Neue Automarke Qoros wird durch und durch europäisch

Die Versuche chinesischer Autohersteller, den europäischen Markt zu erobern, sind bisher ein langer Marsch ins Disaster. Das SUV Landwind von Jiangling Motors klappte bei Crashtests in sich zusammen, der BS6 von Brilliance China Auto war auf dem Crash-Prüfstand ebenso in tödlicher Mission unterwegs. Und China Automobile musste seine Modelle wegen Plagiatsvorwürfen vom Markt nehmen. Der wirtschaftliche Erfolg chinesischer Automarken in Europa liegt nach wie vor bei null, das Image ist nachhaltig ramponiert. Aber jetzt kommt ein Spieler aufs Feld, welcher der etablierten Konkurrenz erstmals gefährlich werden könnte: Bei der neuen Marke Qoros wird beinahe alles europäisch sein – nur produziert wird günstig in China.

China und Israel
Qoros kommt nicht aus dem Nichts. Chinas größter Autohersteller, das Privatunternehmen Chery Quantum, hat sich mit dem israelischen Mischkonzern Israel Corp. zusammengetan, um Qoros aus der Taufe zu heben. Israel Corp. ist ebenfalls bereits auf dem Automobilsektor tätig: Man ist Haupteigentümer bei Better Place, einem von Ex-SAP-Manager Shai Agassi gegründetem Unternehmen, welches sich dem Infrastrukturausbau für Elektroautos verschrieben hat. Sowohl Chery Quantum als auch Israel Corp. halten jeweils 50 Prozent an der neuen Marke Qoros.

Erfahrene Köpfe
In Sachen Führungsmannschaft geht man bei Qoros kein Risiko ein. Ausschließlich international erfahrene Manager aus dem Automobilbereich nehmen bei den Chinesen das Ruder in die Hand. Schließlich ist mangelnde Erfahrung bisher eines der größten Probleme chinesischer Automobil-Hersteller. Vorstandschef ist Volker Steinwascher. Der Ex-VW-Manager hat zuvor das Amerika-Geschäft von Volkswagen geleitet. Davor war er zum Beispiel 1986 für den Aufbau eines VW-Motorenwerkes in der ehemaligen DDR und 1992 für die Etablierung von Fertigungsstätten in der damaligen Tschechoslowakei verantwortlich. Selbst im Managementbereich rund um das wiederverwendbare Weltraumlabor Spacelab hat Steinwascher bereits mitgearbeitet. Für das Design bei Qoros ist Gert Hildebrand zuständig. Hildebrand arbeitete bis Ende 2010 als Chefdesigner für Mini – mal sehen, wie viel ,Britishness" er in die Formensprache seiner neuen Modelle hinüberrettet. CEO wird der chinesische Automanager Guo Qian, der über jahrelange Erfahrung beim Joint Venture FAW-Volkswagen verfügt.

Europäisches Know-how
Für die Entwicklungsarbeit konnte ein Schwergewicht der Branche gewonnen werden: Der österreichische Automobilhersteller Magna Steyr stellte einen Prototyp auf die Räder, der seit Ende Oktober 2011 getestet wird. Qoros vermeldet stolz, dass 95 Prozent der Zulieferungen von namhaften Weltmarktführern kommen. So ist man unter anderem Kunde bei Continental, Bosch und Valeo. Und für das Design muss Hildebrand gar nicht weit reisen: Die drei europäischen Design-Center stehen in Deutschland, Österreich und Schweden. Bereits 2013 sollen 150.000 Fahrzeuge vom Band in Changshu nahe Shanghai laufen. Momentan arbeiten dort 300 Beschäftigte, in den nächsten beiden Jahren soll diese Zahl auf 1.500 wachsen. Die Modelpalette wird anfangs eine Kompakt-Limousine und später auch einen kompakten Kombi sowie ein ähnlich großes SUV umfassen. Alle drei Fahrzeuge werden auf ein und derselben Plattform basieren. Auch ein reines Elektrofahrzeug ist geplant, das war Israel Corp. hinsichtlich Better Place wichtig. Wenn eine Produktionszahl von 300.000 Fahrzeugen erreicht ist, soll die Hälfte davon in Europa über ein eigenes Händlernetz vermarktet werden.

100 Prozent westliche Standards
Qoros betont, dass man von Anfang an westliche Standards in Sachen Qualität, Sicherheit und Umwelt erfüllen möchte. So sollen die 2013 erscheinenden Fahrzeuge die Bestwertung von fünf Sternen bei den Crashtests des Euro NCAP erreichen. In der Beziehung werden die Chinesen immer besser: Beim Euro-NCAP-Crashtest im November 2011 konnten mit dem MG6 und dem Geely Emgrand EC7 erstmals zwei chinesische Modelle vier Sterne einheimsen. Und zur Erinnerung: Im März 2010 kaufte Geely für 1,8 Milliarden Dollar die schwedische Marke Volvo von Ford. Somit gibt es mit Geely bereits einen chinesischen Hersteller, der auf europäisches Know-how zurückgreift und sogar in Europa europäische Modelle produziert. Über die Europa-Schiene könnten chinesische Hersteller also langsam aber sicher doch noch auf dem hiesigen Markt Fuß fassen. Ob sie sich dann gegen ebenfalls günstige Konkurrenzprodukte von beispielsweise Dacia, Nissan oder Fiat durchsetzen, bleibt spannend.

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