Audi setzt für die Zukunft auf so genanntes e-gas

Franciscus van Meel ist fest von seiner Mission überzeugt: ,An der Elektromobilität führt kein Weg vorbei", sagt uns der für dieses Thema verantwortliche Audi-Manager. Die Marke mit den vier Ringen setzt sich ambitionierte Ziele: Bis zum Jahr 2020 möchte man führender Premiumhersteller von E-Autos sein.

R8 e-tron ab 2012
Zwar kommen schon bald die Hybrid-Varianten von Q5, A6 und A8 auf den Markt, doch van Meel umreißt seinen Geschäftsbereich klar: ,Alles, was an die Steckdose kann" zählt hierzu, neben reinen Elektroautos also auch Stromer mit Reichweitenverlängerer und Plug-in-Hybridmodelle. Den Anfang macht 2012 der Sportwagen R8 e-tron, der eine 550 Kilogramm schwere Batterie in sich trägt. Er steht für den ,Top-Down-Ansatz", den Audi verfolgt: Zunächst kommt die kostspielige Technik in Kleinserie, um später den Weg in preiswertere Baureihen zu finden. Der erste Plug-in-Hybrid (also ein Benziner mit kleinem Elektromotor, der an der Steckdose aufgeladen wird) ist für 2014 angekündigt, hier sieht man das größte Zukunftspotenzial in der Mittel- und Oberklasse.

Neue Konzepte gefragt
Szenenwechsel: Auf der Jahreshauptversammlung in Neckarsulm am 12. Mai 2011 gibt Audi-Chef Rupert Stadler einen Ausblick in die Zukunft. Man stehe vor der Herausforderung, Mobilität völlig neu zu denken, heißt es. Daher beginnt im Sommer 2011 ein Flottenversuch mit 20 A1 e-tron in München. Bereits erprobt wird außerdem der so genannte ,e-tron quattro", ein Parallelhybrid mit externer Lademöglichkeit. Ein zusätzlicher Elektromotor treibt die Hinterachse an, seine Kraft lässt sich zwischen beiden Rädern verteilen. Doch was nützt modernste Technik, wenn der notwendige Strom durch Kohle oder Kernkraft produziert wird? Hier verfolgt Audi einen interessanten Ansatz.

Den Wind festhalten
Erneuter Szenenwechsel: Rotoren mit 60 Meter langen Blättern drehen sich auf der Offshore-Windkraftanlage ,BARD 1" in der Nordsee im Takt. Vier der riesigen Windräder finanziert Audi gemeinsam mit einem regionalen Energieversorger. Mit jeweils 3,6 Megawatt Leistung sollen sie im Jahr gemeinsam etwa 53 Gigawattstunden Strom liefern. Wie groß das Potenzial der Windkraft ist, zeigt eine Studie des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik. Demnach ließen sich in Deutschland pro Jahr etwa 390 Terawattstunden (TWh) Energie erzeugen, was 64,7 Prozent des deutschen Bruttostromverbrauchs decken würde. Indes bleibt ein Problem in Form von naturbedingten Schwankungen, mal gibt es zu viel, mal gar keinen Wind. Daher muss die sauber erzeugte Energie auch gespeichert werden. Pumpspeicherwerke sind ebenso wie Druckluftspeicher nur eingeschränkt nutzbar.

Ungenutzte Potenziale
Audi verfolgt deshalb den Ansatz der Methanisierung von Wasserstoff mithilfe regenerativer Energie. Zusammengefasst wird das Bemühen unter dem Schlagwort ,e-gas". Die weltweite erste e-gas-Anlage soll 2013 im emsländischen Werlte in Betrieb gehen. Mit dabei ist eine Abfall-Biogasanlage, von der das zur Methanisierung notwendige CO2 bezogen wird. Pro Jahr soll der Komplex etwa 1.000 Tonnen e-gas produzieren. Hauptbestandteile sind der so genannte Elektrolyseur und die Methanisierungsanlage. In einem ersten Schritt wird mit Hilfe von Polymer-Elektrolytmembranen Wasser in seine Bestandteile Wasserstoff und Sauerstoff gespalten. Der Wasserstoff soll zukünftig auch als Kraftstoff für Autos dienen. In der ersten Projektphase gelangt er jedoch nach Gastrennung und -trocknung in einen Speichertank. Im zweiten Schritt wird der Wasserstoff auf der Grundlage der so genannten Sabatier-Reaktion mit Kohlenstoffdioxid, also CO2, zu Methan verknüpft, als Nebenprodukt fällt Wasser an. Das Methan ist ein enger synthetischer Verwandter des Erdgases und wird ins deutsche Erdgasnetz weitergeleitet. Hier befinden sich laut Audi gigantische Speicherkapazitäten von 217 TWh, das Stromnetz könne nur 0,04 TWh speichern. Zudem liege die Transportkapazität des Gasnetzes deutlich höher.

Erdgas-A3 kommt 2013
Den Wirkungsgrad der e-gas-Pilotanlage beziffert Audi auf 54 Prozent, angestrebt sind über 60 Prozent. Die elektrische Anschlussleistung beträgt übrigens 6,3 Megawatt. Vorgesehen ist eine Tagesproduktion von durchschnittlich 3.900 Kubikmeter Methan in Erdgas-Normqualität. Damit lassen sich nicht nur Häuser beheizen, sondern auch Autos betanken. Auf Basis des künftigen A3 wird 2013 eine Erdgas-Variante namens TCNG auf den Markt kommen. Unter der Haube arbeitet dann ein Turbo-Benziner, das Fahrzeug ist bivalent ausgelegt. Mit dem regenerativ erzeugten e-gas sollen 1.500 Audi A3 TCNG jeweils 15.000 Kilometer im Jahr fahren können. Dabei bleiben noch 150 Tonnen e-gas für das öffentliche Gasnetz übrig. Aber wie soll der Kunde wissen, dass er gerade Gas aus Windenergie tankt? A3-Käufer können künftig als Zusatzpaket kohlendioxidneutrale Mobilität kaufen. Getankt wird wie gewohnt Erdgas. Die getankte Menge wird von Audi dann in Form von erneuerbarem Methan in das Erdgasnetz eingespeist. Nur ein grünes Mäntelchen oder innovative Idee für die Zukunft? Man darf gespannt sein.

Wind im Tank