Projekt V-Charge: So parken und laden E-Autos von allein

Das sogenannte ,Valet-Parking" ist eine feine Sache: Man hält vor einem Restaurant, gibt einem Service-Mitarbeiter den Schlüssel und geht in aller Ruhe zum Essen, während der dienstbare Geist den Wagen auf einen freien Platz rangiert. Und auch wiederbringt, wenn man das Lokal verlässt. In den USA ist diese Annehmlichkeit recht verbreitet, in Deutschland jedoch nicht sehr häufig: Wer von uns gibt schon gern seinen Autoschlüssel in die Hand eines Fremden?

Auto sucht von allein einen Platz
Doch schon in einigen Jahren könnte diese Art des Service-Parkens zur Selbstverständlichkeit werden. Nämlich dann, wenn man sein Auto einfach vors Parkhaus stellt und per Handy-App ,Park dich!" befiehlt. Der Wagen schnurrt dann von allein los, sucht sich eine geeignete Stellfläche und kommt auch wieder zum Ausgang, wenn er wieder per App zurückbeordert wird. An diesem Szenario forscht Volkswagen im Rahmen des Projekts ,V-Charge" bereits seit vier Jahren. ,V-Charge" steht für ,Valet automated parking and charging for e-mobility" – und das bezeichnet noch eine Besonderheit: Wenn der Wagen ein Elektroauto ist, sucht er sich von ganz allein auch einen freien Ladeplatz, füllt per Induktionstechnik seinen Stromspeicher (ähnlich einer elektrischen Zahnbürste), räumt die Stromtankstelle für das nächste E-Auto und sucht sich einen freien Parkplatz, bis es wieder abgeholt wird.

EU-Gemeinschaftsprojekt
,V-Charge" ist ein EU-Gemeinschaftprojekt, in dem unter Federführung der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich neben VW auch Bosch und die Universitäten Braunschweig, Parma und Oxford zusammenarbeiten. Technologieträger ist ein e-Golf, der mit seriennaher Sensor- und Kameratechnik vollgepackt ist. Dazu gehören unter anderem vier Weitwinkelkameras, zwei 3D-Kameras, zwölf Ultraschallsensoren und die sogenannte ,Car2X"-Technologie – die wird für die Kommunikation mit der Ladeinfrastruktur und anderen Elektroautos benötigt. Alle zusammen bilden ein Netzwerk technischer Sinnesorgane, das es dem Golf erlaubt, sich autonom zu bewegen.

Starten mit Tablet, Smartphone oder -watch
Das klingt in der Theorie fantastisch gut, doch wie funktioniert das in der Praxis? Für den Zuschauer ist es zunächst ungewohnt. Wir erleben die Zukunftstechnik bei einer Vorführung auf dem Mobil Life Campus von VW in Wolfsburg. Wojciech Derendarz, der Projektverantwortliche von VW-Seite, startet die Fahrt des E-Golf über eine App auf seinem Tablet-PC, es wären aber auch ein Smartphone oder eine Smartwatch möglich. Fast lautlos setzt sich der Stromer in Bewegung und rollt zielstrebig die Straße entlang, auf dem Weg zum dreihundert Meter entfernten Parkplatz des Geländes.

Karte muss erzeugt werden
Wie die Infrastruktur von Parkplatz oder Parkhaus aussieht, und wo genau sich Fahrbahnen und Stellplätze befinden, entnimmt das Auto einer digitalen Landkarte mit fixen Markierungspunkten. Die Karte wird vor dem ersten Einsatz erzeugt und auf einem externen Server oder im Fahrzeug abgespeichert. ,Ein GPS-System funktioniert in Parkhäusern meist nicht", erklärt uns Lutz Junge, Leiter der VW-Konzernforschung Fahrassistenzsysteme. Daher habe man sich für die Karten-Lösung entschieden.

Bremst für Fußgänger
Mit maximal zehn km/h fährt der Golf geradeaus. Ein bisschen unheimlich ist es schon, das völlig fahrerlose Auto dahingleiten zu sehen. Hin und wieder bewegt sich das Lenkrad in Inneren hin und her, um anhand der Informationen von den Sensoren und Kameras sanft die Spur zu korrigieren. Zweimal biegt der autonome Wagen um eine Hausecke und muss dann eine Aufgabe meistern, deren Lösung uns alle interessiert: von rechts kommt plötzlich ein Passant, der dann vor dem Auto herläuft. Der Golf bremst sofort und fährt dann dem Mann in genügend Abstand hinterher. Bei anderen Verkehrsteilnehmern und Fahrzeugen reagiert der Golf natürlich adäquat.

Bis auf wenige Zentimeter genau
Wir erleben, wie der Kompaktwagen auf dem Parkplatz ankommt und sich eine freie Lücke sucht, die er völlig automatisch rückwärts entert. Dann setzt er sich wieder in Bewegung in Richtung Ladestation, die eine Induktionsplatte im Boden hat. Steht das Elektroauto direkt darüber (das System kann bis auf wenige Zentimeter exakt einparken), hebt sich die Platte in Richtung ihres Gegenstücks am Wagenboden und der Ladevorgang beginnt.

Nach 2020 in der Praxis einsetzbar?
Es bleibt die Frage, ab wann wir unsere Auto so schön komfortabel loswerden und wieder herbeiholen können. ,Das volle Szenario könnte nach 2020 möglich sein", schätzt Lutz Junge. Wie kontinuierliche Tests im Rahmen des Forschungsprojekts belegen würden, ist V-Charge aber bereits heute voll funktionsfähig.

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