Ein Technologieträger in den Startlöchern

Wenn sich ein Alpha-Tier mal eine Vision in den Kopf gesetzt hat, ist es schwer, es wieder davon abzubringen. So war es, als John F. Kennedy der amerikanischen Nation eine bemannte Mondlandung versprach, und so ähnlich ist es mit Ferdinand Piëchs Ein-Liter-Auto. Schon um das Jahr 2000 herum gab der damalige Vorstandschef dieses Ziel vor. Nach etlichen Designstudien wird das Fahrzeug namens XL1 nun in Osnabrück als Kleinserie produziert. Wir haben uns vor Ort über den Stand der Dinge informiert.

Sparsamer Diesel-Plug-in-Hybrid
Um den Verbrauch unter einen Liter Diesel auf 100 Kilometer zu drücken, hat VW an drei Schrauben gedreht. Die erste ist der Antrieb: Der XL1 ist ein Diesel-Plug-in-Hybrid. Als Verbrennungsmotor fungiert ein 48 PS starker Turbodiesel, bei dem es sich um einen halbierten Serienmotor handelt. Dem 1.6 TDI wurden zwei von vier Zylindern weggenommen, sodass ein Zweizylinder mit 800 ccm Hubraum übrig blieb. Hinzu kommt ein Elektromotor mit 20 Kilowatt oder 27 PS, ein Siebengang-DSG und eine Lithium-Ionen-Batterie. Dabei liegen die beiden Motoren sowie das Getriebe im Bereich der Hinterachse, während die Akkus vorne untergebracht sind. Letztere speichern 5,5 Kilowattstunden elektrische Energie, was für 50 Kilometer Reichweite genügen soll. Da nach der offiziellen Berechnungsmethode der Normverbrauch von Plug-in-Hybriden umso niedriger ist, je höher die elektrische Reichweite ist, stellt dies einen wichtigen Punkt dar.

Weniger als 800 Kilo schwer
Der zweite Angriffspunkt zur Verbrauchssenkung ist das Fahrzeuggewicht. Mit 3,89 Meter ist der XL1 nur rund acht Zentimeter kürzer als ein VW Polo, wiegt aber nur 795 Kilo und ist damit etwa 400 Kilo leichter. Entscheidend ist der hohe Anteil an carbonfaserverstärktem Kunststoff (CFK) und anderen Leichtbaumaterialien. Die Architektur basiert auf einem Insassenkäfig (Monocoque) aus CFK, an den vorne und hinten je ein Aluminium-Spaceframe geschraubt wird. Während der CFK-Käfig die nötige Crash-Stabilität gibt, bauen die Alu-Profile im Sinne einer Knautschzone Aufprallenergie ab. Ansonsten besitzt der XL1 zwar ESP und ABS, aber nur einen einzigen Luftsack – den Fahrer-Frontairbag. Dennoch soll das Auto für vier EuroNCAP-Crashtest-Sterne gut sein. Weitere, Gewicht sparende Maßnahmen sind etwa die Verwendung von Polycarbonat statt Glas für die Seitenscheiben oder der Verzicht auf eine Servolenkung.

Niedriger als ein Ferrari 458 Italia
Die dritte Dimension der Verbrauchsmaßnahmen ist die Verbesserung der Aerodynamik. Der XL1 ist nur 1,15 Meter hoch, wobei Flügeltüren den Einstieg erleichtern. Außerdem ist die Passagierkabine sehr schmal. Die beiden Insassen sitzen zwar nicht mehr hintereinander, wie in den früheren Designstudien, aber immerhin noch schräg versetzt. Da der Beifahrer weit hinten sitzt, kann für ihn der Frontairbag entfallen. Außerdem läuft das Auto nach hinten tropfenförmig zu. Die hinteren Radkästen sind verkleidet, der Unterboden sehr glatt und statt Außenspiegeln gibt es nach hinten gerichtete Kameras – all dies vermeidet Verwirbelungen. Insgesamt konnte VW so einen cW-Wert von 0,189 erreichen.

0,83 Liter Diesel je 100 Kilometer
Insgesamt beträgt der Verbrauch 0,83 Liter je 100 Kilometer. Aufgrund der offiziellen Rundungsvorschriften wird daraus ein Normverbrauch von 0,9 Liter Diesel. Zunächst soll von dem Fahrzeug eine Kleinserie von 50 Stück entstehen, wovon etwa die Hälfte bereits gebaut ist. Ob die Auflage später gesteigert wird, wollen die VW-Vorstände in diesen Tagen entscheiden, so Unternehmenssprecher Harthmuth Hoffmann. Angesichts der doch recht extremen Auslegung erwarten wir, dass der XL1 ein Technologieträger bleibt. Der XL1 bietet nur Platz für zwei Personen und 120 Liter Gepäck, man sitzt darin wie in einem Sportwagen, doch braucht das Auto 12,7 Sekunden für den Sprint auf Tempo 100. Auch ohne Großserienfertigung hatet das Projekt seinen Sinn: Das Fahrzeug zeigt, was technisch möglich ist.

Festlegung auf den Plug-in-Hybrid
Dass die Technik keine Eintagsfliege bleibt, da ist sich VW sicher. Man hat sich auf eine parallele Hybridtechnik mit Auflademöglichkeit festgelegt. Audi-Entwicklungschef Wolfgang Dürheimer etwa sagt: "Die Plug-in-Hybrid-Technologie ist mehr als eine Brückentechnologie. Diese Technik wird uns sehr lange bleiben." Und VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg präzisiert, warum die parallele Hybridarchitektur überlegen ist: Gegenüber dem leistungsverzweigten Hybrid, wie ihn der Toyota Prius Plug-in Hybrid besitzt, und gegenüber dem seriellen Hybrid à la Opel Ampera hat der parallele Hybrid Effizienzvorteile. So kommt die Technik aus dem XL1 sicher in Großserienfahrzeuge. Auf dem Genfer Autosalon im März 2013 wird ein Audi A3 e-tron Plug-in Hybrid gezeigt. Er besitzt statt eines Diesels einen Benziner, und das Auto wurde gewissermaßen gedreht: Hier sitzen die Motoren sowie das Getriebe vorne, während die Akkus im Heck untergebracht sind. Der Verbrauch soll bei 1,5 Liter Benzin je 100 Kilometer liegen. Auch ein entsprechender VW Golf ist geplant.

Datenblatt

Motor und Antrieb
Motorart Plug-in-Hybridsystem, bestehend aus Zweizylinder-TDI, Elektromotor, 7-Gang-DSG, Lithium-Ionen-Batterie 
Zylinder
Hubraum in ccm 800 
Leistung in PS 48 
Leistung in kW 35 
Drehmoment in Nm 120 
Antrieb Hinterradantrieb 
Gänge
Getriebe DSG 
Fahrwerk
Bremsen vorn Keramik-Scheiben 
Bremsen hinten Keramik-Scheiben 
Räder, Reifen vorn Magnesium-Räder mit Reifen 115/80R15 
Räder, Reifen hinten Magnesium-Räder mit Reifen 145/55R16 
Lenkung ohne Servounterstützung 
Maße und Gewichte
Länge in mm 3.888 
Breite in mm 1.665 
Höhe in mm 1.153 
Radstand in mm 2.224 
Leergewicht in kg 795 
Kofferraumvolumen in Liter 120 
Tankinhalt in Liter 10 
Fahrleistungen / Verbrauch
Höchstgeschwindigkeit in km/h 160 
Beschleunigung 0-100 km/h in Sekunden 12,7 
EG-Gesamtverbrauch in Liter/100 km 0,9 
CO2-Emission in g/km 21 
Schadstoffklasse Euro 6 
Weitere Informationen
1/moreName 5,5 kWh Fassungsvermögen 
2/moreName 50 km 
3/moreName ca. 500 km 
4/moreName 51 kW (69 PS) 
5/moreName 140 Nm 
6/moreName 20 kW (27 PS), 140 Nm 

Gallery: VW XL1 tritt an