Unterwegs im McLaren MP4-12C Spider

Ein Auto, eine Mission. Genau genommen ein McLaren MP4-12C Spider. Mit dem bin ich unterwegs, knapp 1.000 Kilometer von Lyon nach München, einmal quer durch die Schweiz mit einem Abstecher nach Liechtenstein. Die Mission: Herauszufinden, wie alltagstauglich ein Supersportwagen aus der englischen Rennwagen-Schmiede tatsächlich sein kann.

Wasser Marsch!
Bei der Ankunft in Lyon regnet es so heftig, als wolle der Regen ganz Frankreich von der Landkarte spülen. Der Wetterbericht für die nächsten beiden Tage verspricht keine Besserung. Beste Voraussetzungen also für einen Roadtrip – in einem Cabrio. Der Spider wartet hinter einer Wand aus Regen und Nebel auf dem Flughafenparkplatz. Seine geringe Höhe von 1,20 Meter kompensiert er mit einem knallorangen Lack, das macht die Suche einfach.

Schmetterlingstüren
Das Gepäck erhält im Kofferraum Schutz vor Durchweichung. Der sitzt vorne und fasst immerhin 144 Liter, beinahe so viel wie ein Mini Cooper (160 Liter). Als die Schmetterlingstüren nach oben schwingen, werden auf dem Parkplatz die ersten iPhones gezückt. Für kurze Zeit scheint der Regen vergessen. Im Auto beschlagen sich dank der nassen Klamotten dafür die Fenster in Lichtgeschwindigkeit, was einen ersten Tauglichkeitscheck des Supersportlers nach sich zieht. Die Bedienelemente für die Klimatisierung sitzen auf der Türverkleidung, die Nutzung ist selbsterklärend. Gleiches gilt für Navi und Radio, auffällig ist hier erstmal nur das senkrecht angebrachte Touchscreen-Display.


Vorsichtshalber zweimal bremsen
Bevor es losgeht, hat der Herr, der mir das Fahrzeug übergibt, noch einen letzten Tipp auf Lager: ,Bei diesem starken Regen funktionieren die Bremsen nach längerer Ruhepause erst beim zweiten Tritt aufs Pedal so richtig. Kalkulier das besser mit ein." Da kommt Freude auf. Immerhin geht der Straßenrennwagen mit 625 PS an den Start, die Maximalgeschwindigkeit liegt bei 329 km/h. Als der Motor monoton zu dröhnen beginnt, ergießt sich die zweite iPhone-Foto-Welle über den McLaren, die Reise kann beginnen.

632 Meter: Schnee
Nächster Alltagscheck: Ausparken. Die Sicht nach hinten durch die gürtelbreite Rückscheibe ist eingeschränkt, allerdings kommt der Spider auf Wunsch mit Parksensoren daher. Los geht's in Richtung Osten. Kurz hinter Lyon klettert die Autobahn in die Berge, es ist der 27. April, auf 632 Metern beginnt es zu schneien. Um die Absurdität dieser Situation bildlich festzuhalten, erfolgt ein Zwischenstopp auf dem Rastplatz. Der Motor brodelt unter der Haube, es zischt, sobald eine Schneeflocke auf der heiß gewordenen Kunststoffabdeckung landet. So langsam kommen Zweifel auf, was die Routenplanung für die nächsten beiden Tage angeht. Um zu sehen, wie sich der McLaren abseits von Rennstrecken und unbeschränkten Autobahnen gebärdet, stehen ein paar Schweizer Alpenpässe auf dem Programm.

Fast wie in einem Kombi
Im Inneren des Spiders geht's derweil gemütlich zu. Die Heizung feuert wie ein Hochofen im Stahlwerk, der beheizbare Sitz tut sein Übriges. Im Radio laufen französische Popsongs und der McLaren surrt so entspannt vor sich hin, fast könnte man meinen, man säße in einem Kombi. Wäre da nicht die Sache mit den Bremsen. Die brauchen tatsächlich einen kurzen Moment, beziehungsweise einen zweiten beherzten Tritt, um sich kraftvoll zu verbeißen. Das ist gewöhnungsbedürftig, im Alltag aber eigentlich kein Thema, da der extremen Wetterlage geschuldet.


Heckscheibe als Geräuschfilter
Am Genfer See geht der Schnee dann wieder in Regen über und der Wunsch nach ein wenig mehr Rennwagenatmosphäre nimmt zu. Wie gut, dass man sich im englischen Woking mit schlechtem Wetter auskennt und dem Spider eine herunterfahrbare Heckscheibe unter das Verdeck gesetzt hat. Ein Druck auf den Knopf in der Mittelkonsole und der Klang des Motors dröhnt ungefiltert durch die Luke hinter den Kopfstützen. Welch Unterschied so ein Stück Glas doch machen kann. Kurz hinter Vevey erhält die neu gewonnene Fahrfreude dann einen ordentlichen Dämpfer: Der Jaunpass ist wegen Neuschnees gesperrt. Auf der Umfahrung über Gstaad herrscht gespenstische Leere, kein Auto im Rückspiegel, kein Gegenverkehr.

Planänderung
Der Spider indes zirkelt unverdrossen nach oben. Anstrengen muss er sich dafür nicht, den 625 PS scheint die Steigung nicht einmal aufzufallen. Dabei kurvt er mit einer derartigen Präzision, als läge er auf Schienen. Dann liegt Schneematsch auf der Straße, der McLaren Sommerreifen unter der Carbon-Karosserie. Eine wenig beruhigende Kombi, doch der Brite schlägt sich überraschend wacker und wenn es doch mal brenzlig wird, reagiert das ESP zuverlässig und schnell. Inzwischen ist klar: Aus dem Plan, auf einer Berghütte zu übernachten und mit dem Spider gemeinsam den Sonnenaufgang über den Alpen zu bewundern, wird nichts. Die Straßen nach oben sind dicht. So bleibt am Ende nur der Abstieg nach Interlaken.

Die lustige Tierschau
In Interlaken verbringt der Spider die Nacht zwischen den Reisebussen asiatischer Touristengruppen auf dem Parkplatz des Funny Farm Hostels. Das Treiben in der Lobby macht dem Namen der Unterkunft alle Ehre, doch ich bin zu müde, um mich zu wundern. Am nächsten Morgen geht es früh los, aufgrund des Wetters hänge ich deutlich hinter dem Zeitplan zurück. In der Lobby putzen zwei schlaftrunkene Männer die letzten Spuren der Farm-Party von der Bar, vor dem Haus wartet startklar mein oranges Reisemobil. Der Klang des Motors bringt Leben in die übermüdeten Hotelmitarbeiter, gleich vier stehen in der Eingangstür und starren auf den Spider, der zwischen den Bussen zum Vorschein kommt. Als Agenten-Karre ist der McLaren denkbar ungeeignet, denn Unauffälligkeit ist mit ihm ein Ding der Unmöglichkeit.


Andermatt
Nächstes Ziel: Andermatt und von dort über den Oberalp-Pass nach Chur. Grimselpass? Gesperrt! Furkapass? Gesperrt! Sustenpass? Man ahnt es schon: gesperrt. Die einzige Möglichkeit Andermatt zu erreichen, ist über den Vierwaldstätter See. Die Straße ins 1.447 Meter hohe Andermatt ist tief verschneit, Nebel vergräbt die Berge unter einer dicken grauen Decke. Das Örtchen ist ausgestorben, kein Mensch wagt sich ins kalte Schneegestöber. Das dumpfe Röhren des Spider-Motors zerreißt die sonntägliche Stille und übertönt den Klang der Kirchenglocken, denen an diesem Morgen kaum einer folgen wird. Ein Blick aufs Schild offenbart, was fast schon klar war: auch der Oberalppass ist geschlossen, ich muss umkehren.

Starrummel
Liechtenstein. Und plötzlich wird auch das Wetter besser. Vor der Hofkellerei des Fürsten von Liechtenstein gibt das Verdeck den Blick auf den wolkenverhangenen Himmel frei. Anhalten ist dazu eigentlich nicht von Nöten, das Dach öffnet bis 30 km/h auch während der Fahrt innerhalb von 17 Sekunden, die Heckscheibe fungiert von nun an als Windschott. Auf der Autobahn hinter Vaduz sorgt das orange Cabrio dann für jede Menge Starrummel. Es wird gehupt, gewunken und dicht aufgefahren, um den Marken-Schriftzug am Heck zu entziffern. Kein Tankstellen-Stopp ist möglich, ohne dass sich eine Traube Menschen um den Straßensportler versammelt. Und getankt werden muss oft. Den kombinierten Normverbrauch gibt McLaren zwar mit 11,7 Litern an, in den Bergen und bei höheren Geschwindigkeiten schnellt der Spritdurst allerdings rasant in die Höhe.

Glatt gebügelt
In Deutschland angekommen, fallen dann endlich alle Tempolimits und der Spider kann zeigen, was er kann. Den Standardsprint von null auf 100 erledigt er in 3,1 Sekunden und kommt dabei nicht mal ins Schwitzen, die Höchstgeschwindigkeit ist dank der anderen Verkehrsteilnehmer fast unmöglich zu erreichen, doch eines sei gesagt: der Spider ist schnell. Sehr schnell. Die Lenkung ist angenehm direkt, das Fahrwerk überraschend komfortabel. In einem solchen Renngeschoss zuckt man beim Nahen einer Querfuge schon mal vorsorglich zusammen, doch es passiert nichts. Der Spider bügelt Unebenheiten glatt wie Oma die Falten in der Leinenbluse. Das Siebengang-Doppelkuppungsgetriebe gleitet fast unmerklich durch die Gänge, Gangwechsel machen sie hauptsächlich durch ein enttäuschtes Absenken der Drehzahlnadel bemerktbar.


Sport und Track
Noch sportlicher geht es in den Modi Sport und Track zu, auf die Getriebe und Handling getrennt voneinander eingestellt werden können. Dann allerdings ist die Lenkung so direkt, dass die volle Konzentration nötig ist, um den Spider nicht mit einem Zucken in der Hand aus der Spur zu werfen. Zudem wird im Track-Modus das ESP ausgeschaltet, bei Regen nur bedingt empfehlenswert.

Bestanden
Zurück in München. Der Spider hat den Alltagstest mit Bravour bestanden. Auch nach 1000 Kilometern saß man in den Sportsitzen noch bequem, selbst der Schnee konnte den Brit-Sportler nicht aus der Ruhe bringen. Ein letztes Mal das Verdeck schließen, ein letztes Mal beim Aussteigen unter den Schmetterlingstüren durchtauchen, dann ist der Spider wieder weg und es bleibt nur das Dröhnen des V8 in den Ohren und das Gefühl des im Geschwindigkeitsrausch vibrierenden Lenkrads in den Händen.

Alpenrausch