Al Capones gepanzerter Cadillac wird versteigert

Die Tommy Gun wird von einem Mann mit Schlapphut aus dem Geigenkasten gerissen und schon zuckt ihr Mündungsfeuer durch die Nacht – die brutale Waffe rotzt ihr Trommelmagazin leer. Dem davonrasenden Cadillac Town Sedan kann sie nichts anhaben. Der Wagen ist in den 1920ern einer der ersten privaten Pkws mit Panzerung. Und er gehört einem der gefährlichen Männer der USA: Dem Chicagoer Unterweltboss Al Capone, genannt Scarface (Narbengesicht). Das Auto mit der aufregenden Geschichte wird jetzt vom Auktionshaus RM Auctions versteigert.

Geschichte wird bezahlt
Banküberfälle, Bandenkriege und Kämpfe mit der Polizei wegen Schwarzbrennens während der Prohibition: In den 1920er Jahren war die Luft der USA bleigeschwängert. Goldene Zeiten für Gangsterbosse wie Al Capone. Dank illegalem Glücksspiel, Zuhälterei und Alkoholschmuggel war er zu einem reichen Mann geworden. Und diesen Reichtum wollte Alphonse Gabriel Capone, wie Al mit vollem Namen hieß, noch ein Weilchen genießen. Also musste eine fahrbare Schutzhülle her. Wie der 1928er Cadillac Series 341-A Town Sedan seine Panzerung bekam, haben Spezialisten von RM Auctions minutiös recherchiert – schließlich ist jedes Stückchen Geschichte bei so einem Auto bares Geld wert.

Fast 1,4 Tonnen Asbest und Panzerstahl
Nach den Recherchen von RM Auctions gibt es sogar noch einen Augenzeugen für den Umbau des Cadillac. Der heute 93-jährige Richard "Cappy" Capstran erinnert sich noch ganz genau an den Tag, als Al Capones Leute in die Karosserie-Werkstatt seines Vaters Ernest kamen. Bei den schweren Jungs hatte Ernest einen guten Ruf, da er schon einmal einen Cadillac von Capone zu dessen höchster Zufriedenheit repariert hatte. Zu den Panzerungswünschen der Gangster meinte Richards Vater nur: ,Sowas machen wir nicht". Die Kriminellen gaben dem Karossier mit einem knappen: ,ab jetzt schon" die Möglichkeit, weiterzuleben. Ernest fügte sich seinem Schicksal und panzerte den Wagen mit insgesamt 1.360 Kilogramm Stahl. Die Schutzplatten waren aus Brandschutzgründen auch noch mit Asbest umhüllt.

Dicke Fenster mit Geheimnis
In den Panzer-Stahlplatten, die an Ernests Werkstatt geliefert wurden, steckten bereits Reste von Bleikugeln – das Material war auf seine Schussfestigkeit getestet worden. Außerdem musste Ernest kugelsichere Fenster verbauen, die 2,5 Zentimeter dick waren. Damit sie sich trotzdem öffnen ließen, wurden in den Öffnungsmechanismus verstärkte Federn eingebaut. Die Seitenfenster ließen sich um zirka zwei Zentimeter weiter nach oben fahren: Dadurch kam im unteren Fensterbereich ein kleines Loch zum Vorschein, durch welches genau der Lauf einer Tommy Gun passte. Die Heckscheibe ließ sich mit einem Ruck aufklappen, um aus dem Wagenfond heraus Verfolger mit Kugeln eindecken zu können.

Ein Zehner vom Boss für den Kleinen
Ernest Capstran musste den Cadillac auf Geheiß von Capones Leuten diskret in der hintersten Ecke seiner Werkstatt bearbeiten – Passanten sollten auf keinen Fall etwas von den Umbauarbeiten mitbekommen. Schon in den Anfängen des Panzerlimousinen-Baus wurde also Wert auf äußerste Verschwiegenheit gelegt – dies ist bis heute so geblieben. Als Capstran mit der Panzerung des Cadillac fertig war, kam Scarface höchstpersönlich vorbei, um sein Gefährt abzuholen. Und der Boss ließ sich nicht lumpen: Er zahlte das Doppelte des vereinbarten Preises. Dann entdeckte Capone den damals zehnjährigen Richard und wollte von Ernest wissen, wer das ist. Der Vater teilte Al Capone mit, dass es sich hier um seinen Sohn handele, der bei den für das Lackieren notwendigen Schleifarbeiten kräftig mitgeholfen hätte. Al wusste, wie man sich Freunde macht: Er steckte dem Kleinen zehn Dollar zu – für einen Zehnjährigen war das 1928 ein Vermögen.

Sofort wiedererkannt
Als ihm jetzt der Al-Capone-Cadillac gezeigt wurde, hat Richard Capstran den Wagen sofort wiedererkannt: ,Das ist ohne Zweifel der Wagen, an dem wir in der Werkstatt meines Vaters gearbeitet haben", gibt der Senior zu Protokoll. Der 1928er Cadillac Series 341-A Town Sedan wird von einem V8-Motor mit 91 PS angetrieben. Das manuell zu schaltende Getriebe hat drei Gänge. Der Radstand des Wagens beträgt 3,56 Meter und die Hinterachse ruht auf Blattfedern. Rundum kommen Trommelbremsen zum Einsatz. Nachdem der Wagen inzwischen viele Vorbesitzer aufweist, wird er nun von RM Auctions in Plymouth im US-amerikanischen Michigan angeboten. Das Auktionshaus erwartet einen Erlös von umgerechnet zirka 245.000 bis 410.000 Euro.

Al Capones Ende
Al Capone hatte nicht lange Freude an dem Wagen: 1931 wurde der von der Presse als ,Staatsfeind Nummer eins" bezeichnete Al Capone zu elf Jahren Gefängnis verurteilt. Während der Haft zerbröselte sein Status als gefürchteter Gangsterboss. Seine letzten Haftjahre verbrachte er zusammen mit anderen Verlierern wie Machine Gun Kelly auf der Gefängnisinsel Alcatraz. Nach seiner vorzeitigen Entlassung 1939 zog sich Al Capone auf seinen Familiensitz nach Florida zurück. Dort starb er 1947 an einer Lungenentzündung, die gerüchteweise von einer Jahrzehnte währenden Syphilis-Infektion begünstigt wurde. 65 Jahre nach Al Capones Tod könnte sich jetzt für RM Auctions die Geschichte des Gangster-Wagens auszahlen.

Verbrechen zahlt sich aus