Mercedes testet neue Technologien ohne Fahrer

Ein Horror-Szenario wie aus einem Krimi: Zwei schwere Mercedes-Limousinen rasen im rechten Winkel aufeinander zu. Ungebremst. Wir spannen die Muskeln, halten den Atem an und bereiten uns auf das trockene Geräusch knitterndes Blechs und auf das Knistern von splitterndem Glas vor. Die beiden Mercedes halten weiter aufeinander zu, werden sich gleich treffen. Doch nichts passiert: Mit einem haarscharfen Abstand schneiden sie aneinander vorbei und rollen danach in einer Kurvenbewegung aus.

Wie funkgesteuerte Modellautos
Wir beobachten die Szene vom Kontrollturm eines Testgeländes im Sindelfinger Mercedes-Werk aus. Die zwei Autos vollziehen dasselbe Spiel noch einmal. Und noch einmal. Jedes Mal fahren sie mit exakt der gleichen Geschwindigkeit von 70 km/h und verfehlen sich jedes Mal um exakt 1,30 Meter. Aus unserer sicheren Position wirkt die Szene wie ein Spielplatz, auf dem Kinder ihre funkferngesteuerten Modellautos aufeinander zusausen lassen. Denn – sehr vereinfacht ausgedrückt – etwas anderes spielt sich vor unseren Augen nicht ab. In den Wagen sitzen keine Fahrer: Über eine ausgeklügelte Mechanik lenken Roboter die Autos, können bremsen und Gas geben.

Automatisiertes Fahren
Mittels spezieller Software und GPS-Navigation werden die Maschinen-Chauffeure via Laptop vom Kontrollturm aus gesteuert. Ein Bordrechner sorgt dafür, dass der jeweils programmierte Kurs exakt nachgefahren wird – auch wenn mehrere Autos an einem Manöver beteiligt sind. Die Testingenieure im Leitstand überwachen alle Vorgänge und können die Fahrzeuge jederzeit stoppen. Darüber hinaus kontrollieren sich die Autos selbst und bremsen automatisch, wenn der Versuch nicht so abläuft, wie er soll.

Die Versuche sind reproduzierbar
Mit dem so genannten ,Automatisierten Fahren" testet Mercedes seit Jahresbeginn 2010 neue Assistenzsysteme und andere Sicherheitsfeatures. Dabei werden Helferlein wie Bremsassistenten, Totwinkelwarner, Abstandstempomaten, Auffahr-Warner und das Pre-Safe-System unter realen Bedingungen im Fahrzeug geprüft. Gefährliche Situationen wie das Einscheren mit verschiedenen Geschwindigkeiten und Abständen, scharfes Bremsen des Vordermannes oder klassische Vorfahrtsfehler können so nachgestellt werden. Der Vorteil liegt unter anderem in der Reproduzierbarkeit: Um Sicherheitssysteme abzustimmen, müssen dieselben Versuche vielfach variiert und wiederholt werden. Alle Parameter wie Abstände, Geschwindigkeiten und Lenkradien entsprechen so den Vorgaben und können genau eingehalten werden, um vergleichbar zu sein. Ein Beispiel: Wird das Testauto an einer definierten Stelle mehrmals bis zum Stillstand abgebremst, weichen die Endpunkte maximal drei Zentimeter voneinander ab.

Schutz für Leib und Leben
Die Roboter übernehmen auch Extremtests. Dabei werden die Autos Belastungen ausgesetzt, die weit über den Anforderungen im Alltag liegen. So kann beispielsweise getestet werden, dass Airbags bei einem heftigen Sprung über eine Rampe oder bei Fahrt gegen einen Bordstein nicht versehentlich zünden (Bild unten). Früher mussten solche Aufgaben Testfahrer mit entsprechend hohen körperlichen Belastungen übernehmen.

Auf Nummer sicher