Der Geländewagen-Klassiker hat eine erstaunliche Entwicklung durchgemacht

,Nicht die Kupplung schleifen lassen. Und nur ganz wenig Gas geben." Eigentlich halte ich mich für einen ganz passablen Autofahrer. Dennoch gibt mir Instruktor Steffen Beck jede Menge Tipps – und zwar zu Recht. Denn wie sich herausstellt, muss man in einem Toyota Land Cruiser der Baureihe J4, die zwischen 1960 und 1986 gebaut wurde, als Fahrer noch richtig arbeiten. Genau 60 Jahre gibt es den Land Cruiser jetzt schon. In dieser Zeit hat sich der Offroader gewaltig verändert. Zwei Dinge sind aber gleich geblieben: der Name und seine Fähigkeiten als robuster, unverwüstlicher Geländegänger.

Das US-Militär gab den Anstoß
Die Geburtsstunde des Land Cruiser schlug 1951. Die in Japan stationierten US-Streitkräfte hatten Bedarf an einem leichten Geländefahrzeug. Toyota beteiligte sich an der Ausschreibung und konzipierte den ,Toyota Jeep BJ" – mit 82 PS starkem Reihensechszylinder, Leiterrahmen, Starrachsen, Blattfedern und zuschaltbarem Allradantrieb. Den Zuschlag des amerikanischen Militärs bekam der BJ zwar nicht, der Hersteller hielt an dem Konzept dennoch fest und belieferte in Japan unter anderem Polizei und Forstbehörden. Die Weiterführung der Bezeichnung ,Jeep" wurde 1954 aus markenrechtlichen Gründen untersagt, seitdem läuft die Baureihe unter dem Namen ,Land Cruiser".

Gefragt sind Muskelkraft und Gefühl
Beim Land Cruiser J4 ist viel Muskelkraft gefragt, eine Servolenkung gibt es nämlich nicht. ,Immer beide Hände fest ans Lenkrad", instruiert mich mein erfahrener Beifahrer. Und so kurbele ich am großen Steuerrad. Um den richtigen Gang einzulegen, muss man eine gesunde Mischung aus Kraft und Gefühl finden. Zudem ist ein äußerst sensibler Gasfuß gefragt. Ich habe Selbigen entgegen meiner bisherigen Meinung offensichtlich nicht. Denn unser Auto ruckelt nur so vor sich hin, weil ich am Gaspedal die vom holprigen Untergrund herrührenden Stöße nicht genügend ausgleichen kann. Den J4 durch den Offroad-Parcours zu manövrieren ist demzufolge alles andere als einfach. Am Fahrzeug liegt das aber nicht. Egal ob Steigung, Gefälle, Sand, Wasser, Schlamm oder Felsen, für unseren rund 30 Jahre alten Land Cruiser alles kein Problem. Es kommt eben vor allem auf den Fahrer an. Sicherheitsgurte, Türverkleidungen oder Sitze mit Seitenhalt suchen wir übrigens vergeblich. Hier gibt es nur, was absolut notwendig ist.

,Station Wagon" als zweites Standbein
Einen ersten Evolutionssprung in der Weiterentwicklung leitete die strategische Zweiteilung der Modellreihe ein, die bis heute Bestand hat. 1967 führte Toyota parallel zum als Nutzfahrzeug konzipierten J4 den ersten ,Station Wagon" (interne Bezeichnung J5) ein. Auf einmal gab es eine komfortorientierte Ausstattung mit Servolenkung, umlegbarer Rückbank und elektrischen Fensterhebern. Platz bot der J5 für bis zu zehn Personen. Vor allem den Ansprüchen freizeitorientierter Amerikaner wurde damit Rechnung getragen. Gleichzeitig blieben die Offroad-Qualitäten gewahrt. Davon zeugten nicht zuletzt die bewährten Starrachsen und Blattfedern. Die zweite Generation des Station Wagon, der von 1980 bis 1989 gebaute Land Cruiser J6, zeigt auf dem Gelände-Parcours keine Schwächen. ,Wenn wir wollen, bringt uns der J6 auf der Stelle problemlos quer durch ganz Afrika und wieder zurück. Sollte mal etwas kaputt gehen, kann das auch jeder Laie reparieren", schwärmt Instruktor Beck über die Unverwüstlichkeit des Geländewagens.

Andere Welt: Der aktuelle Land Cruiser
Der aktuelle Land Cruiser scheint im Vergleich zu den beiden Fahrzeugen aus den 1980er-Jahren wie aus einer anderen Welt. In der höchsten Ausstattungsvariante, in der wir Platz nehmen, empfangen uns Ledersitze, Holzleisten, ein Navigationssystem, eine Rückfahrkamera und zahlreiche Annehmlichkeiten mehr. In modernen SUVs gibt's das alles natürlich auch. Doch wer fährt mit einer M-Klasse, einem Q7 oder einem Range Rover schon durch richtiges Gelände? Doch genau das soll der Land Cruiser auch weiterhin tun. Dabei wird das Offroad-Gelände für das mit jeder Menge Elektronik vollgestopfte Fahrzeug fast schon zum Kinderspiel.

Automatisch den Berg hoch und runter
Die leichtgängige Servolenkung erlaubt es mir, das Volant mit nur einer Hand zu dirigieren. Die Gangwechsel übernimmt die sanft arbeitende Fünfstufen-Automatik. Und dann kann ich bisweilen sogar die Füße von den Pedalen nehmen und der ,Crawl Control" die Arbeit überlassen: Auf Knopfdruck übernimmt die Elektronik dann die Regelung von Gas und Bremse, der Fahrer kann sich allein auf die Lenkarbeit konzentrieren. Das ist vor allem sinnvoll, um steile Steigungen oder Gefälle sicher zu meistern. Damit man immer genau sieht, wohin die Reise oder in diesem Fall der Weg führt, bietet Toyota den ,Multi-Terrain-Monitor" an. Vier Außenkameras geben dem Fahrer hier auch in unübersichtlichen Situationen einen Überblick über die direkte Umgebung des Fahrzeugs.

Mit drei oder fünf Türen
In den vergangenen 60 Jahren wurden mehr als 6,2 Millionen Land Cruiser gebaut. Es werden sicherlich noch viele dazu kommen. In Deutschland wird der Geländewagen aktuell als 4,49 Meter langer Dreitürer beziehungsweise als 4,76 Meter langer Fünftürer angeboten. Für den Antrieb dieser Varianten steht einzig ein Vierzylinder-Turbodiesel mit drei Liter Hubraum und 190 PS Leistung zur Verfügung. Den Part des Station Wagon übernimmt hierzulande der Land Cruiser mit dem schlichten Zusatz ,V8". Er misst sogar 4,95 Meter und wird von einem 286 PS starken Achtzylinder-Diesel wahlweise über die Straße oder natürlich auch durchs Gelände bewegt. Doch wie sagt Steffen Beck: ,Die neuen Land Cruiser stecken zwar voller Technik. Aber mehr Spaß machen fast die alten, puristischen Modelle. Hier kommt es noch auf fahrerisches Können an." Leicht ermüdet und mit schweren Armen will ich ihm am Ende unserer Ausfahrten da nicht widersprechen.

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