Klassische Fahrzeuge vom gemütlichen Cruiser bis zum ultimativen Rennwagen

Die Motoren knattern teils unglaublich laut. Es stinkt penetrant nach Abgasen. Und von oben brennt uns die Sonne auf den Buckel. Man kann verstehen, wenn das nicht bei jedem Begeisterungsstürme auslöst. Doch wir sind glücklich. Denn anlässlich des 100. Firmenjubiläums in diesem Jahr hat uns Alfa Romeo auf sein Testgelände ins italienische Balocco eingeladen, um historische Modelle aus der gesamten Markengeschichte zu fahren.

Extra aus dem Museum geholt
Als wir ankommen, wuselt bereits eine Horde Journalisten um die Fahrzeuge herum und schießt ein Bild nach dem anderen. Das Gedränge wird immer dann besonders groß, wenn sich einer der Italiener in den hellblauen Overalls nähert. Bei diesen Herrschaften handelt es sich um Mechaniker, die mit den Tricks und Tücken der alten Alfas bestens vertraut sind. Zunächst darf man nur in Begleitung einer dieser vier Herren in einen der rund 20 Oldtimer steigen, die extra aus dem Alfa-Romeo-Museum im 70 Kilometer entfernten Arese hergebracht und fahrtüchtig gemacht wurden.

Flache Flundern in Grün und Gelb
Wir nutzen die Zeit und orientieren uns, welche Schätze die italienische Traditionsmarke hierher mitgebracht hat. Unter den überwiegend rot lackierten Exponaten stechen zwei flache Flundern in Giftgrün und Zitronengelb hervor. Der 1968 bei Bertone designte Carabo fällt durch spektakuläre Schmetterlingstüren auf und könnte auch in einem alten Science-Fiction-Film mitspielen. Das 33 Coupé stammt von 1969, wurde von Pininfarina gezeichnet und ist dank Flügeltüren nicht minder eindrucksvoll. Beide haben einen 230 PS starken V8 unter der Haube und sind 260 km/h schnell. Da es sich jedoch um Einzelstücke handelt, die nie in Serie gingen, dürfen wir das nicht in der Praxis überprüfen.

Nur für kleine Fahrer
Endlich können auch wir ans Steuer eines der alten Alfas. Die Giulietta SZ von 1960 ist ein schickes Sportcoupé, aber – wie wir gleich beim Einsteigen merken – lediglich für sehr kleine Fahrer gemacht. Trotz niedriger Sitzposition und einer Körpergröße von nur 1,73 Meter stoßen wir mit dem Kopf an der Decke an. Auch sonst geht es hier eher puristisch zu: Der Griff Richtung Gurt führt ins Leere. Außenspiegel gibt es ebenso wenig wie Kopfstützen. Und die weichen Sitze verfügen nur über eine äußerst kurze Rückenlehne. Mehr als Tempo 60 sind auf unserer kleinen Spritztour nicht erlaubt. Dennoch genießen wir die sehr direkt vermittelten Fahreindrücke der Giulietta SZ und cruisen ganz entspannt dahin.

Auch der Ur-Alfa ist da
Auf der Suche nach dem ersten Alfa-Modell überhaupt stolpern wir über den RL Super Sport von 1925. Das gut erhaltene Cabrio wirkt mit seiner Länge von immerhin 4,45 Meter sehr herrschaftlich. Die rot belederten Sitzbänke bieten auch aus heutiger Sicht erstaunlich viel Platz für bis zu vier Passagiere. Den Ur-Alfa, der genau 100 Jahre auf dem Buckel hat, entdecken wir dann beim Mittagessen – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn der 24 HP steht zwischen Esstischen und dem Büfett mitten im Speisesaal. Das sehr gut erhaltene Fahrzeug findet erstaunlich wenig Beachtung. Der Hunger der Anwesenden scheint deutlich größer zu sein als das Interesse an diesem automobilen Schatz, der es mit seinen 42 PS einst auf immerhin 100 km/h Spitze gebracht hat.

Es wird viel geschraubt
Am Nachmittag bekommen die Mechaniker neben ihren Chauffeursdiensten noch einiges mehr zu tun. Hier und da werden Motorhauben geöffnet. Unter neugierigen Blicken und dem Klicken zahlreicher Fotoapparate wird an den Aggregaten herumgewerkelt. Dabei wird offensichtlich: Wer sich solch ein historisches Liebhaberauto zulegt, der sollte nicht nur Begeisterung fürs Fahren, sondern auch fürs Schrauben mitbringen. Unter anderem wird mit dem Gran Premio Tipo B ein erfolgreicher Rennwagen aus den 1930ern wieder flott gemacht.

DTM-Renner lässt sich lange bitten
Dass auch 60 Jahre jüngere Autos Zuwendung brauchen, beweist der Alfa 155 V6 Ti DTM. Der italienische Rennfahrer Nicola Larini gewann damit 1993 die Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft. 2,5 Liter Hubraum, 450 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 300 km/h listet sein Datenblatt auf. Doch der einstige DTM-Renner lässt sich bitten und springt erst nach zwei Stunden Schrauberei an. Uns reizt ein anderer Tourenwagen besonders: Der GTA 1300 Junior von 1971 ist in unseren Augen eines der elegantesten Modelle vorort. Zudem röhrt er außerordentlich schön übers Testgelände. Aus den 1,3 Liter Hubraum werden 165 PS geholt. Als wir uns gerade in das zweitürige Coupé schwingen wollen, bremst uns einer der hellblauen Mechaniker aus: Im Rennsport-GTA dürfe man nur mitfahren, zum Selberfahren sei der Wagen zu kompliziert. Schade.

Unglaublich laut: Giulia TZ 2
Apropos kompliziert: Ganz geheuer ist uns nicht, als wir ganz ohne Einweisung die Giulia TZ 2 starten. Von dem Sportwagen wurden 1965 nur zwölf Exemplare gebaut. Doch der unglaublich laute Motorsound verrät, dass sich hier mehr als nur ein Wolf im Schafspelz versteckt. Bereits im Leerlauf grummelt der 170-PS-Vierzylinder beachtlich, beim Tritt aufs Gaspedal brüllt er dann gefährlich los. Alles vibriert und wackelt und die gefühlten 50 Grad im Cockpit unterstreichen, dass Motorsport tatsächlich zur körperlichen Ertüchtigung taugt. Gas- und Bremspedal liegen gefährlich nah beieinander, die Gangwechsel erfordern Kraft und werden immer wieder von einem lauten Krachen begleitet. Bis zu 250 km/h schnell soll die Giulia TZ 2 offiziell fahren. Wie sich das auf das Gehör auswirkt, mögen wir uns lieber nicht vorstellen.

Charmant-gemütlicher Abschluss
Zum Abschluss wird es dann eher gemütlich. Die Alfa Giulia von 1963 ist das, was man heutzutage in die Kompaktklasse einordnen würde. Doch einst war die 4,16 Meter lange Limousine in der Mittelklasse angesiedelt. Die Spitzenversion TI Super hat 1,6 Liter Hubraum, 112 PS und ist bis zu 190 km/h schnell. Das reichte, um auch im Motorsport den einen oder anderen Erfolg einzufahren. Der Innenraum der Giulia ist eher kärglich eingerichtet, das Platzangebot überschaubar und die Lenkung ziemlich indirekt. Aus heutiger Sicht sind das keine positiven Attribute. Aber einem fast 50 Jahre alten Fahrzeug verzeiht man dies nicht nur, sondern es macht genau seinen Charme aus. Und dann ist es wie immer: Wenn es am schönsten ist, man sogar selbst ans Steuer des 155 DTM könnte, muss man nach Hause. Aber Alfa Romeo feiert ja sicherlich noch viele runde Geburtstage.

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