Bei den einzelnen Konzernmarken wurde das Personalkarussel angeworfen

Nachfolger des zurückgetretenen Martin Winterkorn als VW-Vorstandsvorsitzender wird der bisherige Porsche-Chef Matthias Müller. Schon am Donnerstagnachmittag meldeten dies mehrere Zeitungen unisono, doch die offizielle Entscheidung fiel erst auf der Aufsichtsratssitzung am Freitagabend (25. September). Auch bei den einzelnen Konzernmarken wurde das Personalkarussel angeworfen. Unter anderem soll Skoda-Chef Vahland zu VW wechseln. Zu Gerüchten, dass auch die Forschungsvorstände Heinz-Jakob Neußer (VW), Ulrich Hackenberg (Audi) und Wolfgang Hatz (Porsche) gehen müssen, war noch nichts zu hören.

Kein Fehlverhalten bei Winterkorn?
Winterkorn war am Mittwoch infolge des Skandals um getürkte NOx-Emissionswerte zurückgetreten. Er übernehme "die Verantwortung für die bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren. Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltes bewusst bin."

Sachverhalt eingeräumt
Den behaupteten Sachverhalt hatte Winterkorn schon am Dienstag in einer Pressemitteilung eingeräumt: ,Der Vorstand der Volkswagen AG nimmt die festgestellten Verstöße sehr ernst. Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben." Aber worum geht es bei der ganzen Sache eigentlich? Wir fassen den aktuellen Stand zusammen.

Der Trick mit der Erkennungssoftware
Der VW-Konzern hat in den USA mit einer speziellen Motorsoftware sehr niedrige NOx-Emissionen vorgetäuscht, und zwar über viele Jahre hinweg. Bei den 2.0-TDI-Versionen von Audi A3, VW Jetta, Passat, Beetle und Golf wurde ein Code installiert, der erkennt, ob das Auto einen Zyklus zur Emissionsmessung fährt. In diesem Fall werden die Motorenparameter so eingestellt, dass sich niedrige Stickoxid-Werte ergeben. Wenn das Fahrzeug im realen Verkehr unterwegs ist, wird dagegen zum Beispiel auf die Performance hin optimiert und die Umweltfreundlichkeit geopfert.

Schwere finanzielle Folgen
VW drohen neben einem Imageverlust auch finanzielle Konsequenzen. Erstens dürfen Fahrzeuge, die die US-Normen nicht einhalten, nicht verkauft werden. Daher hat VW den Verkauf der betroffenen US-Dieselversionen gestoppt. Zweitens muss VW den Fehler beheben. Das bedeutet: Rückruf mit entsprechenden Kosten.

Milliardenstrafen drohen
Und schließlich droht eine Strafe von bis zu 37.500 US-Dollar (33.400 Euro) pro Auto. Bei 482.000 betroffenen Autos in den USA wäre das ein Gesamtbetrag von etwa 16 Milliarden Euro. Dass dieser Rahmen ausgeschöpft wird, ist jedoch eher unwahrscheinlich. So kostete Toyota ein Rückruf in den Jahren 2009 bis 2011 trotz neun Millionen betroffenen Fahrzeugen und einigen Todesfällen nur einen einstelligen Milliardenbetrag, wie Christian Stadler von der Warwick Business School ausführt.

Auch Europa betroffen
Nachdem es ursprünglich nur um die rund 500.000 US-Fahrzeuge ging, hat VW inzwischen zugegeben, dass wesentlich mehr Autos involviert sind: ,Auffällig sind Fahrzeuge mit Motoren vom Typ EA 189 mit einem Gesamtvolumen von weltweit rund elf Millionen Fahrzeugen." Bei diesen gäbe es eine auffällige Abweichung zwischen Prüfstandswerten und realem Fahrbetrieb. Die hohe Zahl deutet darauf hin, dass auch Europa betroffen ist. Dies bestätigte Bundesverkehrsminiter Alexander Dobrindt (CSU) unter Berufung auf die von ihm eingesetzte Untersuchungskommission. Es ginge um 1,6- und 2,0-Liter-TDI-Aggregate, insgesamt wären 2,8 Millionen deutsche Fahrzeuge involviert. Laut VW erfüllen aber die aktuellen Europa-Dieselfahrzeuge mit Euro-6-Einstufung die gesetzlichen Normen.

Aktiencrash und Gewinnrückstellung
Der Börsenkurs von VW fiel nach der Nachricht von 162 auf zeitweise 103 Euro – das sind über 35 Prozent. Inzwischen hat der Kurs wieder leicht angezogen auf 107 Euro. Wegen der Gefahr eines teuren Rückrufs und eines Gewinneinbruchs gab VW auch eine Rückstellung von 6,5 Milliarden Euro bekannt.

Erhöhte NOx-Emissionen im Alltag
Der VW-Skandal zeigt, dass auch moderne Dieselmotoren nicht immer so sauber sind, wie es die Abgasgrenzwerte versprechen. Das betrifft nicht nur VW, sondern alle Hersteller. Dies ist bereits spätestens seit 2014 bekannt. Damals ergab eine Untersuchung des Umweltinstituts ICCT (International Council on Clean Transportation), dass bei vielen Fahrzeugen die Stickoxid-Emissionen im realen Verkehr siebenmal höher sind als auf dem Prüfstand. Deshalb hat die Europäische Union beschlossen, dass die NOx-Emissionen ab Januar 2016 nicht mehr nur auf dem Prüfstand, sondern auch im realen Fahrbetrieb gemessen werden müssen – das Schlagwort heißt Real Driving Emissions (RDE).

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