Opel-Antriebsoffensive

Das Frühjahr ist genau die richtige Zeit, mal ordentlich aufzuräumen und sich neuen Dingen zu widmen. So gibt Opel nun den Startschuss zur Erneuerung seines Antriebsportfolios. 80 Prozent der Motoren sollen bis 2016 erneuert werden. Den Anfang machen ein 1,6-Liter-Diesel sowie ein Benzindirekteinspritzer mit der Bezeichnung 1.6 SIDI Turbo. Außerdem darf man sich auf neue Getriebe wie eine Achtgangautomatik freuen. Wir haben uns vor Ort informiert und bereits erste Probefahrten absolviert.

1,6-Liter-Diesel im Zafira Tourer
Bei den Opel-Dieseln missfiel bisher der geringe Geräuschkomfort des angejahrten 1.7 CDTI. Der neue 1,6-Liter soll die Wende bringen. Ab Juni 2013 kann man ihn im Zafira Tourer bestellen. Der Motor bringt 136 PS und 320 Newtonmeter Drehmoment und ersetzt nach und nach den 1,7-Liter- sowie die schwächeren Zweiliter-Diesel. Weitere Varianten mit mehr Leistung, aber gleichem Hubraum sollen folgen. Im Zafira Tourer soll es den neuen Selbstzünder neben dem alten 2.0 CDTI mit 130 PS geben – für ein paar hundert Euro Aufpreis.

Mit Harnstoff-Stutzen
Der neue Diesel hält bereits die Euro-6-Abgasnorm ein. Um den strengeren Stickoxid-Grenzwert zu erfüllen – 80 statt 180 Milligramm pro Kilometer – ist eine Abgas-Nachbehandlung nötig. Die Opel-Ingenieure verwenden das System mit SCR-Katalysator (selektive katalytische Reduktion). Dabei sorgt der Katalysator dafür, dass aus dem Abgas-NOx mit dem Harnstoff einer zugegebenen Adblue-Lösung zu harmlosem Stickstoff reagiert. Der Acht-Liter-Tank für das Additiv soll im Zafira Tourer für etwa 10.000 bis 12.000 Kilometer reichen. Vielfahrer müssen also auch mal zwischen den regulären Werkstattbesuchen nachfüllen, was über einen kleinen Zusatzstutzen unter der Tankklappe geschieht. Bei kleineren Fahrzeugen soll statt der SCR-Technik ein Speicherkatalysator eingesetzt werden. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: Der Renault Scénic dCi 130 hält ebenfalls bereits die Euro-6-Norm ein. Dazu wird aber keine Nachbehandlung benötigt, sondern es reichen innermotorische Maßnahmen wie eine verbesserte Abgasrückführung und eine thermische Optimierung, wie Renault uns auf Nachfrage erklärte.

Sparsamster Siebensitzer
Schon der alte Zafira Tourer 2.0 CDTI mit 130 PS und Start-Stopp-System benötigt nur 4,5 Liter je 100 Kilometer. Mit lediglich 4,1 Liter avanciert der Zafira Tourer 1.6 CDTI zum sparsamsten Siebensitzer-Van. Zu den verbrauchsmindernden Faktoren gehören eine besonders niedrige innere Reibung, eine schaltbare Wasserpumpe und eine variable Ölpumpe. Um Geräuschentwicklung, Vibrationen und Laufkultur zu optimieren, wird pro Takt bis zu zehn Mal eingespritzt, was die Verbrennung sanfter ablaufen lässt.

Immer noch etwas rau
In der Tat ist der Zafira Tourer mit dem neuen Motor eher leise. Allerdings läuft er auch bei Betriebstemperatur noch etwas rau. Der Vortrieb haut einen zumindest im schweren Zafira Tourer nicht vom Hocker, doch für ein Familienauto reicht es. Dass das maximale Drehmoment erst bei 2.000 U/min erreicht wird, fällt in der Praxis nicht auf. Die Höchstgeschwindigkeit wird bei 193 km/h erreicht, der Sprint auf Tempo 100 ist nach 11,2 Sekunden abgeschlossen. Den Preis nennt Opel noch nicht, doch da der alte Zafira 2.0 CDTI mit 130 PS und Start-Stopp-Automatik ab 27.205 Euro zu haben ist, dürfte die neue Version rund 27.500 Euro kosten.

Wieder ein Benzindirekteinspritzer
Auch auf der Benzinerseite tut sich was. Bis vor kurzem hatte Opel nur Saugrohreinspritzer im Angebot. Der 2003 eingeführte 2.2 Direct wurde bald wieder eingestellt. Nun bringen die Rüsselsheimer wieder einen Direkteinspritzer. Besser gesagt: Künftig sollen alle Motoren diesem Prinzip folgen. Bis auf einen Basis-Dreizylinder sollen auch alle Motoren eine Turboaufladung haben. Drei Aggregatefamilien mit Hubräumen zwischen 1,0 und 2,5 Liter sind geplant. Den Anfang macht der 1.6 SIDI (Spark Ignition Direct Injection). Die 170-PS-Version steht bereits in den Preislisten von Astra, Zafira Tourer und Cascada. Wir fuhren die bald folgende 200-PS-Variante im Astra. Zum Berserker wird der Kompakte trotz 200 PS nicht. Er bleibt bei niedrigen Drehzahlen akustisch wie vom Vortrieb her recht brav, klingt aber im oberen Tourenbereich schön sportlich-rau.

200-PS-Auto braucht nur 5,9 Liter Benzin
Den genauen Spritverbrauch der 200-PS-Version im Astra verrät Opel nicht, doch er dürfte wie bei der 170-PS-Version etwa 5,9 Liter betragen. Das sind 13 Prozent weniger als der alte 1.6 Turbo mit 180 PS benötigt. Zum Vergleich: Der VW Golf GTI braucht 6,4 Liter, hat allerdings auch 220 PS. Wie VW, BMW und die allermeisten Hersteller arbeitet Opel bei der Direkteinspritzung mit einem homogenen Gemisch. Die früher etwa von VW und BMW favorisierte Schichtladung, bei der nur der Bereich um die Zündkerze mit zündfähigem Gemisch gefüllt wird, ist wegen erhöhter NOx-Emissionen out.

Einziger 1,6-Liter-Benziner mit Ausgleichswellen
Wie bei den Dieseln hat sich Opel auch bei den Benzinern besonders um die Laufruhe gekümmert. So ist der 1.6 SIDI Turbo der einzige Benziner seiner Hubraumklasse, den es mit zwei gegenläufigen Ausgleichswellen gibt. Der Turbolader verfolgt nicht das derzeit so angesagte Twin-Scroll-Konzept, wie es beispielsweise BMW in den Vierzylinder-Benzinern verwendet. Dennoch soll der Motor so spontan ansprechen wie ein Twin-Scroll-Aggregat, so Opel. Die Single-Scroll-Technik bringt immerhin eine kompaktere Bauweise mit sich.

Schaltung: Der Trend geht zu sechs Gängen
Neues verkünden auch die Getriebe-Spezialisten von Opel. Obwohl die Handschaltungen laut Marktforschung in den nächsten Jahren etwas an Boden verlieren werden, werden sie in Europa bei zwei Dritteln der Autos an Bord sein. Der Trend geht hier zu mehr Gängen. Dabei muss eine Sechsgangschaltung gar nicht besser für den Normverbrauch sein, als eine mit fünf Gängen. Denn im EU-Verbrauchszyklus wird für Teilstrecken die Benutzung des ersten Gangs vorgeschrieben. Und der ist bei einem Fünfganggetriebe oft länger ausgelegt – und damit spritsparender – als bei einem Sechsganggetriebe. Doch die Kunden verlangen sechs Gänge, und der Kunde ist König. Außerdem bringt der Zusatzgang im für 2017 geplanten, weltweit einheitlichen Verbrauchszyklus WLTP (Worldwide Harmonized Light Duty Test Procedure) Vorteile. So haben die Ingenieure nun ein neues Sechsgang-Getriebe für Adam, Corsa und Astra mit maximal 235 Newtonmeter Drehmoment entworfen. Durch neue Lager und ein niedrigviskoses Öl weist es weniger Reibung auf und ist auch leichter. Mit einem Einsatz ist ab 2014 zu rechnen.

Neue Nick-Automatik
Für Adam und Corsa wird auch ein neues automatisiertes Schaltgetriebe mit Start-Stopp-System entwickelt. Den Akzent legte Opel hier auf den Schaltkomfort. Dennoch ist unser Eindruck im gefahrenen Adam-Prototyp nicht viel besser als bei anderen automatisierten Schaltgetrieben. An die typische Nickbewegung während der Schaltvorgänge kann man sich gewöhnen, aber wer schon mal beim Linksabbiegen mitten auf einer belebten Kreuzung einen Schaltvorgang abwarten musste, wird lieber selber schalten. Oder eine konventionelle Wandlerautomatik wählen. Hier soll die Sechsstufen-Automatik im Insignia langfristig von einem neuen Achtstufengetriebe abgelöst werden, das von vom japanischen Hersteller Aisin zugekauft wird.

23 neue Modelle
Schließlich will Opel auch einmal CVT- und Doppelkupplungsgetriebe anbieten, doch das wird noch etwas dauern. Ob Getriebe oder Motoren: Die neuen Lösungen sind Teil des Programms Drive!2022, das Opel wieder profitabel machen soll. Neue Motoren sind hier wohl am dringendsten, denn bei den Modellen wurde ja schon 2012 ein stetiger Strom von Neuheiten vermeldet. In den nächsten fünf Jahren sind 23 neue Modelle zu erwarten. Adam, Mokka und Cascada zählen bereits dazu.

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