Manipulation bei Leserwahl: Ist allein Ramstetter schuld?

Das schlug ein wie eine Bombe: Michael Ramstetter (60), Chefredakteur der Clubzeitung ,motorwelt" und gleichzeitig als Kommunikationschef oberster Öffentlichkeitsarbeiter des Automobilclubs ADAC, legte seine Ämter nieder. Er musste einräumen, die Zahl der abgegebenen Stimmen zur Leserwahl ,das Lieblingsauto der Deutschen" nach oben manipuliert zu haben. Der Leserpreis wurde im Rahmen der Preisverleihung zum ,Gelben Engel" am letzten Donnerstag (16.1.2014) vergeben.

Keiner macht mit
Es muss Ramstetter ganz schön geärgert haben, dass von den 18,8 Millionen Mitgliedern anscheinend nur weniger als 80.000 bei der Abstimmung mitgemacht haben. Immerhin wurden sie ausgiebig in einem dreiseitigen Artikel der ,motorwelt"-Ausgabe vom Oktober 2013 und auf der ADAC-Internetseite zur Teilnahme aufgerufen. So berichtete die Süddeutsche Zeitung, die den Betrug aufgrund ,interner Unterlagen", die der Zeitung vorlagen, am Dienstag (14.1.2014) aufdeckte, dass für das Lieblingsauto 2013 nur ungefähr 76.000 Stimmen abgegeben worden seien, während der Verein stets von zirka 290.000 Stimmen gesprochen habe. Das diesjährige Siegerauto, der VW Golf, hat laut der Süddeutschen Zeitung nur 3.409 Stimmen erhalten. Eine Lächerlichkeit, die Ramstetter wohl nicht zugeben wollte. Ein nicht veröffentlichtes Papier, das der Zeitung vorliege, weise als offizielles Ergebnis für den Gewinner der Gelben Engels 34.299 Stimmen aus – offenbar eine von Ramstetter persönlich aufgehübschte Zahl.

Gelbe Saubermänner
Nachdem am Dienstag die Süddeutsche den Betrugsvorwurf erhob, wiesen die Offiziellen des ADAC, darunter ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair und Präsident Peter Meyer, zunächst jegliche Manipulationsvorwürfe zurück. "Alle Preise beruhen auf sauberen, statistisch repräsentativen Auswertungen der Stimmen unserer knapp 19 Millionen Mitglieder", hieß es in einer Erklärung. Entsprechend cool wurde dann auch die festliche Preisverleihung am Donnerstag in der Münchener Residenz durchgezogen – ein Stelldichein der Chefs der deutschen Automobilindustrie.

Kleinlautes Geständnis
Doch am Freitag war es dann so weit. Geschäftsführer Obermair hatte mittlerweile die Innenrevision beauftragt, Ramstetters Zahlen nachzuprüfen. Zusätzlichen Druck machte wohl ein Fragenkatalog der ,Bild am Sonntag", den es zu beantworten galt. Bis jetzt scheint festzustehen, dass auch die Werte für 2012 und 2013 manipuliert gewesen sind. Ramstetter, der in seiner Redaktion oft ,Rambo"-mäßig aufgetreten sein soll (Jahresgehalt laut ,Bild" zirka 250.000 Euro), legte seine Ämter nieder und nahm alle Verantwortung auf sich – ,Ich habe Scheiße gebaut", sagte er der Süddeutsche Zeitung und verschwand laut Bild in einen Urlaub.

Wusste niemand etwas?
Der ADAC betont, dass weder die Geschäftsführung noch das Präsidium des ADAC zu irgendeinem Zeitpunkt über die Unregelmäßigkeiten bei der Leserwahl unterrichtet gewesen sei. Auch sei nicht die Rangfolge der Gewinner manipuliert worden, sondern nur die Anzahl der abgegebenen Stimmen. Nun will man die Vorkommnisse umfassend aufklären. Geschäftsführer Obermair sieht die Alleinschuld bei Ramstetter: ,Ich bin fassungslos über die Dreistigkeit des Fehlverhaltens einer einzelnen Führungskraft, für den selbstverständlich bis zuletzt die Unschuldsvermutung gegolten hat. Dem ADAC ist dadurch schlimmer Schaden zugefügt worden", so Obermair. Es gelte nun, mit aller Entschiedenheit die Reputation und Glaubwürdigkeit des Clubs in vollem Umfang wieder herzustellen. "Wir nehmen die Kritik am ADAC äußerst ernst und werden alles unternehmen, um das Vertrauen in den ADAC zurückzugewinnen." Nach derzeitigem Kenntnisstand gebe es keinerlei Hinweise darauf, dass auch andere Bereiche des ADAC, etwa Verbraucherschutz- oder Techniktests, von Unregelmäßigkeiten betroffen sind. Indessen steht aber ADAC-Präsident Meyer bei vielen Mitgliedern und laut Zeitungsberichten bei einigen Gauen, wie die Regionalkreise des ADAC heißen, unter Beschuss: Meyer hatte Ende Dezember 2013 der Zeitung ,Welt" ein Interview gegeben, in dem er als Alternative zu den Mautplänen der CSU eine Erhöhung der Mineralölsteuer vorschlug. Das stößt vielen Mitgliedern bitter auf, die auf der lesenswerten Facebook-Seite des ADAC nun zum Austritt aufrufen, mindestens aber dazu, dass der Klub mehr auf seine Mitglieder hören solle und sich auf das Kerngeschäft, die Pannenhilfe, konzentrieren möge.

Harsche Kritik vom Professor
Besonders harsch geht nun Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Universität Duisburg-Essen, mit dem Automobilklub um. Zu Recht wirft er dem ADAC Arroganz und Selbstherrlichkeit vor (wie soll man es wohl anders bezeichnen, wenn ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair auf die Vorwürfe der Süddeutschen zunächst konterte: ,Nichts ist älter als die Tageszeitung von gestern: Mit der packt man den Fisch ein", anstatt Ramstetter gleich ordentlich auf die Finger zuschauen?) Dudenhöffer hält den ADAC mit seiner derzeitigen Organisationsstruktur für gescheitert. Dem Bayerischen Rundfunk sagte er: ,Es gibt keine Kontrolle beim ADAC. Man schottet sich ab. Er verkündet die Wahrheit, Nachfragen sind nicht erlaubt. Offensichtlich ist das System ein Nährboden dafür, dass sich Dinge entwickeln, die sich in Organisationen nicht entwickeln dürfen."

Forderung nach neuer Struktur
Kosmetische Änderungen genügten nicht mehr, der ADAC brauche gemäß Dudenhöffer "eine völlig neue Struktur", um seine Glaubwürdigkeit zu erhalten. Der ADAC solle sich in einen Pannenservice und in ein Wirtschaftsunternehmen aufteilen. Man könne auch nicht ausschließen, dass andere Test- und Umfrageergebnisse des ADAC manipuliert seien. Dudenhöffer erinnert daran, dass der ADAC alljährlich die Pannenstatistik erstellt, um die Zuverlässigkeit der Autos zu ermitteln. Gleichzeitig übernimmt der ADAC aber den Pannenservice der Autobauer für sehr viel Geld. Das seien Verflechtungen, die mit der Unabhängigkeit von einer Testorganisation nichts zu hätten.

Und die Folgen?
Wir sind der Meinung, dass es nicht reicht, wenn ADAC-Kommunikationschef Ramstetter abdankt. ADAC-Geschäftsführer Karl Obermair und Präsident Peter Meyer sollten sich gut überlegen, ob sie wegen ihrer unangebrachten, arroganten Haltung nicht auch den Weg für einen Neuanfang des ADAC frei machen sollten. Und dann sind da gewiss noch einige Leute, die Ramstetter gedeckt haben. Denn wer mag schon glauben, dass er die – wenn auch wenigen – Stimmen persönlich ausgezählt hat? Da gibt es sicherlich einige Mitarbeiter und deren Vorgesetzte, die auch Bescheid gewusst haben mussten. Und wenn nicht, genauso schlimm. Ob noch einmal eine derartige Ämterhäufung wie bei Ramstetter erfolgen sollte, ist ebenfalls fraglich. Besser wäre es wohl, als Chefredakteur der "motorwelt" und als Kommunikationschef zwei Personen einzusetzen. Und von Volkswagen, mit dem Golf Gewinner des Preises ,Lieblingsauto der Deutschen", kann man wohl erwarten, dass das Unternehmen den Preis zurückgibt. Wert ist er ohnehin nichts mehr.

+++ UPDATE 1 +++
Montag (20.1.2014) mittag veranstaltete der ADAC eine Pressekonferenz zu den Vorwürfen. Dabei hieß es, dass die Führung des ADAC die Berichterstattung der vergangenen Tage bedaure, ebenso die Kritik von ADAC-Spitzenrepräsentanten im Rahmen der Preisverleihung "Gelber Engel" gegenüber einzelnen Medien. Diese sei in der festen Überzeugung erfolgt, dass sich die in der Süddeutschen Zeitung erhobenen Manipulationsvorwürfe als substanzlos erweisen würden. Diese Einschätzung hätte sich Ende vergangener Woche als falsch herausgestellt. Der Vorsitzende der ADAC Geschäftsführung habe sich nach Bestätigung der Manipulation bei der Süddeutschen Zeitung entschuldigt ... Geht es beim ADAC jetzt also weiter mit Business as usual?

+++ UPDATE 2 +++

Deutsche Autohöfe protestieren
Nach der Manipulation beim Autopreis ,Gelber Engel" soll der Autoclub angeblich auch bei seinen Raststätten-Tests nicht neutral gewesen sein. Das meint zumindest die Vereinigung Deutscher Autohöfe (VEDA). Die Autohöfe würden bei diesen Test benachteiligt, so VEDA-Chef Alexander Ruscheinsky in einer Presseerklärung. Eine neutrale Haltung des ADAC wird bezweifelt, da die Raststätten und der ADAC seit Jahren in weitreichenden geschäftlichen Beziehungen stünden und sich öffentlich regelmäßig und in großer Aufmachung als Premiumpartner präsentieren würden. Als Beweis wird eine Pressemeldung der Tank&Rast zitiert: "Tank&Rast und ADAC bauen erfolgreiche Partnerschaft aus, Kooperation bis 2014 verlängert."

Raststättentest nicht neutral?
Ruscheinsky weiter: "Der Aufmacher des ADAC `Raststätten besser als Autohöfe`, ist eine vernichtende Verallgemeinerung. Wir bemängeln schon seit Jahren, dass der Test nicht neutral ist. Insbesondere die Testkriterien privilegieren einseitig die Autobahn-Raststätten und die Auswahl der Autohöfe ist nicht repräsentativ. Kriterien, nach denen ausgewählt wird, sind uns auch auf Anfrage nicht genannt worden. Auch werden immer wieder Eigenschaften, die im Test Punkte bringen, bei den Autohöfen nachweislich übersehen."

ADAC weist Kritik zurück
Auf der Pressekonferenz am Montag, den 20.1.2014, meinte Karl Obermair, der Vorsitzende der ADAC Geschäftsführung, dazu, dass es nach derzeitigem Kenntnisstand keinerlei Hinweise darauf gebe, dass auch andere Bereiche des ADAC, etwa Verbraucherschutz- oder Techniktests, von Unregelmäßigkeiten betroffen sind.

Bei Autotest getrickst
Doch schon 2005 wies die Frankfurter Allgemeine Zeitung nach, dass der ADAC zumindest bei einem Autotest trickste. Die Zeitung berichtet: "Als sich 2005 im ADAC-Test ein Dacia überschlug, sendete die Pressestelle des Clubs die Meldung in die Welt: Billigflieger aus Rumänien. Tatsächlich hatten die Tester zuvor die Reifen ruiniert, dann das mit einer anderen Felge versehene Reserverad aufgezogen und hernach den Dacia so lang gescheucht, bis er abhob. Nachdem die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung darüber mit der Überschrift ,Schummelclub ADAC?" berichtet hatte, gab es erst böse Beschimpfungen aus München, danach gestand man die Tricksereien kleinlaut ein."

Staatsanwaltschaft München prüft
In einer Presseerklärung schreibt die Staatsanwaltschaft München I: "Auf Grund der Medienberichterstattung zu den Vorgängen im Zusammenhang mit dem Gelben Engel des ADAC prüft die Staatsanwaltschaft München I, ob hier Straftatbestände berührt sein können oder nicht." Es wird dazu ausdrücklich festgestellt, dass ein Ermittlungsverfahren bislang nicht eingeleitet wurde.

Bildergalerie: Gelber Skandal