Auf den Spuren der BMW-Elektromobilität

Olympia 1972 in München. Mit dabei zwei elektrische Debütanten aus dem Hause BMW. Die umgebauten Versuchsfahrzeuge vom Typ 1602 hatten eine schwere Bleibatterie im Gepäck und konnten rund 60 Kilometer zurücklegen. Als Transportfahrzeug für das Organisationskomittee sowie Begleit- und Kamerawagen bei Langstreckenwettbewerben genügte das, für ein mögliches Serienfahrzeug war diese Reichweite aber wenig attraktiv. Vierzig Jahre und viele Entwicklungsstufen später steht nun die Einführung des ersten Großserien-Elektroautos unmittelbar bevor: Ende 2013 will der Premiumhersteller mit dem BMW i3 in eine elektrische Zukunft starten. Auf der Auto Show in Los Angeles (30. November bis 09. Dezember) präsentieren die Bayern mit der dreitürigen Studie i3 Concept Coupé eine mögliche Erweiterung des i3-Portfolios. Vor der feierlichen Enthüllung am Vorabend der Messe begaben wir uns auf die Spuren der BMW-Elektromobilität in den USA.

Elektro-Offensive
Startpunkt der Spurensuche ist San Francisco. Nicht zufällig, denn die kalifornische Großstadt gilt in den Staaten als Öko-Metropole und Vorreiter in Sachen Umwelt- und Klimaschutz. Der Toyota Prius gehört seit Jahren zum Straßenbild – wer auffallen will, muss längst auf Tesla oder Fisker umsteigen – auf dem Highway gibt es eine Extraspur für Fahrgemeinschaften und Elektroautos. Kein Wunder also, dass BMW gerade dort seit Juni sein Car-Sharing-Programm DriveNow alleine mit Stromern anbietet und im September den elektronischen Parkdienst ParkNow an den Start brachte. Beide Konzepte laufen über die 2010 gegründete Submarke BMW i, unter der ab 2013 die elektrischen Modelle der Münchener angeboten werden.

Stressfreie Parkplatzsuche
Mason Street im Zentrum San Franciscos. Ein bunter Mix aus Boutiquen, Banken, Tabakläden und Asia-Imbissen, die Straßenränder zugeparkt. Wohl dem, der bei der Fahrt in die Innenstadt einen Parkplatz sicher hat. Eine Wunschvorstellung? In San Francisco seit wenigen Monaten nicht mehr. Bei ParkNow können Benutzer über die Homepage oder die ParkNow-App fürs iPhone einen Parkplatz reservieren, bezahlen und sich dann direkt dorthin navigieren lassen. Das entlastet nicht nur die Nerven der Fahrer, sondern reduziert auch die Schadstoffemissionen und das Verkehrsaufkommen in Ballungszentren.


Auto auf Abruf
Dank Parkplatznot und guter Infrastruktur verzichten Großstädter aber oft komplett auf ein eigenes Auto. Wer für die Fahrt an den Flughafen, zum Wocheneinkauf oder für den Transport der Töchter zum Reiterhof dann doch mal einen fahrbaren Untersatz benötigt, greift immer öfter auf Car-Sharing-Angebote zurück. Im Juni 2011 sprangen BMW und Mini gemeinsam mit Sixt auf diesen Zug auf, inzwischen gibt es die bayerischen Gemeinschaftsautos in vier deutschen Städten und eben in San Francisco. 70 vollelektrische ActiveE stehen dort an derzeit acht DriveNow-Stationen zur Kurzzeitmiete bereit, weitere Abholorte folgen in Kürze. Nach der Registrierung können die Benutzer per App oder über die Homepage freie Autos ausfindig machen und reservieren. Um den Stromdurst des ActiveE während der zeitlich unbegrenzten Anmietung zu stillen, ortet der Fahrer einfach die nächste DriveNow-Ladestation und lädt dort kostenlos.

Erprobung
Da wir den i3 noch nicht fahren dürfen, drehen wir eine Runde mit seinem Vorläufer ActiveE. Der auf dem 1er Coupé basierende Concept ActiveE war 2010 der zweite Schritt nach dem Mini E auf dem Weg zur Entwicklung eines ,Mega City Vehicle", die mit der Einführung des i3 Ende 2013 ihr erfolgreiches Ende findet. Auch nach mehreren Touren in Elektrovehikeln überrascht noch immer die gespenstische Stille nach dem Drücken des Startknopfs. Tonlos gleiten wir aus dem Tor und mischen uns in den Stadtverkehr. Schnell fällt auf: das Bremspedal wird kaum benötigt. Rollt der Stromer auf eine Ampel zu, wird der Motor zum Generator, bremst das Fahrzeug und speist die dabei gewonnene Energie in die Batterie ein. Um bis zu 20 Prozent lässt sich die Reichweite so erhöhen. Ein bisschen i3-Gefühl dürfen wir schon spüren, denn der ActiveE wird vom gleichen 170-PS-Motor angetrieben wie sein zukünftiger Serienbruder. Die 250 Newtonmeter Drehmoment stehen E-Fahrzeug-typisch aus dem Stand zur Verfügung – die Krone des Anfahrsiegers ist uns damit gewiss.

Weitergedacht
Von San Francisco stromern wir mitten ins Herz des Silicon Valley, nach Mountain View. Hier, wo sich Facebook und Google guten Morgen wünschen, tüfteln Forscher an Einsatzmöglichkeiten von Batterien nach ihrem Leben im i3. In verschiedenen Szenarien versorgen Module aus mehreren alten Batterien ganze Wohnhäuser mit Strom, sind Bestandteil von Ladestationen, sorgen bei Energieversorgern für die Stabiliät des Stromnetzes oder dienen als stationäre Stromspeicher. Es wird deutlich: Das i3-Projekt ist weit mehr als lokal emissionsfreies Fahren.


Leicht gebaut
Bevor wir dem i3 Concept Coupé endlich gegenüberstehen, führt uns die letzte Etappe der Spurensuche in den nordwestlichsten Zipfel der amerikanischen Kernstaaten. Irgendwo in der Einöde Washingtons steht die SGL Karbonfabrik. Versorgt mit dem grünen Strom des Wanapum Staudamms, produzieren hier SGL und die BMW Group gemeinsam Karbonfasern für den Automobilbau. Der i3 ist einer der Nutznießer dieser Entwicklungen, denn seine Karosserie ist aus Karbon geformt. Der extrem leichte, aber hochfeste High-Tech-Werkstoff erlaubt den Designern eine große Gestaltungsfreiheit und sorgt für ein geringes Gewicht des Elektroautos – ein wichtiger Aspekt in Punkto Reichweite.

Von Angesicht zu Angesicht
Über den Dächern von Los Angeles. Hollywood Hills. Eine hell erleuchtete weiße Villa, ein blau schimmernder Pool, im Tal die Lichter der Millionenmetropole. Einen dramatischeren Ort um das i3 Concept Coupé – kleiner Bruder des schon bekannten i3 Concept – zu präsentieren, hätte sich BMW kaum aussuchen können. Doch so realitätsfern das Szenario auch anmutet, die vorgestellte Studie ist ganz schön nahe dran an der Wirklichkeit – über 90 Prozent des Concept Cars entsprechen laut BMW schon jetzt dem Serienfahrzeug.
Rein äußerlich würde der außergewöhnlich gestaltete Stadtflitzer in der Nobelwohngegend zwischen Luxuslimousinen und Panzer-SUVs auffallen wie ein bunter Hund. Winzige Überhänge, eine markante Schnauze, der kastige Hintern, die Kante in der Fensterlinie – der stromernden Kleinwagen ist anders als die anderen. So kompakt er von außen auch rüberkommt, so luftig geht es im Inneren zu: Helle Materialien, geschwungene Linien, die freistehende Lenksäule – alles wirkt leicht, transparent und modern. Einsteigen durften wir leider noch nicht, doch die Vorstellung, im Cockpit Platz zu nehmen, gefällt. Bleiben die harten Fakten: Der Radstand von 2,57 Metern entspricht dem des Serienfahrzeugs, der Motor ist schon aus dem ActiveE bekannt, die Reichweite zwischen den Ladestationen liegt bei durchschnittlich 160 Kilometern, auf Wunsch wird ein Dreizylinder als Range Extender im Heck untergebracht. Bei der Fahrt durch den Großstadtdschungel bekommt der Fahrer des vollvernetzten Flitzers Unterstützung von zahlreichen Systemen und Apps. Gleich zwei Displays – eins hinter dem Lenkrad, eins mittig auf dem Armaturenbrett – stehen zur Steuerung der Infotainment- und Kommunikationsfunktionen bereit. Was der Kunde für das Kabelauto ausgeben muss, ist noch nicht genau bekannt, der Preis wird aber, wie von BMW-Chef Reithofer angekündigt, unter dem 40.000 Euro teuren Einstiegspreis des 5er BMW liegen.

Beinahe serienreif