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Mit torpedoförmigen Motorrad-Beiwagen fing 1922 alles an: William Lyons gründet im englischen Seebad Blackpool zusammen mit William Walmsley die Firma Swallow Sidecars. Ab 1927 stellte man bereits Karosserien für den Austin Seven her. Ein Jahr später zog man nach Coventry um und 1931 war es dann soweit: mit dem SS I kam der erste Wagen mit einem speziell für Swallow gefertigten Chassis. Am 21. September 1935 stellte dann William Lyons im Londoner Mayfair Hotel den SS 100 vor, der die Zusatzbezeichnung Jaguar bekam – dies gilt als Geburtsstunde des Autoherstellers ,Jaguar", obwohl die Firma noch SS Cars Ltd. hieß.

Jaguar wird Jaguar
Mit dem SS 100 hatten die Briten nicht nur ein ausgesprochen elegantes Modell geschaffen, auch in sportlicher Hinsicht wusste der Wagen mit einer Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h (100 Meilen pro Stunde – daher der Namenszusatz ,100") zu überzeugen. Dann begann der zweite Weltkrieg und der Hersteller kehrte zu seinen Wurzeln zurück, baute Seitenwagen fürs Militär. Außerdem wartete man die Flugzeuge der Royal Air Force. 1945 wurde aus der SS Cars Ltd. die Jaguar Cars Ltd. – das Kürzel SS war durch das deutsche Naziregime belastet.

Extrem schnell in den 1940ern
1948 stellt Jaguar den XK 120 vor – wieder steht die Zahl für die maximal zu erreichende Höchstgeschwindigkeit in Meilen pro Stunde. Der XK 120 war mit seinen 193 km/h zu diesem Zeitpunkt eines der schnellsten Automobile der Welt. Die Leistung kam vom so genannten XK-Motor mit doppelter oben liegender Nockenwelle. X stand dabei für ,Experimental" und K für die Entwicklungsstufe, die vom Buchstaben A ausgehend gezählt wurde.

Rennerfolge in den 1950ern
1951 unterstrich Jaguar seinen Anspruch auf den Bau sportlicher Fahrzeuge mit einem Sieg bei den 24 Stunden von Le Mans. Das Siegerfahrzeug, ein C-Type, basiert auf dem XK 120. Das C steht hier für Competition. 1953 können die Engländer ihren Erfolg in Le Mans wiederholen. Diesmal gewinnt ein C-Type, der mit Scheibenbremsen unterwegs ist. Jaguar ist der erste Autohersteller weltweit, der diese innovativen Bremsen einsetzt. 1955 und 1956 heimst Jaguar erneut die Siege beim härtesten Rennen der Welt ein, diesmal mit einem D-Type. Der D-Type war das erste Rennfahrzeug mit einer Monocoque-Karosserie. Genau wie die Scheibenbremsen im Serien-Automobilbau zählt heute die Monocoque-Karosserie im Rennfahrzeug-Bau zu den weit verbreiteten Standards. 1956 ist auch das Jahr, in dem William Lyons geadelt wird und somit ab sofort ein Sir im Namen trägt.

Daimler wird gekauft, der E-Type kommt
1960 kauft Sir William Lyons die Daimler Motor Company von der Birmingham Small Arms Company. Die Daimler Motor Company war einer der ersten Autohersteller Englands und der bevorzugte Fahrzeuglieferant des britischen Königshauses. Der Gründer der Daimler Motor Company, Frederick Richard Simms, hatte bereits 1891 eine Lizenz zum Bau des Daimler-Motors erworben, was später zum Firmennamen führte. Und im Jahr 1961 wurde dann ein automobiler Traum geboren: Der Jaguar E-Type glitzert im Licht des Genfer Autosalons. Selbst Enzo Ferrari lässt sich hinsichtlich des E-Type zu der Aussage hinreißen, dass der Wagen ,das schönste jemals gebaute Auto" sei. Der Supersportwagen kam auf eine Höchstgeschwindigkeit von 241 km/h und absolvierte den Spurt auf 97 km/h (60 Meilen pro Stunde) in 7,0 Sekunden. Allerdings neigten seine Scheibenbremsen zum Fading. Heute zählt der E-Type zu den begehrtesten Oldtimern.

Der XJ erscheint
Am 26. September 1968 stellt Jaguar den XJ vor. Die edle Limousine sollte zur Legende werden, sie war das letzte von Sir William Lyon entworfene Fahrzeug. In den folgenden 24 Jahren wurde der Wagen über 400.000 Mal verkauft. Wegen der selbsttragenden Karosserie ließ sich der XJ recht wirtschaftlich herstellen, was ihm ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bescherte. 1971 kam dann der von Jaguar so herbeigesehnte V12-Motor sowohl in den XJ als auch in den E-Type. Auch der Motor wurde zur Legende. Aber unübersehbar waren inzwischen auch die massiven Qualitätsmängel. Schließlich gehörte der Hersteller seit 1968 zum Britisch-Leyland-Firmenverband (BL), der zu einem Synonym für üble Qualität wurde – mindere Verarbeitungsqualität, Rost und Defekte sorgten bei den Kunden für steigenden Unmut.

Weg von BL
1972 begibt sich Jaguar-Gründer Sir William Lyons in den Ruhestand, drei Jahre später laufen die letzten 100 E-Types vom Band: alle in schwarz, alle mit V12-Motor. 1980 kam dann John Egan vom Landmaschinen-Hersteller Massey Ferguson und übernahm das Steuer bei dem Automobil-Produzenten. Egan löste Jaguar aus dem BL-Verbund und sorgte für Qualitätsverbesserungen, was die Kunden mit steigenden Verkaufszahlen honorierten. Auch Rennsporterfolge blieben nicht aus: Mit dem XJS V12 konnte 1984 die Europäische Tourenwagen-Meisterschaft gewonnen werden. Im folgenden Jahr starb am 8. Februar Sir William Lyons auf Gut Wappenbury Hall. 1986 stellt Jaguar den damals neuen XJ vor, die Limousine, deren erste Generation Lyons noch selbst aus der Taufe gehoben hatte. Und die Erfolge im Rennsport gehen weiter: 1987 schaffen es die Briten, Porsche bei der Sportwagen-Weltmeisterschaft zu schlagen, im Jahr darauf werden die 24 Stunden von Le Mans und Daytona sowie wieder die Sportwagen-Meisterschaft gewonnen.

Hin zu Ford
Jaguars Eigenständigkeit währt nur kurz: Im deutschen Wendejahr 1989 kauft Ford die englische Marke für 4,8 Milliarden Mark. 1990 und 1992 schnappen sich die Briten wieder den Sieg bei den 24 Stunden von Daytona, 1991 geht wiederum der Sieg bei den Sportwagen-Weltmeisterschaften an Jaguar. Außerdem läuft die Produktion des XJ220 an, des damals schnellsten Seriensportwagens der Welt. Die 220 stand wieder mal für die Höchstgeschwindigkeit in Meilen pro Stunde, wobei dieser Wert nicht erreicht wurde. Aber die tatsächlich abrufbaren 218 Meilen (351 km/h) waren okay. Von dem eine Million Mark teuren Auto wurden 284 Exemplare gebaut. 1996 feiert man in Coventry 100 Jahre Daimler und das Debüt des Sportwagens XK8. Im gleichen Jahr wird der E-Type in die ständige Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) aufgenommen.

Retro-Ära
1998 bringt Jaguar den XKR zum Genfer Autosalon, der neue S-Type wird auf der international eher unbedeutenden Birmingham Motor Show gezeigt. Der S-Type kommt bei der Kundschaft gut an, sein Design ist gespickt mit klassischen Elementen. 1999 führt Jaguar als erster Hersteller einen adaptiven Tempomaten ein und Ian Callum wird Desing-Chef. Zwei Jahre später debütiert der X-Type, welcher einen auf dem Ford-Mondeo basierenden Einstiegs-Jaguar in reinstem Retro-Design darstellt. Der X-Type kam mit Frontantrieb daher, was einige eingefleischte Jaguar-Fans ablehnten, da die Marke bisher auf den sportlich orientierten Hinterradantrieb setzte. 2002 kam dann die nächste Generation des XJ, erstmals vorgestellt auf dem Pariser Autosalon. Der Wagen hatte mit seiner selbstragenden Alu-Karosserie einen technischen Leckerbissen parat. Auch der neue XJ setzte voll auf den Retro-Look, der für Jaguar beinahe zur Design-Falle werden sollte.

Deutscher Teststandort und Dieselmotor
2003 eröffnet Jaguar ein Testzentrum am Nürburgring – man will direkt an der berühmtesten Dynamik-Teststrecke der Welt, der Nordschleife, beheimatet sein. Außerdem wird für den X-Type erstmals ein Dieselmotor angeboten – Selbstzünder gab es bei den Engländern vorher nicht. 2004 kommt man beim X-Type besonders deutschen Kunden entgegen: Mit dem Estate gibt es den Wagen nun auch in einer Kombi-Variante.

Weg vom Retro-Look
Das Retro-Design der Jaguar-Modelle ermüdete die Kunden, was der Hersteller noch gerade rechtzeitig erkennt. 2005 steht der neue XK auf der Automesse IAA in Frankfurt am Main. Der Wagen wurde von Ian Callum modern gezeichnet. Ab jetzt werden alle Modelle des Automobilbauers aus Coventry gestalterisch in die Moderne geführt, die Produktion des X-Type läuft 2009 einfach aus. 2008 kommt der Nachfolger des S-Type: der XF. Im selben Jahr wird Jaguar von Ford an den indischen Tata-Konzern verkauft, der sich damit eine edle europäische Marke mit echter Tradition ins Haus holt. 2009 kommt der neue XJ, auch er schüttelt die inzwischen überholte Retro-Attitüde ab.

Sondermodelle zum Jubiläum
Das 75-jährige Firmenjubiläum feiert Jaguar mit drei Sondermodellen. Der XKR 75 hat 530 statt 510 PS und ein noch sportlicheres Fahrwerk. Seine Höchstgeschwindigkeit liegt bei 280 km/h, in 4,6 statt serienmäßig 4,8 Sekunden geht's von null auf 100 km/h. 75 Exemplare des Jubiläumsmodells werden gebaut, 30 davon gehen nach Deutschland. Allerdings: Trotz vorheriger Ankündigung standen die Wagen für die Journalisten bei den Feierlichkeiten zum 75. Jaguar-Geburtstag am 21. September 2010 noch nicht zum Test zur Verfügung. Neben dem XFR 75 gibt es noch zwei jeweils auf 75 Fahrzeuge begrenzte Chargen des XF. Der XF Grace kommt mit dem 240-PS-Diesel und wird mit dem üppigen Portfolio-Paket ausgestattet. Der XF Pace ist mit dem 275 PS leistenden Diesel-S-Motor unterwegs und eher auf Dynamik ausgerichtet. Wir wünschen Jaguar alles Gute für die nächsten 75 Jahre und freuen uns weiterhin auf sportliche Eleganz aus England.

Gallery: 75 Jahre Jaguar