Wir sind im Karmann-Ghia TC 145 durch die Alpen gefahren

Zum 15. Mal fand sie in diesem Jahr statt: die Silvretta Classic Rallye Montafon. Wir waren vom 5. bis zum 8. Juli 2012 mit einem seltenen Karmann-Ghia TC 145 von Volkswagen Classic dabei.

Volkswagen mit Oldtimern und E-Autos
Die Silvretta Rallye wurde zum dritten Mal als Kombination aus klassischer Rallye und einem Wettbewerb für elektrisch angetriebene Automobile durchgeführt. Auch in diesem Jahr schickte Volkswagen wieder zahlreiche Klassiker der Produkthistorie auf die alpinen Strecken. Bei der parallel stattfindenden Silvretta E-Auto starteten fünf Golf Blue-e-Motion.

Anspruchsvolle Steigungen, imposante Pässe
Das Montafon und der Vorarlberg bildeten wie immer eine traumhafte alpine Kulisse für die Rallye der Premium-Klasse: Über 160 automobile Raritäten gingen bei der Silvretta Classic auf drei abwechslungsreiche Etappen. Auf insgesamt 553 Kilometern musste das Starterfeld anspruchsvolle Steigungen und imposante Alpenpässe bewältigen. Schon auf der ersten Etappe ging es steil bergauf: Die Silvretta-Hochalpenstraße führt in 32 Kehren bis auf 2.032 Meter über Normalnull.

Am Start: VW Porsche 914/4 und Golf I GTI
Das Team von Volkswagen Classic hatte ausgewählte Raritäten aus der eigenen Fahrzeugsammlung auf die Strecke geschickt: Zu sehen waren unter anderem sportliche Legenden wie der VW Porsche 914/4 und der Golf I GTI, der von VW-Motorsport-Repräsentant Hans-Joachim ,Strietzel" Stuck recht erfolgreich auf Platz 11 pilotiert wurde. Auch moderat motorisierte Klassiker wie der Karmann-Ghia Typ 14 oder das 1303 Käfer Cabriolet stellten sich den alpinen Herausforderungen.

VW aus Brasilien: Karmann-Ghia TC 145
Wir fuhren in Österreich einen waschechten Brasilianer – einen Karmann-Ghia TC 145, den viele der zehntausend Zuschauer wohl zum ersten Mal erlebten. Das Coupé war eine Entwicklung von Karmann Brasilien, wo das Unternehmen in den 1960er-Jahren ein Fahrzeugwerk in São Bernardo do Campo errichtete. Dort wurden von 1970 bis 1976 unter anderem 18.119 Exemplare des TC 145 gebaut. In Deutschland gibt es allenfalls eine Hand voll davon und entsprechend enthusiastisch wurde unser blaues Rallye-Auto bejubelt. Ja, ein älterer Zuschauer kam sogar auf uns zu und meinte: ,Das ist der schönste Wagen von allen." Ein schönes Kompliment angesichts der sündteuren Mercedes, Porsche, Rolls-Royce oder Bentley, um nur einige der klingenden Marken zu nennen, die an der Rallye teilnahmen.

64 PS aus 1,6 Liter Hubraum
Unser TC 145 stammt aus dem Baujahr 1975 und ist mit erst knapp 20.000 Kilometern auf dem Tacho so gut wie neu. Im Heck verbirgt er einen 1,6-Liter-Flachbau-Motor, der aus seinen luftgekühlten vier Zylindern in Boxerbauweise 64 PS schöpft. Das gutmütige und komfortable Fahrwerk entstammt dem VW Typ 3, auch als VW 1500 bekannt. Der Wagen ist sehr schön zu fahren, hier zeigt sich mal wieder, dass Hubraum nicht schaden kann: Aus spitzen Kehren bergaufwärts zieht die Maschine im zweiten Gang kräftig blubbernd hoch. Genial ist es, im vierten Gang mit Tempo hundert gemütlich dahin zu gleiten, auf der Autobahn sind mühelos 130 km/h drin.

Wer braucht in Brasilien eine Heizung?
Das Team von Volkswagen Classic wies uns vor dem Start darauf hin, dass das Auto keine Heizung hätte und gab uns deswegen einen Schwamm mit, um die Frontscheibe bei feuchter Witterung von innen beschlagfrei zu halten. Doch das war nur im Stand nötig: An einem regnerischen Rallye-Vormittag blieb die Scheibe dank geöffneten vorderen Ausstellfenstern frei und mit den zusätzlichen hinteren Ausstellfenstern ergab sich eine angenehme Klimatisierung wie von alleine – wo gibt es das heute noch?

Restwärmenutzung und Ambientebeleuchtung
Der Wagen hatte auch eine exzellente Restwärmenutzung, denn nach einer halben Stunde Pause strahlte der Motorraum immer noch eine wohlige Wärme aus. Und auch die Ambientebeleuchtung war in den 1970er-Jahren schon erfunden, denn die Tachometer-Beleuchtung erhellte zwar die Ziffern kaum, war aber mit grünen Lichtpunkten rundum schick anzusehen.

Praktisch: Große Heckklappe
Und praktisch ist der TC 145 auch: Da im Heck der Flachmotor des VW 1500 eingebaut ist, der zwar war etwas länger, aber mit 40 Zentimeter Höhe deutlich niedriger als der herkömmliche Käfer-Motor baut, ist zwischen Motorabdeckung und großer Heckklappe ein ansehnlicher Kofferraum vorzufinden, während unter der vorderen Haube wegen Tank und Ersatzrad kaum Gepäck untergebracht werden kann. Die Rücklehnen unseres TC 145 sind sogar vorklappbar.

Topsound dank Fehlzündungen
Die Lenkung ohne Servounterstützung geht im Stand etwas schwer, während der Fahrt fällt das aber nicht weiter auf. Die vier Gänge wollen auf langen Schaltwegen mit Bedacht eingelegt werden, Zurückschalten vom dritten in den zweiten Gang erfordert Zwischengas, zumindest wenn man noch schneller als 45 km/h ist. Im Schiebebetrieb sorgt der Boxermotor mit Fehlzündungen für ein herrliches Gepladder, so dass wir in Tunneln oder an Felswänden immer die Fenster herunterkurbelten, um diesen prächtigen Sound zu genießen. Am Abend hat man einige Zeit gebraucht, um das Geblubbere und Gepladdere wieder aus dem Ohr zu bekommen.

Sechs Stunden auf schlechten Sitzen
Die Silvretta-Rallye wird von Donnerstag bis Samstag gefahren. Wegen der wenig ergonomischen Sitze ist der Freitag mit einer Streckenlänge von zirka 300 Kilometern schon recht anstrengend. Immerhin sitzt man mehr als sechs Stunden im Auto, die Durchschnittsgeschwindigkeit bei Oldtimer-Rallyes ist bekanntlich nicht besonders hoch – es kommt nicht auf Geschwindigkeit, sondern auf Gleichmäßigkeit an. Und das besonders bei den Wertungsprüfungen, wo man Strecken zwischen wenigen hundert Metern und einigen Kilometern in vorgegebener Zeit auf die hundertstel Sekunde zwischen zwei Lichtschranken oder Luftschläuchen durchqueren muss. Und das kann ganz schön verzwickt sein, wenn etwa mehrere Lichtschranken ineinander verschachtelt sind und der Copilot mit zwei oder drei Stoppuhren hantieren muss, um dem Fahrer die Zeit herunterzuzählen, zu der er jedes Ziel passieren muss.

Strafsekunden für blockierende Räder
Unser Team, bestehend aus Redakteur Peter Hoffmann am Steuer und Jörn Schwieger von Volkswagen Classic Parts am Roadbook, bekam zum Beispiel Strafsekunden dafür, dass kurz vor einem Zwischenziel bei einer Bremsung die Räder blockierten, die aber immer rollen müssen. Immerhin erreichten Hoffmann/Schwieger im Gesamtklassement den 46. Platz und in ihrer Klasse 5 der Fahrzeuge von 1970 bis 1976 den 13. Rang. In der ,Sanduhren-Klasse", in der ohne elektronische Hilfsmittel, also nur mit Stoppuhren gefahren wird, wurden sie 18.

Auch Rallye-Ikone Rauno Aaltonen dabei
Auf Platz 1 fuhren die Italiener Gianmaria Aghem und Rossella Conti auf einem BMW 328, Baujahr 1938. Es folgten Klaus und Karin Steffens mit einem Rolls-Royce 25-30 von 1936 sowie Schorsch Memminger und Christoph Wellmann auf einem 1971er VW Käfer 1302 S. Die vielbejubelte Rallye-Ikone Rauno Aaltonen belegte mit einem Mini Austin Cooper S, Baujahr 1965, den 72. Platz.

Classic meets Future
Neben dem unüberhörbaren klassischen Teilnehmerfeld, das zum Teil bis zu 90 Jahre alte Preziosen präsentierte, gingen bei der parallel stattfindenden Silvretta E-Auto zum dritten Mal emissionsfreie Fahrzeuge an den Start. Unter dem Motto ,Classic meets Future" stellten elektrisch angetriebene Serienfahrzeuge und Prototypen unter Beweis, dass sie auch im Hochgebirge Höchstleistung bringen können. Volkswagen punktete mit zwei Golf Blue-e-Motion auf den Rängen eins und drei, dazwischen schob sich ein Tesla Roadster.

Silvretta Classic: Dabei mit VW