Vom Abstandslicht bis zum Stauassistenten

Es mag eine altbekannte Tatsache sein, aber man sollte sich immer wieder mal daran erinnern: Im Autoverkehr sind 90 Prozent der Unfälle auf ein Fehlverhalten des Fahrers zurückzuführen. Mit anderen Worten: Der Mensch ist im modernen Straßenverkehr schlichtweg überfordert. Als Autofahrer gibt man das natürlich ungern zu, und auch die Hersteller hüten sich davor, es so zu sagen. Aber die Konsequenz ist klar: Da niemand einen Übermenschen züchten will, der seine Augen überall gleichzeitig hat, muss man die Autos intelligenter machen. Audi hat nun Zukunftsideen vorgestellt, die genau dies zum Ziel haben.

Pre Sense Plus: Das Ausweichproblem
Bereits in Serie verfügbar ist Pre Sense, ein System, das in der komplexesten Ausbaustufe Pre Sense Plus bei Frontal- und Heckkollisionen helfen soll. Im Fall des Frontaufpralls kann das System ,bis zu 40 km/h aus dem System herausnehmen", wie sich die Experten ausdrücken. Mit anderen Worten: Bis 40 km/h wird die Kollision durch eine autonome Bremsung verhindert, bei Tempo 90 prallt man nur noch mit 50 km/h auf. Nur noch? Nun, natürlich ist das noch ziemlich viel. Deshalb wird das System weiterentwickelt. Beim Seriensystem erfolgt die autonome Vollbremsung erst sehr spät, denn der Fahrer könnte den Unfall ja auch durch Ausweichen vermeiden. Aber was, wenn diese Möglichkeit gar nicht besteht? An einem Stauende könnte zum Beispiel links die Autobahnplanke ein Ausweichen unmöglich machen, während sich auf der rechten Spur andere Autos befinden. Dann könnte die automatische Bremsung früher eintreten und mehr Tempo ,herausnehmen".

Lösung: Ergänzung mit Laserscanner
So soll der Audi der Zukunft mit seiner Sensorik nicht nur den Raum vor und hinter dem Auto überwachen, sondern auch die Nachbarspuren. Dafür ist allerdings eine Ergänzung der Sensorik nötig. Pre Sense Plus basiert auf Radarsensoren, die zwar weit nach vorne und nach hinten ,gucken", aber seitlich eher blind sind. Herzstück der Erweiterung ist ein Laserscanner, dessen breiter Scanbereich die Erfassung der Nebenspuren ermöglicht. Gibt es dann keine Ausweichmöglichkeit, wird der Fahrer vor Hindernissen weit früher gewarnt, und auch die Notbremsung tritt früher ein.

Aufprallvermeidung mit Pre Sense City
Für Geschwindigkeiten unterhalb von 65 km/h entwickelt Audi Pre Sense City. An vielen städtischen Unfällen sind Fußgänger beteiligt, die zum Beispiel zwischen parkenden Autos plötzlich und für den Autofahrer unvorhersehbar auf die Fahrbahn treten. Ein elektronisches System, das in solchen Fällen automatisch bremsen könnte, würde hier oft Leben retten. Das Problem: Bei 50 km/h muss das System extrem schnell reagieren. Audis Lösung ist ein so genannter PMD (Photonic Mixer Device oder Photomischdetektor), ein optischer Sensorchip, der Entfernungen besonders schnell errechnen kann. Der Sensor empfängt die Reflexionen von Infrarotlicht, das von einer Quelle im Auto aktiv ausgesandt wird. Über die Laufzeit des Lichts kann das System die Entfernung erkennen.

Fußgänger und Autos
Fußgänger werden auf eine Distanz von 20 Metern erkannt. Das PMD-System kann das Auto um 30 km/h abbremsen. Es hilft aber auch gegen ganz gewöhnliche Auffahrunfälle. Der Assistent kann sowohl harte wie weiche Hindernisse erkennen. Es spielt auch keine Rolle, ob sie stillstehen oder sich bewegen. Durch das aktive Messprinzip funktioniert all das auch noch bei Dunkelheit. Im Unterschied zu Volvos Fußgängerschutz-System, das zum Erkennen der Situation Radar- und Kamerasignale kombiniert, kommt das Infrarot-PMD-System mit nur einem Sensor aus.

Abschätzung der Unfallschwere
Es wird auch daran gedacht, mit dem PMD-Sensor eine Unfallschwere-Abschätzung zu machen. Hintergrund: Die Sicherheitssysteme heutiger Autos sind auf den relativ schweren Aufprall des EuroNCAP-Crashtests bei 64 km/h ausgelegt. Dabei muss ein Großteil des Aufpralls durch den Gurt abgefangen werden, da der Frontairbag sonst durchschlagen würde. Bei niedrigerem Tempo könnte ein größerer Teil der Wucht durch den Airbag aufgefangen werden, was unnötig starke Brustverletzungen durch den Gurt ausschließen würde. Die Aufprallwucht hängt von der Relativgeschwindigkeit ab, die der PMD-Sensor ohnehin bestimmt, aber auch von den aufeinander prallenden Massen. Die Schwere des Unfallsgegners soll optisch bestimmt werden. Ist dieser kein in Gegenrichtung fahrender, großer LKW, sondern ein in gleicher Richtung fahrender Kleinstwagen, kann man die Insassen weich in die Airbags fallen lassen.

Stauassistent: Fast schon autonomes Fahren
Aber auch für mehr Komfort will Audi mit künftigen Assistenten sorgen. So macht der Stauassistent das Fahren im Stop-and-Go-Verkehr weniger nervig. Das bis 60 km/h aktive System kombiniert zwei Serienassistenten miteinander: den Spurhalteassistenten namens Line Assist und den Abstandstempomaten ACC Stop&Go. Der kamerabasierte Line Assist hilft über einen Eingriff in die Lenkung beim Halten der Spur. Bremsen und Gasgeben erledigt ACC Stop&Go. Das Resultat: Sind auf dem Asphalt Spurmarkierungen, kann man die Hände vom Lenkrad lassen und auch Bremsen und Gasgeben vergessen – man braucht also gar nichts mehr zu tun. Mit zwei Ausnahmen: Bei engeren Kurven schaltet sich das System aus und wenn der Fahrer längere Zeit nichts tut, wird er dazu aufgefordert per Lenkeingriff zu bestätigen, dass er noch Herr der Lage ist.

Querverkehrswarner vorn und hinten
Besondere Gefahren erwarten einen Autofahrer bei Kreuzungen und Einmündungen. Hier müsste man am besten in alle Richtungen gleichzeitig schauen können. Zusätzliche Augen soll der Kreuzungsassistent öffnen. Zwei Radarsensoren und eine Videokamera erfassen dabei die Bereiche vor dem Auto und seitlich davon. Erfasst das System ein Fahrzeug, das sich seitlich nähert, wird der Fahrer in mehreren Stufen gewarnt. Nützlich ist dieser Assistent auch, wenn man aus einer engen Einmündung auf eine Hauptstraße mit dichtem Verkehr hinausfahren will. Da die Sensoren am Vorderwagen sitzen, kann man die Querstraße einsehen, lange bevor man mit den eigenen Augen etwas sehen kann.

Warnung beim rückwärtigen Ausparken
Ähnlich funktioniert die Warnung beim rückwärtigen Ausparken. Nützlich ist sie zum Beispiel, wenn man aus einer Hauseinfahrt rückwärts herausfahren will. Da beim deutschen Durchschnittsfahrer die Augen vorne am Kopf und nicht hinten an den Rücklichtern montiert sind, fährt man praktisch blind auf die Straße. Doch wie beim Vorwärts-Ausparken können auch hier die Radarsensoren von Side Assist genutzt werden. Bei Gefahr durch Querverkehr wird man gewarnt.

Gegen die Fahrradfahrer-Klatsche
Wovor sich Radfahrer fürchten, ist folgendes Szenario: Einige Autos parken im Dunklen am Straßenrand. Man fährt vorbei, plötzlich öffnet sich eine Tür und – peng – macht man einen uneleganten Abgang über die Lenkerstange. Damit das nicht passiert, entwickelt Audi eine Ausstiegswarnung. Das System nutzt die Radarsensoren des Totwinkelassistenten Side Assist. Wird der innere Türöffnungsgriff bewegt, wird überprüft, ob sich ein Radfahrer, ein Roller oder ein Auto von hinten in gefährlichem Abstand und mit gefährlichem Tempo nähert. Ist das der Fall, wird der Insasse optisch und akustisch gewarnt. Es wird auch geprüft, ob das Türöffnen durch einen erhöhten Widerstand verhindert werden soll. Bei Fahrradwegen, also wenn das Fahrrad sich auf der Beifahrerseite vorbeibewegt, ist das System ebenfalls von Nutzen: Es ist geplant, die Warnung für alle Türen verfügbar zu machen.

Ferngesteuertes Einparken
Eine praktische Idee – allerdings nicht mehr ganz neu – ist das ferngesteuerte Einparken in enge Querlücken. Ähnliche Systeme zeigten auch schon BMW im Jahr 2010 unter dem Namen Remote Controlled Parking und VW im Jahr 2008 als Park Assist Vision. Schön wäre es, wenn die Sache in Serie ginge. Dann bräuchten wir zum Einparken unserer Testwagen in der engen Tiefgarage nicht immer eine Viertelstunde. Das Prinzip ist einfach: Man stellt das Auto vor die Parklücke, steigt aus und drückt eine spezielle Taste an der Verriegelungs-Fernbedienung. Mithilfe der Sensoren fährt das Fahrzeug selbständig in die Lücke und hält an.

Anhänger-Rangieren
Nur eine Minderheit betrifft die letzte der Audi-Innovationen, allerdings eine arg gequälte. Wer ab und zu mit einem Anhänger hintendran rangieren muss, weiß, wie schwer es ist, auch nur geradeaus rückwärts zu fahren, geschweige denn, um die Ecke in eine Seitenstraße zurückzusetzen. Einfacher macht es der Anhängerassistent. Das System nutzt einen Sensor in der Anhängekupplung. Beim Rückwärtsfahren braucht man wie beim automatischen Einparken nur Gas und Bremse zu betätigen, das Lenken übernimmt der Assistent. Das Rückwärtsfahren geradeaus wird damit kinderleicht. Nicht ganz so einfach ist das rückwärtige Einbiegen. Um den Einschlagwinkel zu bestimmen, dreht man den MMI-Knopf in der Mittelkonsole. Allzu große Winkel, bei denen das eigene Fahrzeug durch den Anhänger beschädigt würde, werden automatisch ausgeschlossen.

Einige Lichtinnovationen
In puncto Licht sieht Audi für das Xenonlicht schwarz. Bald soll diese Technologie durch den LED-Scheinwerfer abgelöst werden, der genauso hell ist, aber weniger Energie verbraucht. In den preissensiblen, kleinen Klassen, so die Prognose der Audi-Techniker, wird das Halogenlicht erstmal bleiben. Ansonsten ziehen die Ingolstädter beim Fußgängerschutz nach: Mercedes und BMW haben bereits Systeme vorgestellt, bei denen Fußgänger, die vom Nachsichtgerät erkannt wurden, angestrahlt werden. Ab Frühjahr oder Sommer 2012 gibt es das auch bei Audi im A6, A7 und A8: Spaziergänger, Wanderer und Jogger werden zur Warnung dreimal angeblitzt.

Bis hierhin und nicht weiter
Ein eigenständige Idee ist das geregelte Rücklicht, dessen Intensität je nach Sichtverhältnissen variiert – bei Dunkelheit ist es schwächer, bei Nebel stärker als bei guten Verhältnissen. Außerdem könnte ein nach hinten strahlendes rotes Laserlicht dem nachfolgenden Verkehr Grenzen aufzeigen: Der intensive Lichtstrahl könnte einen roten Strich auf den Asphalt malen, um dem Hintermann den Mindestabstand bei der aktuellen Geschwindigkeit aufzuzeigen und ihm klarzumachen: Bis hierhin und nicht weiter.

Gallery: Audis Sicherheits-Ideen