Audi Trans China Tour 2011

Fußgänger und Fahrradfahrer auf der Autobahn? Kaum vorstellbar. Überholen auf dem Standstreifen? Wird vielleicht ab und zu vorkommen. Geisterfahrer in der Stadt? Klingt nicht sonderlich realistisch. Ja, man hatte uns gewarnt. Aber recht geglaubt haben wir es nicht. Doch im chinesischen Straßenverkehr erlebt man die beschriebenen Phänomene tagtäglich. Vier Tage sind wir im Rahmen der ,Audi Trans China Tour 2011" mit einem Q3 quer durchs Reich der Mitte gefahren. Oder zumindest soweit man es in diesem riesigen Land binnen vier Tagen schaffen kann, wenn man nicht nur einige der unzähligen Millionenstädte, sondern auch ländlich strukturierte Gebiete bereisen will.

Start unter einem riesigen LED-Screen
Los geht's in Peking. Die Metropole ist nicht nur die Hauptstadt des Milliardenreiches, sondern auch Sitz von Audi China. Pünktlich zur ,Prime-Time" um acht Uhr abends bildet eine gigantische, 200 Meter lange LED-Leinwand über den Köpfen der Besucher des Einkaufszentrums ,The Place" mitten in der Stadt den spektakulären Rahmen für den Tourauftakt. Audi-Vorstand Michael Dick eröffnet die Ausfahrt für 20 knallorange lackierte Q3 samt Besatzung. Zahlreiche Schaulustige wohnen der kurzen, aber aufwendigen Inszenierung bei. Schnell wird klar: Der Q3 zieht die Blicke der Chinesen auf sich. Weil er neu ist. Nicht etwa, weil Audi hier unbekannt wäre. Ganz im Gegenteil: Die Autos mit den vier Ringen gehören seit Ende der 1980er-Jahre zum chinesischen Straßenbild wie Fahrräder, Elektroroller, Taxis und das tägliche Verkehrschaos.

Warum China?
Mit der ,Trans China Tour" will Audi nicht nur seinem neuen Kompakt-SUV Q3 passend zur europäischen Einführung erhöhte Aufmerksamkeit verschaffen, sondern auch China als Wachstumsmarkt Nummer eins stärker ins Bewusstsein rücken. Bereits jetzt ist das Reich der Mitte für die Ingolstädter der wichtigste Markt überhaupt – noch vor Deutschland. Beinahe jedes vierte Modell verkauft Audi mittlerweile nach China, Tendenz steigend. Im gemeinsam mit VW betriebenen Werk in Changchun, im Nordosten des Landes gelegen, werden aktuell der Q5 sowie Langversionen vom A4 und vom A6 gebaut. Ab 2012 rollt dort zusätzlich der Q3 vom Band. Denn außer für klassische Stufenheck-Limousinen entdecken die Chinesen gerade ihre Liebe zu SUVs.

Drängeln, quetschen, hupen
So vielseitig sich Peking mit seiner Mischung aus den Resten traditioneller und den Unmengen moderner Architektur auch präsentiert, sehr viel mehr als der ein oder andere flüchtige Blick aus dem Autofenster ist für uns nicht drin. Denn verkehrstechnisch ist die 17,5-Millionen-Einwohner-Stadt eine echte Herausforderung. Fahrzeug reiht sich an Fahrzeug, der Stau gehört zum täglichen Pflichtprogramm. Und wer zum ersten Mal in China am Steuer sitzt, auf den kommt noch deutlich mehr zu. Fahrspuren und Markierungen sind hier eher als unverbindliche Empfehlungen zu betrachten. Jeder sucht sich seine Lücke – selbst wenn keine vorhanden ist – und quetscht sich irgendwie zwischen die anderen Autos. Geblinkt wird manchmal, meistens aber nicht. Dafür hupt der Chinese gern und ausgiebig. Zum Abbiegen muss nicht zwangsläufig die entsprechende Spur gewählt werden, im letzten Moment quer rüberziehen ist auch okay. Komplettiert wird das scheinbare Chaos durch Unmengen an Zwei- und Dreiradfahrern. Sie rauschen häufig recht unvermittelt von hinten heran und kennen offensichtlich keine Angst davor, über den Haufen gefahren zu werden. Umso erstaunlicher: Unfälle sehen wir nur selten – das System als Ganzes funktioniert. Und das gilt nicht nur für Peking, sondern ebenso für Jinan, Qingdao, Nanjing – die weiteren Millionenstädte, die wir bereist haben.

Bushaltestelle auf der Autobahn
Entspannter als in den Städten geht es auf den gut ausgebauten Autobahnen zu. Zumindest auf den ersten Blick. Überschaubarer Verkehr, nur wenige Lkws und Tempolimit 120. Doch der Schein trügt. Ein Rechtsfahrgebot gibt es nicht, ebenso wenig ein Mindesttempo. Und so tuckert ein heillos überladener Pritschenwagen schon mal mit Tempo 40 über die linke Spur. Überholt wird, wo gerade Platz ist – zur Not eben über die Pannenspur. Auf der muss man allerdings höllisch aufpassen: Hier stehen mitten im gefühlten Niemandsland urplötzlich Einheimische samt Gepäck und warten auf den Bus. Und tatsächlich gibt es Busse, die auf dem Standstreifen anhalten und Passagiere aufnehmen. Eine weitere Gefahr droht durch Arbeiter, die einzig mit einem Reisigbesen bewaffnet die Pannenspur oder den Mittelstreifen säubern. Warnwesten, Pylonen oder gar Blinkleuchten zur Absicherung werden dafür nicht eingesetzt. Nicht umsonst gilt China als das Land mit den meisten Verkehrstoten pro Jahr.

Ein SUV hat seine Berechtigung
Dass ein SUV in China durchaus seine Berechtigung hat, beweisen die Touren aufs Land. So schön die Serpentinen durch landschaftlich wunderschöne Bergregionen sind, die Qualität der Straßen lässt spür- und sichtbar nach. Schlaglöcher, Risse, großflächige Pfützen sind die Folge. Seitenstraßen sind nicht zwangsläufig asphaltiert. Und dann sind da noch die Bauern, die ihre meist von Hand geernteten Früchte mitten auf der Straße trocknen oder zum Kauf anbieten. Will man sich nicht deren Zorn zuziehen, ist großzügiges Ausweichen vorteilhaft, auch abseits befestigter Wege. Zu einem Verkehrschaos im kleineren Stil führen die Märkte in den Dörfern. Die Stände und Auslagen werden entlang der Hauptstraße ausgebreitet. Bei Interesse halten Fahrzeuge unmittelbar davor einfach an und bleiben stehen. So wird aus einer herkömmlichen Ortsdurchfahrt im Nu eine Mischung aus Verkaufsfläche, Fußgängerzone, Parkplatz und Durchgangsstraße für wild hupende und gestikulierende Zweirad-, Dreirad-, Auto- und Lkw-Fahrer.

Zukunftsstadt als Endstation
Nach vier Tagen und rund 2.200 Kilometern durch den Osten Chinas erreichen wir unser Endziel: Shanghai. Die Finanzmetropole mit ihrer ultramodernen Skyline verkörpert das rasende Wirtschaftswachstum Chinas wie wohl keine andere Stadt. Unmengen an Wolkenkratzern, die einem eine Stadt der Zukunft vor Augen halten. Baustellen, die davon zeugen, dass künftig noch mehr Wohnraum als für 20 Millionen Menschen benötigt wird. Edel-Boutiquen und Luxus-Hotels, die selbst hohe westliche Standards übertreffen. Aber auch Straßen, die vierstöckig übereinander den Verkehr versuchen zu fassen – häufig vergeblich. Und nicht enden wollende Staus, die dazu führen, dass nach 16 Uhr keine Autos mehr von außen in die Stadt dürfen. Nein, bei aller Faszination, diese Art des Verkehrschaos werden wir sicher nicht vermissen. Zurück in der Heimat juckt es uns aber doch ab und zu: beispielsweise wenn auf der Autobahn zwei Lkws ein Ameisenrennen veranstalten und beide Fahrspuren dicht machen. Wie schön wäre es jetzt, einfach mal wieder auf dem Standstreifen zu überholen! Wohlwissend, dass dort keine Gefahr durch Fußgänger oder Radfahrer lauert.

Quer durch China