Wir waren beim 24-Stunden-Rennen an der Nordschleife

Selbst eingefleischte Nordschleifen-Spezis sind erstaunt: So voll war es hier noch nie. Wir sind beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring. Und die Eifel zeigt sich von ihrer fiesesten Seite: neun Grad, grauer Himmel, grauer Regen und graue Leitplanken. Kleinigkeiten, die niemanden abschrecken – auch diejenigen nicht, die morgens in klammen Klamotten aus ihrem nachts mit Wasser vollgelaufenen Zelt kriechen, um dann durch den Schlamm zur Rennstrecke zu stapfen. Die mehrere Stunden dauernde Startaufstellung ist gesteckt voll – an vielen Stellen kommen die Fans keinen Millimeter voran. Aber bald werden sich Ordner unters Volk mischen und große weiße Schilder in die Luft halten. Die Aufschrift: ,Zuschauer raus". Und dann kann der BMW M3 GTS mit der Startnummer ,eins" 24 Stunden lang versuchen, seinen Titel zu verteidigen.

Zu wertvoll
BMW hat das richtige Gespür gehabt. Im Rahmen des 24-Stunden-Rennens präsentieren die Bayern den M3 CRT, eine moderne Version der leichten und legendären CSL-Modelle. Von dem Wagen werden nur 67 Exemplare zum Preis von jeweils 130.000 Euro gebaut. Für die meisten 18-jährigen, die gerade das härteste Rennen der Welt als Mega-Festival für sich entdecken, wird dies ein bisschen zu teuer sein – aber die Lust am schnellen Wagen ist geweckt. Mini, die englische Tochter der Bayern traut sich was ganz Besonderes: Zwei neue Mini Coupés röhren beim 24-Stunden-Rennen mit, bevor es die Wagen zu kaufen gibt. Die Bayern fühlen sich wohl hier: ,Ein 24-Stunden-Rennen ist viel zu wertvoll, als dass ich davon etwas verpassen möchte", sagt BMW-Entwicklungschef Klaus Draeger auf die Frage, ob er die Nacht durchmachen wird.

Die Nacht ist schlimm
Harald Grohs ist da und er ist ein 24-Stunden-Urgestein: Seit 1974 ist der 69-jährige aktiv und fährt inzwischen sein 58. 24-Stunden-Rennen. Momentan ist er mit einem 330-PS-Mini-Cooper unterwegs. Für die Kurvenhatz hält er sich durch Laufen fit – 900 Kilometer sind auf diese Weise 2011 schon zusammengekommen. Auf die Frage, was das Schwierigste bei einem solchen langen Rennen ist, muss der Essener nicht lange überlegen: ,Nachts kriegt jeder einen Hänger. Da muss man aufpassen, dass man trotzdem immer mindestens 90 Prozent gibt. Am schlimmsten sind eine Gelb- oder gar eine Pacecar-Phase. Dann darfst Du nicht einschlafen. Fenster aufmachen und per Funk mit der Box quatschen, das hilft. Trotzdem kann es passieren, dass Du den Wiederstart verpasst. Die Nacht ist das Schlimmste." Wir stehen um 00:00 Uhr bei tiefster Dunkelheit und feinem Nieselregen an der Strecke. Die Bremsscheiben der schnellen Fahrzeuge glühen beim Anbremsen vor den Kurven rot. Bei den kleineren langsameren Wagen bleibt in der Felge alles dunkel. Und als wäre es taghell, ziehen die Rennfahrer um Haaresbreite beim Überholen aneinander vorbei.

38 Minuten in der Box
Der M3 GTS fährt kontinuierlich im Spitzenfeld. Dann wird seine Bremsleitung undicht. Ab in die Box, wo die Leitung innerhalb von 38 Minuten ausgetauscht wird – wenn unsere Werkstatt des Vertrauens das auch nur so schnell hinbekommen würde. Porsche hat ähnliches Pech: beim 911 Hybrid bricht ein Differenzial. Dafür geht's eine Stunde in die Box. Währenddessen fiebern die Fans an der Strecke zum einen die Sommerkälte weg, zum anderen mit den Fahrern mit. Das Gedränge in den Gassen hinter den Boxen bleibt bis spät in die Nacht. Selbst um Mitternacht strömen genauso viele Enthusiasten zur Strecke wie von ihr weg. Eltern kaufen für ihre Kinder originale Kart-Reifen und lassen dort Rennfahrer mit einem goldenen Stift unterschreiben. Und die morgens kalt und klamm aus den Zelten Gekrochenen zieht es frohen Mutes zurück in ihre ungastliche Unterkunft.

Alle Level auf einmal
Der belgische Rennfahrer Jacky Ickx taufte den Nürburgring nicht umsonst grüne Hölle: Über 70 Kurven verteilt auf mehr als 25 Kilometer, ein ständiges Auf und Ab und kaum nennenswerte Auslaufzonen. Auf diesem Terrain tummeln sich jetzt über 200 Fahrzeuge aller Klassen. Das Können der Fahrer geht vom ambitionierten Amateur bis zum ausgekochten Profi. Die schnelleren Wagen blenden beim Überholen auf – mit Lichtanlagen, die anscheinend auch den Mond erhellen könnten. Deshalb haben viele Fahrer ihre Heckfenster schwarz abgeklebt – das Power-Xenonlicht ist einfach zu stark. Die 36 Trainingsschnellsten machen auch noch mit einem blauen Stroboskop-Licht auf sich aufmerksam.

Lange vorbereitet
Die echten Fans sind bereits eine Woche vor dem Rennen da, um sich die besten Plätze für ihre Wohnmobile und Zelte zu sichern. Die Vorbereitung der Teams dauert natürlich schon das ganze Jahr: Unzählige Testrunden unter harten Bedingungen und technische Tüfteleien gehen mit dem Training der Rennfahrer einher. Haufenweise Trucks mit Unmengen an Material stehen auf der Rückseite der Boxengasse. Am nächsten Morgen scheint die Sonne und abgefahrene Reifen, zerfetze Front- und Heckschweller oder in ihrer Wasserlache liegende verbogene Kühler prägen das Bild um die Technik-Trucks: Die Ernte der letzen Nacht. Jetzt heißt es durchhalten – in ein paar Stunden ist alles vorbei.

Diesmal Zweiter
,Letztes Jahr waren wir vielleicht nicht die Schnellsten, aber wir haben die wenigsten Fehler gemacht." Sagt Noch-BMW-Sportchef Mario Theissen. Ende Juni übernimmt Jens Marquardt diesen Posten. Theissen ist sich sicher: ,Diesmal sind wir auch schnell." Aber diesmal hält auch der Manthey-Porsche durch – und gewinnt mit 4:23 Minuten Vorsprung. Der 911 GT3 RSR war nie richtig gefährdet, obwohl der BMW M3 GT zum Schluss aufholen konnte. Aber die Bayern schleppten eine Dreiminuten-Zeitstrafe wegen Fahren entgegen der Fahrtrichtung nach einer Kollision im Karussell mit sich rum. Den dritten Platz heimste der Phönix Audi R8 ein, weil der Mercedes SLS GT3 von Heico eine halbe Stunde vor Rennende mit Problemen in die Box musste. Die Fans sind während des Zieleinlaufs teilweise schon auf der Heimreise – man hat Angst vor einem Megastau. Die Stimmung ist ausgesprochen friedlich und die Teams räumen ihre Sachen zusammen. Irgendwie liegt in der Luft, dass die 24-Stunden am Nürburgring in Zukunft noch schwerer zu gewinnen sind – und dass es noch voller werden wird in der grünen Hölle.

Gedränge in der Hölle