Internet im Auto bei Mercedes

,Wir alle haben ein Smartphone immer dabei, wir sind über Facebook und Social Media ständig vernetzt ...": Der junge Ingenieur aus dem Silicon Valley, der uns bei der Pressekonferenz die Internet-Neuerungen von Mercedes näher bringen soll, ist Feuer und Flamme. Doch in der ersten Reihe schüttelt ein älterer Kollege heftig den Kopf: Er hat kein Smartphone, und er braucht auch kein Facebook, soll das heißen. So wie er werden wohl viele denken, die nicht mit Bits und Bytes im Kopf groß geworden sind. Andererseits: Als in den 50er-Jahren das Autoradio eingeführt wurde, da stieß es auf ähnliche Bedenken, und heute ist es gang und gäbe, spricht niemand mehr über ,unnütze Ablenkung". Wir haben uns informiert, was bei Mercedes derzeit angeboten wird und was für die Zukunft geplant ist.

Wachsende Funktionsvielfalt
Seit März 2011 gibt es in C- und E-Klasse sowie im SLK ein Infotainmentsystem namens Comand Online, über das sich Internet-Inhalte abrufen lassen. Zur Verfügung stehen die Funktionen Wetter, Google Local Search und der Routen-Download von Google Maps. So kann man sich den Wetterbericht für den aktuellen und die kommenden Tage ansehen und auf einer Niederschlagsradar-Karte näherkommende Schlechtwetterfronten betrachten. Man kann das nächste chinesische Lokal suchen oder sich in Google Maps erstellte Routen ins Auto schicken lassen – zum Beispiel von einem Freund, der eine schöne Cabrio-Tour durch die Alpen empfehlen will. Allesamt nützliche Funktionen, die man brauchen kann.

Mehr Funktionen in der B-Klasse
Nicht ganz so nützlich sind unserer Ansicht nach die drei Dienste, die ab November in den neuen Versionen von B- und M-Klasse hinzu kommen: Facebook, der Google-Maps-Bilderdienst Panoramio und Google Street View. Letzteres ist wohl noch am praktischsten, denn damit kann man sich Lage und Aussehen des gesuchten Gebäudes am Ankunftsort vorab ansehen.

Langweilige Standard-Meldungen
Aber wer würde sich im Auto wohl mit Panoramio Fotos von Würstchenbuden oder Sehenswürdigkeiten ansehen? Und mit der Facebook-Unterstützung von Mercedes kann man seinen Freunden nur langweilige, standardisierte Mitteilungen schicken wie ,Ich bin gerade im Auto von Stuttgart nach München unterwegs". Individuellere Eingaben sind nicht möglich – während der Fahrt würde das ablenken, so Mercedes. Und im Stau, wenn auf der Autobahn stundenlang nichts vorwärts geht und man sich zu Tode langweilt? Da soll man das eigene Handy verwenden, sagt man uns.

Börse, News und mehr
Weitere Anwendungen sollen hinzukommen. Entwickelt werden Börsendienste, ein News-Funktion für das Abrufen von Textnachrichten, ein Städte-Reiseführer und – aus unserer Sicht am nützlichsten – eine Parkplatzsuche, die auch die Parkgebühren pro Stunde kennt. Diese Applikationen werden den Nutzer wohl etwas kosten. Die bis November geplanten Dienste sind dagegen kostenlos. Benötigt wird allerdings ein Comand-Online-Navi, das zum Beispiel in der neuen B-Klasse 3.118 Euro kostet. Für die Internetverbindung wird das per Bluetooth angekoppelte Handy des Fahrers verwendet. Dementsprechend ist auch die Geschwindigkeit. Wir empfanden das Warten auf die Informationen teilweise als doch etwas nervig. Und noch ein Einwand: Bei dem von uns erprobten Mercedes SLK mit Comand Online lag immer der Schaltarm des Fahrers über dem Dreh-Drücksteller, mit dem wir das Internet erproben wollten. Und wenn einmal nicht, dann wurde die Karte des Navigationssystems gebraucht, denn wir wollten ja auch unser Ziel erreichen.

SLS mit Anzeige der g-Kräfte
Die Verwendung des persönlichen Handys für die Internetverbindung hat Vorteile. So wird keine Extra-SIM-Karte fürs Auto benötigt. Beim SLS AMG geht Mercedes aber den anderen Weg. Bei ,AMG Performance Media" kauft man eine extra SIM-Karte mit dem System. Gefragt, warum das so ist, sagt uns der Ingenieur: Viele Kunden-SIM-Karten bieten zu schlechte Datenübertragungsraten. Nun ja. Jedenfalls hat AMG eine eigenständige Lösung. Das bezieht sich auch auf die Funktionen, die auf sportliche Fahrer abgestimmt sind. So kann man sich beim Beschleunigen oder in Kurven die gerade herrschenden g-Kräfte grafisch anzeigen lassen. Auch der persönliche Rekord in dieser Hinsicht wird festgehalten. Mit der Sprintfunktion lässt sich überprüfen, ob man die Angabe aus dem Datenblatt – von null auf 100 km/h in 3,8 Sekunden – auch selbst schafft. Wer das Auto auf der Rennstrecke fährt, kann sich die einzelnen Runden analysieren lassen. Das System kostet 3.510 Euro, hinzu kommen noch 762 Euro für weiteren Elektronik-Kram, der mitbestellt werden muss: ein Kabelset für den iPod und andere Geräte sowie das Paket ,Komfort-Telefonie".

MirrorLink und Interface Plus
Ab Mitte 2012 zu haben sein soll ein System, das im Concept A vorgestellt wurde, der Studie der kommenden A-Klasse. Damit kann man das eigene iPhone – und nur dieses Mobiltelefon – im Auto besser nutzen. Das Handy wird per Kabel angeschlossen und verschwindet im Handschuhfach. Bedient wird es über den Dreh-Drück-Steller des Autos, die Inhalte werden auf der ,Head Unit", also dem Monitor in der Mittelkonsole angezeigt. Zur Auswahl stehen auch hier Facebook und Google Local Search. Zusätzlich gibt es Personal Radio. Dabei hört man Musik, die von einem Server kommt. Man kann die Lieder bewerten und so lernt das System langsam, welchen Geschmack man hat. Wer kein iPhone, sondern ein anderes Smartphone hat, muss bis 2013 warten. Dann soll MirrorLink starten, ein ähnliches System, das andere Handys unterstützt.

Fernsteuerung fürs Aufladen
Im Frühjahr 2012 startet die dritte Generation des Elektro-Smart. Dann sollen die Kunden das Aufladen des Autos per Smartphone starten können. Die Applikation dazu funktioniert schon. Man kann sich auch die Reichweite als Umkreis auf einer Landkarte anzeigen lassen und das Auto beim Aufladen vorklimatisieren.

Ortung für vergessene Geldbörsen
Für die Zukunft hat Mercedes noch mehr Ideen, was man mit moderner Technik anfangen kann. Zu den interessantesten Anwendungen gehört der Object Spotter. Er basiert auf der RFID-Technik (Radio Frequency Identification), mit der auch schon manche Leihbüchereien arbeiten. Die Idee: Man klebt auf seinen Geldbeutel, den Schlüsselbund und andere wichtige Gegenstände ein Funketikett. RFID-Sensoren im Auto können dann helfen, die vermisste Geldbörse wiederzufinden. Das Smartphone würde einem dann zeigen, dass das Portemonnaie noch im Türfach auf der Beifahrerseite liegt. RFID-Sensoren werden schon heute eingesetzt. Bei Fahrzeugen mit schlüssellosem Zugangssystem kann die Elektronik so feststellen, ob sich der Autoschlüssel inner- oder außerhalb befindet. Weitere Ideen sind eine Fahrzeugortung und eine Konfiguration der Kontaktmöglichkeiten: Damit könnte man festlegen, dass man zum Beispiel für die Familie ständig erreichbar ist, für Geschäftspartner aber nur zu bestimmten Zeiten.

Gestensteuerung der Zukunft im F 125
Die genannten Funktionen Object Spotter, Fahrzeugortung sowie Kontakt-Konfiguration gehören zu @yourComand, dem Infotainmentsystem der Forschungsstudie F 125. Dieses Fahrzeug bietet eine ganze Menge Innovationen. Interessant ist unter anderem die Gestensteuerung, die durch den Film ,Minority Report" sowie iPhone und iPad bekannt wurde. Beim F 125 lassen sich die Flügeltüren per Geste öffnen, und auch die Bedienung der diversen Monitore funktioniert so. Am spektakulärsten ist diese Art der Bedienung bei dem Monitor, auf dem sich der Chef im Fond einen Film ansehen kann. Der Beifahrersitz wird dazu umgeklappt, der Monitor befindet sich dann auf Höhe des Armaturenbretts. Vom Fond aus wischt der Boss dann durch die Luft und wählt so zwischen Videos, Musik, Spielen und mehr. Das funktioniert mit einer 3D-Kamera im Fuß des Monitors, die die Gesten erfasst. Wie sinnvoll das ist, mag jeder selbst beurteilen. Das Fernsehprogramm ließe sich auch mit einer simplen Fernsteuerung auswählen, wenn auch nicht so cool.

Faszinierende 3D-Technik
Faszinierende Technik steckt auch im 3D-Display vor dem Fahrer. Es arbeitet mit einer ähnlichen Technik wie die Splitscreen-Anzeigen, die schon heute in Serienfahrzeugen bestellt werden können. Solche Displays für die Mittelkonsole können dem Fahrer ein ganz anderes Bild zeigen als dem Beifahrer. So funktioniert auch das Display, nur wird hier dem linken Auge des Fahrers ein anderes Bild als dem rechten gezeigt. Zwei Kameras vor dem Fahrer stellen dazu Lage und Abstand der Augen fest. Dann werden die beiden Bilder berechnet, die das Gehirn des Fahrers zu einer 3D-Darstellung verrechnet. Technisch interessant, ohne Zweifel, aber hat es auch Vorteile? Nun, wir würden sagen, es sieht zumindest faszinierend aus. Nach dem Schulterblick zittert die Anzeige allerdings zuweilen.

Object Spotter als Killer-Applikation
Als wir nach dem informativen Tag den Heimweg antreten, sitzen wir im Shuttlefahrzeug zufällig neben dem älteren Kollegen, der in der Pressekonferenz anfangs so heftig den Kopf über die moderne Technik schüttelte. Wir fragen, ob ihn eine der Mercedes-Technologien begeistert hat und erinnern an den Object Spotter, der die vergessene Geldbörse wiederfindet. Die Augen des Kollegen leuchten auf. Ja, das wäre was, meint er. Und er hat recht. Eine Killer-Applikation nennt man sowas, vor allem, wenn auch noch die Wohnung mit RFID-Sensorik ausgestattet wäre. Das würde jeder wollen – oder zumindest jeder, der schon mal einen Schlüsselbund, eine Geldbörse oder eine wertvolle Sonnenbrille verlegt hat.

Killer-Applikation oder Totgeburt?