Riesen-Sprung nach oben

,Durch Wahrnehmung kann man das Belohnungssystem im Gehirn aktivieren. Wahrnehmung ist aber das Ergebnis einer komplizierten Betrachtung", so Götz Renner, Psychologe und bei Mercedes zuständig für die Kundenforschung. Wir sind zum Mercedes' Advanced Design Center der Marke ins italienische Como gereist, um den Innenraum der neuen B-Klasse zu testen. Die Kabine entstand mit viel Forschung.

Viele Düsen
Wir setzen uns in die neue B-Klasse und unser Blick wird sofort von den fünf großen Lüftungsdüsen auf dem Armaturenbrett angezogen. Diese erinnern stark an die Turbinen-Düsen des Flügeltürers SLS AMG, sind aber mit einem x-förmigen Lüftungskreuz versehen – Mercedes nennt dies Butterfly-Design. Das metallisch glänzende Kreuz lässt sich auch in Schwarz bestellen, womit auf dem Armaturenbrett nur fünf dünne Chromringe zu sehen wären. Das Armaturenbrett selbst ist stark Richtung Kabine gewölbt, wirkt richtig ,prall", wie es Mercedes-Designer Hartmut Sinkwitz nennt. Das Armaturenbrett an sich kommt in vier verschiedenen Ausführungen daher: als ,Matrix" in Schwarz mit feiner Struktur, in der Sport-Ausführung mit einem Waben-Muster, oder im Exklusivpaket mit Wallnuss- oder Eschenfurnier.

Bildschirm im iPad-Look
Der nächste Blickfang ist der serienmäßig verbaute Bildschirm am oberen Ende der Mittelkonsole. In der Einstiegsversion misst er sechs, in allen höheren Ausstattungs-Varianten sieben Zoll. Das Teil nimmt ungeniert das Design des Apple iPad auf. Allerdings lässt es sich weder aus seiner Verankerung nehmen noch über einen Touchscreen bedienen. In der B-Klasse gibt es jetzt nämlich erstmals den zentralen Drück- und Drehsteller. Der große Knopf in der Mittelkonsole zur Bedienung des Navis und der Multimedia-Funktionen kam bisher von der C- bis hinauf zur S-Klasse zum Einsatz. Die luftige Gestaltung des frei stehenden Bildschirms kennen wir bereits aus dem neuen BMW 6er. Laut Sinkwitz erinnert der Bildschirm an den heimischen Flachbildfernseher, der ebenfalls frei steht und nicht wie früher manches Röhren-Gerät in einem Schrank verschwand.

Gratwanderung zwischen Gegenpolen
Psychologe Renner erklärt, was bei der Wahrnehmung passiert: Wir greifen auf persönliche Erfahrungen zurück, setzen das Wahrgenommene in einen bestimmten Kontext und bauen dann Erwartungen auf. Dafür hat Renners Team vom CRC (Customer Research Center) ein komplexes dreidimensionales Koordinaten-System entwickelt. Die wichtigsten Gegenpole sind natürlich Hochwertigkeit und Minderwertigkeit. Dass hier der Schwerpunkt auf Hochwertigkeit lieg, ist klar. Komplizierter wird es bei den beiden weiteren Achsen: Fortschrittlich und konservativ sowie zweckmäßig und luxuriös sind jeweils Gegenpole, von denen jeder für sich auch eine Menge positiver Eigenschaften mit sich bringt. Hier kommt es laut Renner auf einen intelligenten Mix an. Außerdem will man dem Betrachter eine gute Mischung aus Bekanntem und Neuem unterjubeln. Renner erwähnt zudem ,ästhetische Rätsel" und meint damit beispielsweise den für die B-Klasse tatsächlich unerwartet progressiven freistehenden Bildschirm.

Gute Ergonomie: Selbstverständlich
Das schönste Interieur bringt nichts, wenn die Ingenieure nicht ihre Hausaufgaben machen. So bilden Ergonomie, Alltagstauglichkeit und Crashsicherheit die unabdingbare Basis – für die es selten Jubel gibt. An der Ergonomie in der B-Klasse haben wir nichts zu kritisieren – alles ist gut erreichbar, die einzelnen Bedienelemente sind zu funktionalen Gruppen zusammengefasst und der Bildschirm lässt sich unter anderem wegen der Crashsicherheit nicht aus dem Fahrzeug entfernen. Und damit kein ausgestreckter Bedienarm ermüdet, wird der Bildschirm eben nicht als Touchscreen ausgeführt, sondern über den bereits erwähnten Comand-Knopf bedient.

Ambiente-Licht, CLS-Lenkrad, Kunstleder
Die Kabine der neuen B-Klasse wird in vielerlei Hinsicht ästhetischer. So sorgen eine optionale Ambiente-Beleuchtung, die ebenso optionale Ledernachbildung für das Armaturenbrett und das Lenkrad aus dem CLS für Hochwertigkeit. In den beiden großen Rundinstrumenten mit den im Ruhezustand auf der Sechsuhr-Stellung hängenden Zeigern ist jeweils im rechten unteren Viertel noch ein weiteres Rundinstrument untergebracht. Außerdem wird die Mittelkonsole optisch viel ruhiger: Der Handbremsgriff verschwindet, diese Funktion übernimmt jetzt eine elektronische Parkbremse. Zudem gibt es für die Automatik-Varianten keinen Wahlhebel mehr – dieser sitzt jetzt, wie beispielsweise bei S- und E-Klasse am Lenkrad. Die Multifunktions-Bedienknöpfe des Lenkrads kennen wir beispielsweise von der C-Klasse. Mit anderen Worten: Zur neuen B-Klasse rutscht viel Technik, die bei Mercedes bisher den höheren Klassen vorbehalten war.

,Wir heißen nicht Bertha"
Designer Sinkwitz meint, dass die Gestaltung immer auch zur Marke passen muss. Und Mercedes sieht er als Marke, die eingebettet ist in die europäische Industrie-Kultur. ,Wir heißen Mercedes – wenn wir rein deutsch wären, würden wir Bertha heißen" meint er in Anspielung auf Bertha Benz, die Frau von Auto-Pionier Carl Benz. Außerdem ist Sinkwitz stolz darauf, dass andere Hersteller bestimmte Details nicht imitieren, um nicht nach einem Mercedes auszusehen. Dies gilt zum Beispiel für die in den vorderen Seitentüren untergebrachte Sitzverstellung – auch bei der B-Klasse funktioniert die Gestühlverstellung jetzt so. Der Einsatz von Holz, Leder und Metall passt sowieso immer, wobei Sinkwitz Metall als einen ,alten wahren Wert" beschreibt. Wie man es auch dreht: Die Produkte der Autohersteller werden immer emotionaler. Götz Renner bringt es auf einen Nenner: ,Autos stimulieren das Belohnungszentrum im Hirn so stark wie Schokolade oder Sex". Der Innenraum der B-Klasse ist jedenfalls gelungen.

Bildergalerie: Schokolade und Sex