Im Kia Quoris (K9) und Cadenza (K7) quer durch Seoul

Gerade habe ich mich von der Spur ganz links durch drei dichte Fahrzeugkolonnen nach ganz rechts durchgedrängelt, da piepst das Navi: Es warnt, dass ich hier nicht parken darf. Nach parken steht mir aber im Moment auch nicht der Sinn, ich habe es eilig, und halte nur wegen einer roten Ampel. Mit meinem Kia K9 soll ich quer durch die südkoreanische Hauptstadt Seoul fahren.

Warnungen gleich im Sixpack
Im Moment aber führt sich die koreanische S-Klasse eher auf wie ein ständig fiepsendes Videospiel. Gleich nach dem Abbiegen muss ich wieder zwei Spuren nach links. Weil ich dabei eine durchgezogene Linie überfahre – ich tu's ja nicht gerne, aber ganz legal kommt man als Ortsfremder eben kaum durch eine solche Megacity – bestraft mich das Auto mit Vibrationen im Sitz. Nervös blinkt dazu noch ein Lämpchen im Außenspiegel, nur weil ein paar Fahrzeuglängen schräg hinter mir ein Bus fährt. Auf den folgenden Kilometern warnen mich Navi und Autoelektronik mit vereinten Kräften vor weiteren Widerwärtigkeiten wie scharfen Kurven und Temposchwellen. Schließlich kommt noch ein zusammenfassendes ,Drive carefully". Ich bin nervlich ziemlich am Ende von dem ganzen Gewarne und Geblinke. Aber wahrscheinlich ist das System von mir genauso genervt wie ich von ihm. Die Elektronik muss mich für bekifft, durchgedreht, besoffen oder bescheuert halten. Am Ende schaffen wir es dennoch beide, unfallfrei durch die südkoreanische Hauptstadt zu kommen.

Sohn Nr. 1 und Sohn Nr. 2
Der K9 ist so etwas wie die koreanische S-Klasse. So heißt das Fahrzeug allerdings nur in Korea und China. In den USA soll die Oberklasselimousine den Namen K900 tragen und ansonsten Quoris. Verwirrt? Nun, die Namen ohne Nummern sind die neueren und Kia bevorzugt diese eigentlich. Sie sollen beim Kunden eine emotionale Bindung herstellen, erklärt uns Kia-Vizepräsident Thomas Oh. Er selbst habe seine Kinder in den ersten Wochen auch nur mit Sohn Nr. 1 und Sohn Nr. 2 bezeichnet. Erst später, als die emotionale Bindung entstanden ist, hat Oh die Vornamen verwendet. In Korea will Kia jedoch bei den alphanumerischen Bezeichnungen bleiben, da eine Änderung schlicht zu teuer wäre.

Von Mercedes und BMW geklaute Elemente
Mit 5,09 Meter ist der K9 etwa so lang wie ein BMW 7er. Auch das Design erinnert hier und da leicht an das Münchner Topmodell. So lassen der Grill, der Hofmeisterknick sowie die Chromleiste am Heck an BMW denken. Der vielgelobte Chefdesigner des Konzerns, Peter Schreyer, hat jedoch einen gewissen Abstand gewahrt, sodass die Ähnlichkeit nicht ins Peinliche reicht. Innen aber gibt es zwei Schandflecken. So entspricht die elektrische Sitzverstellung an der Türinnenseite fast hundertprozentig der Lösung von Mercedes, und der Automatik-Wahlhebel ist beinahe identisch mit dem von BMW. Dergleichen erinnert an chinesische Hersteller, bei Kia hätten wir es nicht erwartet.

Vollgestopft mit Elektronik
Ansonsten ist das Cockpit jedoch recht angenehm gestaltet. Dunkle Töne dominieren. Und während man bei vielen japanischen Fahrzeugen oft grobschlächtige Knöpfe und grünleuchtende LCD-Zahlen im Stil der 80er-Jahre findet, entspricht die Cockpitgestaltung im K9 europäischen Designvorlieben. Auch hat Kia bei der Elektronik richtig geklotzt: Das Auto ist vollgestopft mit modernen Helfern. Es ist schon bemerkenswert, dass Kia mit den meisten modernen Fahrassistenten aufwarten kann. Neben Spurverlassenswarner, Totwinkelassistent und Abstandstempomat gibt es ein Head-up-Display, LED-Scheinwerfer mit Kurvenlicht-Technik sowie einen Around-View Monitor, der mittels vier Außenkameras das Auto aus der Vogelperspektive zeigt. Die Fondpassagiere dürfen sich über ein Rear-Seat-Entertainment-System mit zwei 9,2-Zoll-Monitoren in den Kopfstützen sowie Massagesitze freuen. Auch einen Kofferraumdeckel mit elektrischer Betätigung, einen Einparkassistenten und schicke Instrumente in Form eines TFT-Displays gibt es. Ein Kollisions-Warnsystem ist ebenfalls an Bord, nur eine autonome Bremsung beherrscht das System noch nicht.

Starker V6 und Achtgang-Automatik
Der K9 wird in Korea mit einem 300 PS starken 3,3-Liter-V6 sowie mit einem 334 PS starken 3,8-Liter-V6 angeboten. In den USA wird statt des kleineren Aggregats ein 5,0-Liter-V8 offeriert. Unter der Haube unseres koreanischen Fahrzeugs steckt der 3,3-Liter mit Benzindirekteinspritzung und 348 Newtonmeter Drehmoment. Schon mit diesem Basisaggregat beschleunigt das Fahrzeug gut. So gut, dass durchaus auch mal die Reifen quietschen, wenn man es eilig hat. Der K9 besitzt stets Hinterradantrieb, ein Allradsystem wird anders als bei den Konkurrenten von BMW, Mercedes, Audi, Porsche und Lexus nicht angeboten. Die selbst entwickelte Automatik mit – man höre und staune – acht Gängen schaltet ohne Probleme, allerdings fehlen Schaltwippen. Mit der Luftfederung gleitet man recht komfortabel dahin. Auch die leichtgängige Lenkung fällt positiv auf.

Nichts für Europa
Eine Einführung des K9 in Europa ist derzeit nicht geplant. Wir möchten es Kia auch nicht raten. Mal abgesehen von den peinlichen Innenraum-Elementen werden die höheren Klassen zumindest in Deutschland von hiesigen Fabrikaten dominiert, und ausländische Hersteller können sich hier nur eine blutige Nase holen: Lexus verkaufte im ganzen Jahr 2012 nur 15 Stück von seinem LS, und auch Jaguar kam mit seinem 427-mal verkauften XJ nicht auf Schlagweite an die deutschen Dickschiffe heran. In den USA könnte das anders sein, daher steht die Oberklasselimousine dort als K900 demnächst auf der Los Angeles Auto Show und wird bald danach auf den Markt kommen.

K7 ohne Anleihen bei der Konkurrenz
In den USA bereits angeboten wird der Kia K7 alias Cadenza. Mit einer Länge von 4,97 Meter ist er nur zwölf Zentimeter kürzer als der große Bruder, rangiert aber eine Klasse tiefer. Die Optik ist fast die gleiche wie beim K9. Hier fehlt aber die Luftfederung und das Fahrwerk wirkt etwas härter. Auch hat die Automatik nur sechs Gänge. Unter der Haube des Testfahrzeugs arbeitet der gleiche 3,3-Liter-Motor mit GDI-Technik (Gasoline Direct Injection, Benzindirekteinspritzung), wenn er mit 294 PS auch marginal schwächer als im K9 ist. Er sorgt ebenso für Fahrfreude wie im großen Bruder. Weiterer Pluspunkt: Im Innenraum gibt es keine so peinlichen Konkurrenz-Anleihen wie im K9.

Fazit
Im Großen und Ganzen hat uns der K9 gefallen. Der Motor liefert sportlichen Vortrieb. Die Luftfederung und die leichtgängige Lenkung sowie die Automatik hinterlassen einen positiven Eindruck. Was beeindruckt, ist die Omnipräsenz moderner Technik, von der erwähnten Achtgang-Automatik über die Luftfederung bis hin zum Totwinkelwarner und zum Head-up-Display. Auch das Außendesign kann mit der Konkurrenz mithalten. Nur die Anleihen bei Mercedes und BMW im Innenraum verstimmen – dergleichen trägt nicht dazu bei, die Identität einer Marke zu stärken.

Gallery: Erstaunlich viel Technik