Im Team mit Christian Geistdörfer räumen wir einen Fuel-Efficiency-Award ab

Ich sitze hinter dem Steuer eines Opel Astra 1.3 CDTI Ecoflex mit 95 PS und bin ein klein wenig nervös. Der Mann mit der Startflagge neben dem Auto zählt von fünf runter. Bei jeder Zahl klappt ein Finger seiner Hand ein, ,vier, drei, zwei, eins ... GO!" Sanft gebe ich Gas und versuche, möglichst ruhig anzufahren. Kurz zuvor hatte mir mein Beifahrer erklärt, dass es wichtig ist, früh hochzuschalten und nicht über 2.000 Touren zu kommen. Mein Co-Pilot ist Christian Geistdörfer und ich fahre mit ihm eine Rallye.

Intercity Rallye Berlin 2011
Wir sind bei der Intercity Rallye Berlin 2011 gestartet, einer Vergleichsfahrt im Rahmen der Michelin Challenge Bibendum. Die Challenge ist das wohl weltweit größte Branchentreffen für umweltfreundliche Mobilität. Es fand bereits zum elften Mal statt und hatte im Jahr 2011 von 18. bis zum 22. Mai den alten Berliner Flughafen Tempelhof mit neuem Leben erfüllt. Da, wo früher der Dunst von Flugbenzin und Abgasen in der Luft flirrte, tummeln sich in diesen Tagen Elektroautos, Brennstoffzellenfahrzeuge und sprit-knausernde Serienwagen.

300 Kilometer durch Brandenburg
Als solcher gilt auch unser Opel Astra Ecoflex, der auf der 300 Kilometer langen Strecke durch Brandenburg seine Knauserigkeit im Alltag unter Beweis stellen soll. Am Start sind 36 Fahrzeuge mit unterschiedlichen Antriebskonzepten, die in den Klassen Serienfahrzeuge, Prototypen, Elektro-Prototypen und Elektro-Serienfahrzeuge gegeneinander antreten. Bewertet werden Verbrauch, CO2-Ausstoß, Wendigkeit und Beschleunigungsverhalten. In unserer Serien-Klasse fahren 16 Fahrzeuge, darunter ein Porsche Panamera S Hybrid, ein Audi A8 3.0 TDI, ein Peugeot 308 e-HDI und ein Lexus CT 200h.

Der beste Beifahrer der Welt
Ich manövriere den Astra durch schmale Gassen, die aus scheinbar tausenden von Verkehrshütchen auf dem früheren Rollfeld von Tempelhof gebildet wurden. Mein Nebenmann weist mir den Weg. Die erste Action gibt's schon an der Ausfahrt: Ich muss irgendwie in eine Lücke fließenden Verkehrs vom Tempelhofer Damm flutschen. ,Den Anschluss nicht verlieren ... langsam vorfahren, gleich halten alle, dann muss eine Lücke sein ... so, jetzt geht's", sagt Christian Geistdörfer. Natürlich vertraue ich ihm, schließlich ist er der wahrscheinlich beste Beifahrer der Welt. Im Team mit Walter Röhrl wurde er zweimal Rallye-Weltmeister und viermal Monte-Carlo-Sieger.

Möglichst geringer Verbrauch
Ich lasse uns mit dem Astra durch den dichten Berliner Morgen-Verkehr schwimmen, versuche gleichmäßig und vorausschauend zu fahren. Schließlich geht es bei dieser Rallye nicht um den höchsten Speed, sondern um einen möglichst geringen Verbrauch und um das Einhalten von Zeitvorgaben. Mein Co-Pilot strahlt eine beneidenswerte Gelassenheit aus. Er, der Rallye-Profi, redet mir, dem Rallye-Greenhorn, nur sehr wenig in meinen Fahrstil rein. Offensichtlich mache ich nicht viel falsch, obwohl ich immer noch etwas angespannt bin.

Zeitplan einhalten
Um eine möglichst gute Platzierung zu erreichen, müssen wir die sieben Kontrollstellen der gesamten Strecke innerhalb einer bestimmten Zeit erreicht haben. Kommen wir zu spät, gibt's Strafpunkte. Früher da zu sein, macht nicht viel Sinn: Zum einen sinkt bei höherem Speed die Tankanzeige schneller, zum anderen dürfen wir erst zu einer bestimmten Zeit wieder starten, um den Abstand zwischen den Rallyeteilnehmern gleichmäßig zu halten.

Zeiten im Kopf ausrechnen
Für mich als Fahrer ist das kein Problem, da mein Navigator Christian Geistdörfer die erforderliche Geschwindigkeit mittels Roadbook, Stempelkarte, Funk-Uhr und vor allem jahrzehntelanger Erfahrung im Kopf errechnet. ,Wir müssen etwas mehr als 70 fahren", sagt er, und ich tue es. Ein geschlossener Bahnübergang hält uns drei Minuten lang auf. Mir treten Schweißperlen auf die Stirn, aber meinen Co-Piloten juckt das nicht. ,Kurz unter 80", soll ich bleiben. Mache ich! Wir erreichen die Kontrollstelle ,auf Null", liegen also perfekt in der Zeit.

Auf die Sekunde fahren
Auf dem Weg gibt es drei Abschnitte, die sekundengenau bewältigt werden müssen. Beim ersten Mal muss ich 7,37 Kilometer in sieben Minuten zurücklegen. ,Wir brauchen einen guten sechz'ger Schnitt", erklärt mir der gebürtige Münchner. Er programmiert eine Spezialuhr. Ich versuche, so ausgeglichen wie möglich voranzukommen. Im Auto herrscht Stille, die nur jede Minute vom Piepsen und einer Ansage aus der Uhr unterbrochen wird. ,Noch zwei Minuten", sagt die blecherne Frauenstimme. Mir wird warm. ,Noch fünfzig Sekunden", warnt die Uhrenstimme, die ab jetzt im Zehn-Sekunden-Takt zählt. Die Kontrollstelle mit der gnadenlosen Lichtschranke ist zu sehen. Mein Puls erhöht sich. ,Langsamer! Rollen lassen!", kommt vom Rallyemeister. Der Abstand verringert sich, aber zu schnell. ,Langsamer!!" Vor mir liegen noch 200 Meter. ,Noch zwanzig Sekunden", mahnt die Uhr. ,Langsamer!!" Ich darf nicht stehen bleiben, sonst wird die Messung nicht gewertet. Der Astra kriecht auf die Kontrollstelle zu. Ich sehe das Auge der Lichtschranke. Dort muss ich auf die Sekunde genau mit dem Vorderwagen des Autos sein.

Auf Null in der Lichtschranke
Mein Beifahrer hatte mit noch vor dem Beginn der Rallye erklärt, wie ich diese Distanz einschätzen kann. Ich verlängere im Geist durch die Frontscheibe die Linie zwischen der Außenkante des linken Scheibenwischers mit der rechten Kante des Kotflügels. ,Noch fünf Sekunden", sagt die Uhr. ,Langsam, langsam!", sagt Geistdörfer. ,Vier ... drei ... zwei ... eins ...", tönt es aus der Uhr. ,Und Gas geben!!" kommt der Befehl von rechts. Das Auto rollt in den Bereich des Messstrahls. An der Kontrollstelle mehrere Meter weiter erfahre ich, dass ich vor Aufregung eine Sekunde zu früh dran war. Bei der zweiten Messtecke schaffe ich es auf die Sekunde, bei der Nummer drei später am Tag reagiere ich eine Sekunde zu langsam.

Aufeinander verlassen
Auf dem Weg durch Brandenburg erfahre ich einiges aus dem bewegten Rennfahrerleben meines rechten Mannes. Dass Fahrer und Beifahrer einander blind vertrauen müssen und dass es deswegen zwischen ihm und Walter Röhrl auch so gut klappen würde. Wie ,aufeinander verlassen können" funktioniert, erlebe ich kurze Zeit später. ,Da vorn ist eine Zeitkontrolle", sagt der Meister. Ich sehe keine. ,Rechts in die Tankstelle rein". Der Rallyeteilnehmer vor mir fährt geradeaus. ,Soll ich da wirklich rein?", frage ich ungläubig. ,Ja, rechts rein!" Ich biege ab, und wir stehen vor der Messtelle. Tja, der andere hat sie verpasst. Ich hatte den besseren Beifahrer.

Einprägen der Strecke
Im ADAC-Fahrsicherheitszentrum in Linthe müssen wir gegen Mittag zwei Runden auf einem Handling-Parcour bewältigen. Bei Runde Nummer eins versuche ich, mir die Schikanen einzuprägen, die aus Hütchen gestellt sind. Es geht durch Kurven, bergauf, bergab, links und rechts, über eine Fläche mit glattem Untergrund und durch Wasserhindernisse. Ich versuche, mir den Verlauf gut zu merken. Bei Runde Nummer zwei wird die Zeit genommen. Ich bin mächtig am Kurbeln, um den Astra so schnell wie möglich durch den Kurs zu bringen, Zeit zum Überlegen bleibt nicht viel. ,Links ... rechts ... gerade durch" bekomme ich die Anweisungen von rechts und bin froh, dass sich mein Nebenmann den Pistenverlauf so perfekt gemerkt hat.

Frischluft-Ventilator nicht ausschalten
Der letzte Teil der Strecke führt zurück nach Berlin-Tempelhof. Ich versuche, das Gaspedal nur zu streicheln, und trotzdem in der Zeit zu bleiben. Zum Thema Verbrauch erfahre ich so einiges Interessantes. Man verbraucht weniger, wenn man bei einem LKW im Windschatten fährt, ,aber dafür muss man dem fast unter die Stoßstange kriechen". Und dass es keine sinnvolle Ersparnis bringt, neben der Klimaanlage auch die Lüftung komplett auszuschalten. In unserem Auto läuft der Frischluft-Ventilator auf Stufe Eins. Das ist gut so, denn die Außentemperatur hat mittlerweile 24 Grad erreicht.

Award mit Christian Geistdörfer
Zurück in Linthe wird nicht nur die Zeit genommen, sondern nach einer Beschleunigungsmessung der Wagen auch wieder vollgetankt. Wir haben auf der Strecke 4,75 Liter Diesel gebraucht. ,Nicht schlecht", sagt Christian Geistdörfer. Ich bin ein bisschen stolz. Später erfahre ich: Für einen Podiumsplatz in unserer Kategorie reicht es nicht, die gingen an den Porsche Panamera S Hybrid, den Porsche 911 und den Volvo V50 DRIVe. Doch wir bekommen einen der begehrten ,Fuel-Efficiency"-Awards, weil wir auf der Strecke einen der geringsten Verbräche hatten. Jetzt bin ich richtig stolz: Ich habe mit Christian Geistdörfer als Beifahrer einen Preis errungen. Wie sonst immer nur der Röhrl.

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