Roundtable-Interview mit Jaguar- und Land-Rover-Chef Ralf Speth

,Unsere Orderbücher sind voll" umschreibt Ralf Speth die derzeitige Situation bei Jaguar und Land Rover. Seit Februar 2010 hält Speth weltweit bei den beiden britischen Edelmarken die Zügel in der Hand. Im Rahmen eines Roundtable-Interviews erklärt uns der Chef auf der L.A. Auto Show, wie es um seine beiden Marken steht.

China kauft
Das erste Quartal 2011 ist für Jaguar und Land Rover sehr gut verlaufen, das zweite solide, so Speth. Dabei helfen den Briten mehrere Faktoren: Zum einen hat die Nachfrage in China kräftig angezogen, zum anderen laufen neue Modelle wie der Evoque wie geschnitten Brot. Wurden in China 2010 insgesamt 350 Jaguar XJ abgesetzt, gehen 2011 jeden Monat 400 XJ zu ihren Kunden. Gut für Jaguar: Die Chinesen kaufen nur voll ausgestattete Wagen. Ehepaare fahren gerne das gleiche Modell, wobei sie oft mit einer etwas kleineren Motorisierung vorlieb nehmen muss, während er den Wagen mit dem Spitzentriebwerk bekommt.

Problem: Lange Lieferzeiten
Die weltweit hohe Nachfrage führt momentan zu langen Lieferzeiten. Da Modelle wie der Freelander oder der neue Evoque bis zu 80 Prozent Neukunden zu Land Rover locken, ist dies besonders ärgerlich, zumal in den USA und China Wartezeiten auf Autos als inakzeptabel gelten. Die Lieferengpässe will Speth mit neuen Arbeitszeitmodellen bekämpfen. So wird im Werk Liverpool, wo der Freelander und der Evoque vom Band laufen, auch samstags und sonntags gearbeitet. Eine Investition in neue Fabriken, also in ,Steine und Erden", wie Speth sagt, ist hier nicht geplant. Immerhin sind alle Werksschließungspläne, die es vor nicht allzu langer Zeit noch gab, vom Tisch. Da man allerdings hunderte neue Ingenieure einstellen wird, könnten neue Bürogebäude nötig werden. Was die Zukunft angeht, bleibt Speth vorsichtig – wegen der Euro-Krise seien Prognosen nur sehr schwer möglich ,Wir leben von der Hand in den Mund."

Neue Motoren
Ralf Speth betont, dass die Zusammenarbeit mit der ehemaligen Mutter Ford exzellent funktioniert. Allerdings brauche man eigene Hightech-Motoren. Die Motorenentwicklung ist einer der Hauptgründe für die Neueinstellung von Ingenieuren. Man könnte sich sogar vorstellen, andere Hersteller mit Motoren zu beliefern, die Kapazitäten, um als großer Triebwerkslieferant aufzutreten, fehlen aber. Momentan wird mit Hochdruck an einem neuen 2,0-Liter-Vierzylinder gearbeitet, der auch Kunden in den USA und China überzeugen soll. Für die Produktion dieses Aggregats wird dann auch die gefürchtete, weil teure Investition in Steine und Erden, also neue Fabriken, nötig sein. Auf den bereits eingesetzten hauseigenen 2,2-Liter-Diesel ist Speth sehr stolz und er sieht in dem kultivierten und sparsamen Aggregat noch Entwicklungspotenzial. Die Unterbringung des Vierzylinder-Selbstzünders könnte sich Speth auch im Flaggschiff Jaguar XJ vorstellen – schließlich ist der Mercedes S 250 CDI BlueEfficiency bereits mit einem ähnlichen Motor unterwegs.

Klare Trennung von Tata
Eine gemeinsame Modellpolitik mit Tata wird von Jaguar/Land Rover nicht angestrebt. Allerdings lässt man sich von der neuen Mutter ein frisches IT-System programmieren. Das von Ford übernommene System ist auf einen Großkonzern zugeschnitten und passt nicht für deutlich kleinere Hersteller wie Jaguar und Land Rover. Jetzt muss Tata Consultancy Services (TSC) ran. Außerdem wird der Freelander für den indischen Markt in kleinen Stückzahlen von ausgewählten Mitarbeitern in einem ehemaligen Mercedes-Werk montiert. Innerhalb der Modellpalette von Jaguar und Land Rover werden modulare Komponenten angestrebt. So gibt es zum Beispiel gleiche Kabelstränge für verschiedene Modelle. Eine reine Plattform-Strategie möchte man nicht fahren.

Neue Modelle
Auf einen Serienmodell-Nachfolger des seit Jahrzehnten gebauten Land Rover Defender wird die Kundschaft noch warten müssen. Die derzeit gezeigte Studie DC100 sorgt für überragende Reaktionen beim Publikum, so Speth. Aber er betont, dass ein Auto wie der Defender grundsolide sein muss. Das heißt, auch die Produktionsqualität hat zu stimmen, damit der Absatz später konstant hoch bleibt und nicht wegen irgendwelcher Mängel einbricht. Einem Jaguar-SUV erteilt Speth eine Absage. Zwar springen immer mehr Hersteller auf den mit Volldampf fahrenden SUV-Zug, selbst Aston Martin will bald mit dem Lagonda und Maserati mit dem Kubang dabei sein, aber im Falle von Jaguar muss Land Rover die Rolle des SUV-Lieferanten übernehmen.

Noch mehr Zukunft
Was die Erweiterung der Jaguar-Modellpalette angeht, so schaut man sich laut Speth jedes Fahrzeugsegment genau an. Der XF wird nicht das Einstiegsmodell bleiben. Kleinere Fahrzeuge, unter anderem ein kleiner Sportwagen, werden kommen. Die bereits im September 2011 auf der IAA gezeigte Hybrid-Studie C-X16 lässt als Serienmodell auch noch auf sich warten. Obwohl der Wagen durchaus in Gefilden eines Porsche Cayman wildern könnte, sieht Speth keinen direkten Konkurrenten für dieses Fahrzeug. Als Preis werden für eine gute Ausstattung 70.000 Euro angepeilt. Aus Sicht des Kombi-Landes Deutschland interessant: Auf einen Vorstellungstermin für die Kombi-Variante des Jaguar XF wollte sich Ralf Speth ebenfalls nicht festlegen.

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