 Liter Diesel. Wir kommen bei sparsamer Fahrweise nicht unter 1,2 Kilogramm Wasserstoff pro 100 Kilometer. Als wir am zweiten Tag bei der mobilen Tankstelle zum Nachfüllen anhalten, haben wir noch 260 Gramm unseres begehrten Stoffs im Tank – vom Gewicht her also etwas mehr als ein Stück Butter. Unsere Reichweite an diesem Tag: 270 Kilometer. Allerdings sind hier auch lange Tempo-100-Strecken drin, so dass die Reichweite insgesamt über der von Elektroautos liegt. Allerdings: Wo soll der Wasserstoff getankt werden?

Netz kostet Geld
Weltweit gibt es gerade mal 200 Wasserstoff-Tankstellen – im Gegensatz zu zirka 14.400 normalen Tanken allein in Deutschland. Laut Mercedes wären rund drei Milliarden Euro nötig, um 1.000 Wasserstoff-Zapfstationen in Deutschland zu installieren. Was nach viel Geld klingt, ist angesichts der Kosten für die Euro-Rettung ein Witz. Aber diese drei Milliarden muss erstmal jemand aufbringen. In der Clean Energy Partnership (CEP) sind zwar auch große Mineralölkonzerne wie Shell, Total oder Statoil dabei. Doch ob und wann die Tankstellenbetreiber hier durchstarten, ist offen.

Wasserstoff macht jetzt schon Sinn
Lust auf den Verkauf von Wasserstoff haben natürlich dessen Hersteller wie beispielsweise Linde oder Air Liquide, die Wasserstoff in großem Stil durch Dampfreformierung von Erdgas erzeugen. Mercedes sitzt bereits mit allen Beteiligten an einem Tisch, um auch das Infrastruktur-Problem in den Griff zu bekommen. In Sachen Umweltverträglichkeit soll in Zukunft Wasserstoff zum Einsatz kommen, der mit regenerativen Energien erzeugt wird. Aber schon jetzt macht Wasserstoff Sinn: Im Vergleich zu Benzin liegt die Gesamtenergiebilanz um 30 bis 40 Prozent besser, wenn man den kompletten Prozess vom Bohrloch bis zum Rad betrachtet – dem hohen Wirkungsgrad der Brennstoffzelle sei Dank. Aber dann sind da noch die Kosten eines Autos mit Brennstoffzellen-Antrieb. So eine Technologie ist nicht billig.

Weniger Platin
Die Kostensenkung hat die Priorität eins im Lastenheft der Mercedes B-Klasse F-Cell. Schließlich ist ein umweltfreundliches, aber zu teures Auto auf dem Markt chancenfrei. Bei der Brennstoffzelle geht es zum einen um die eingesetzten Materialien, zum anderen um den Herstellungsprozess. So wird das extrem teure Edelmetall Platin benötigt. Der Platin-Anteil wird gerade von den Entwicklungsingenieuren reduziert. Ziel ist es, in einer Brennstoffzelle nicht mehr Platin zu verwenden als in einem älteren herkömmlichen Katalysator – dort reichten 1,5 Gramm des edlen Materials. In Sachen Produktion hat Mercedes soeben im kanadischen Vancouver eine automatisierte Serienfertigung angestoßen – bisher war Brennstoffzellen-Herstellung Handarbeit. Hier sieht man die neuen Herausforderungen an die Produktionsprozesse in der Autoindustrie: Serienfertigung von leichten Karbonteilen, von modernen Batterien und eben von Brennstoffzellen. Von der aktuellen B-Klasse wurden bereits über 200 Brennstoffzellen-Wagen gebaut. Interessant wird die nächste Generation, die mit einer weit verbesserten Brennstoffzelle kommen wird.

Kleiner und leichter
Während die aktuelle Brennstoffzelle der B-Klasse einen Raum von 100 Liter einnimmt, wird die nächste Generation bei gleicher Leistung nur noch 45 Liter groß sein. Damit kann das System im ehemaligen Motorraum des Wagens untergebracht werden. Schließlich ist die Sandwichbauweise bei der neuen B-Klasse Vergangenheit – die Brennstoffzelle wird so konstruiert, dass sie auch bei C- und womöglich sogar bei E- und ML-Klasse einsetzbar ist. Dass die Leistung von 136 PS gleich bleibt und nicht steigt, hat nur einen Grund: Kosten. Die Brennstoffzelle sollte unter gar keinen Umständen teurer werden. In der Serie soll ein Brennstoffzellen-Wagen mal genauso viel kosten wie ein Diesel-Hybrid, also 15 bis 20 Prozent teurer sein, als ein Dieselfahrzeug.

Sale Police Station
Wir fahren an der Küste entlang und einer der wenigen kleinen Orte hier heißt tatsächlich Sale – wie Ausverkauf. ,Sale Baptist Church" und ,Sale Police Station" locken sicher so manchen Spaßvogel, mal nach dem Preis zu fragen. Ob dem örtlichen Mazda-Händler regelmäßig die Bude von ortsfremden Kunden eingerannt wird, konnten wir nicht in Erfahrung bringen. Ein paar Kilometer weiter wartet wieder der Tankstopp auf uns. Bis dahin reicht diesmal unser Wasserstoffvorrat locker. Muss er auch, schließlich gibt es noch keine Reservekanister für unter 700 bar Druck stehenden Wasserstoff. Und die bei einigen Mercedes-Modellen gegen Aufpreis verfügbaren größeren Tanks wird es bei Brennstoffzellen-Fahrzeugen zunächst auch nicht geben – hier wird von vornherein der größtmögliche Tank eingebaut.

So fährt er sich
Auf dem Tankparkplatz erwartet uns dann die Redakteurin einer örtlichen Tageszeitung – unser bunter Tross bringt Leben in das verschlafene Nest. Sie will wissen, wie sich unser Wagen fährt – Journalisten fragen Journalisten. Wir sagen, dass wir mit dem Wagen recht normal und unspektakulär unterwegs sind. Das Fahren in der Stadt mit vielen Ampelstopps, das Rauschen mit 110 km/h über die australischen Autobahnen und das Cruisen mit 100 km/h über die Landstraßen gehen mit der B-Klasse leicht vom Reifen. Auch das Überholen von langsameren Fahrzeugen auf der Landstraße klappt problemlos. Wobei Lkws genauso schnell fahren dürfen wie Pkws – und das tun sie auch. Nur bergauf oder in Kurven kriegt man sie. Es ist ganz nebenbei kein gutes Gefühl, wenn einem so eine Metallwand mit 18 Rädern bergab und ganz nahe am Mittelstreifen entgegendonnert.

Gewicht spüren
Die Redakteurin fragt noch, ob wir wegen der Brennstoffzelle irgendwelche Veränderungen spüren. Klar: Der Wagen ist über 200 Kilogramm schwerer als die Modelle mit Verbrennungsmotor, was trotz neu abgestimmten Fahrwerks bei Bodenunebenheiten und in Kurven deutlich zu spüren ist. Und das Beschleunigen verläuft eben gerade so normal und ganz sicher nicht sportlich. Aber wir sind von der Alltagstauglichkeit dieses Elektrofahrzeugs begeistert, schließlich gibt es keinerlei Einschränkungen beim Platzangebot oder sonst irgendwelche größeren Nachteile gegenüber der Verbrennungsmotor-B-Klasse.

Hier ist nichts los
Weiter geht es Richtung Melbourne. Jemand hat auf einen Stein am Straßenrand geschrieben: ,Hier ist nichts los." Beidseitig der Straße ziehen unten angekokelte Eukalyptus-Bäume an uns vorbei, die beiden Ultraschall-Turbinen in unserem Kühlergrill sind klein wie eine halbe Zigarette und vertreiben Kängurus. Angekommen in Melbourne finden wir den selbst auferlegten Titel von der Hauptstadt des Sports nicht bestätigt: In kalifornischen Küstenstädten haben wir deutlich mehr und enthusiastischere Sportler erlebt.

Alltagstest: bestanden
Wir fahren mit unserer B-Klasse eine Weile neben der alten Ringstraßenbahn her – diese entspannt rumpelnde Linie bringt einen zu den wichtigsten Ecken der Stadt und ist kostenlos. Am Ende unserer Tour müssen wir feststellen: Die B-Klasse mit Brennstoffzellen-Antrieb ist weder rebellisch noch exzentrisch – sondern wohl einfach das praktikabelste Elektroauto, das es im Moment gibt. Für die umweltfreundliche Wasserstofferzeugung aus Biomasse und/oder Abfällen gibt es große Pläne. Wenn dann noch Kosten und Infrastruktur in naher Zukunft stimmen sollten, wäre der Wagen ein Gewinn für die Umwelt ohne größere Einbußen bei der Alltagstauglichkeit.

Ganz normale Tage (fast)