Skandal um manipulierte Motorsoftware

Nicht nur in den USA, sondern auch bei den Emissionsmessungen in Europa hat VW bewusst geschummelt. Das ist das Ergebnis einer Recherche von Süddeutscher Zeitung (SZ), NDR und WDR. Ursprünglich ging es bei dem Skandal ja ,nur" um die etwa 485.000 Dieselfahrzeuge in den USA, bei denen eine Zykluserkennung niedrige NOx-Emissionen vortäuscht. Doch bald gestand VW, dass weltweit elf Millionen Autos betroffen seien, darunter viele europäische. Da aber die Euro-5-Norm um ein Vielfaches lascher ist als die US-Emissionsvorschriften, fragten sich viele, warum auch europäische Fahrzeuge die Software bekommen haben.

Schummelei war wohl das Werk von Vielen
Insider sagten dazu laut SZ, die Software hätte sich einfach epidemieartig verbreitet, ohne dass man dies wirklich gewollt hätte – vielleicht wäre sie sogar vergessen worden. Nach den Recherchen von SZ, NDR und WDR war dies jedoch nicht so. Es sei bewusst geschummelt worden. VW hat dies inzwischen eingeräumt. Nicht nur der amerikanische Messzyklus, sondern auch der europäische NEFZ würde von der Software erkannt. Dabei musste jedes Modell einzeln auf den Zyklus abgestimmt werden. Die Folgerung des Rechercheverbunds: Es müssen viele Ingenieure beteiligt gewesen sein, nicht nur einige wenige, wie der neue Konzernchef Müller nicht müde wird zu betonen.

,Umfangreiches Schreiben": Der Plan steht
Auch die Aufarbeitung des Skandals ist wieder das Werk von Vielen. Zahlreiche Ingenieure, Finanzfachleute und Juristen von VW mussten wohl in den letzten Tagen Sonderschichten schieben. Denn bis zum gestrigen Mittwochabend (7. Oktober) wollte das Kraftfahrtbundesamt wissen, welche Maßnahmen zur Umrüstung der ,Schummel-Diesel" nötig sind. Das ist auf einer halben Seite nicht zu machen, denn es geht um verschiedene Varianten des Euro-5-Dieselmotors EA 189 (1.2 TDI, 1.6 TDI und 2.0 TDI), in diversen PS-Varianten, mit landesspezifischen Abweichungen, in verschiedenen Modellen mit unterschiedlichen Getrieben. Das ,umfangreiche Schreiben" sei fristgerecht eingegangen, erklärte nun Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU). Das KBA benötige jetzt einige Tage zur Prüfung. VW hat bereits bekannt gegeben, dass alle betroffenen Diesel im Lauf des Jahres 2016 repariert werden sollen. Beim 2.0 TDI reicht angeblich ein Softwareupdate, beim 1.6 TDI sind weitergehende Maßnahmen notwendig.

Neußer soll ersetzt werden
Die Schuldfrage ist derweil noch nicht abschließend geklärt. Angeblich soll jedoch zunächst VW-Entwicklungsvorstand Heinz-Jakob Neußer durch den bisherigen Entwicklungschef von Skoda, Frank Welsch, ersetzt werden, wie unter anderem der ,Spiegel" berichtet. Neußer war zwar erst seit 2011 Leiter der Aggregateentwicklung und damit nicht direkt für die Einführung der betrügerischen Motorsoftware im Jahr 2008 verantwortlich. Doch er hat nach VW-internen Untersuchungen den Hinweis eines Motorentechnikers auf illegale Praktiken im Jahr 2011 abgetan, wie SZ, NDR und WDR schon im September berichtet hatten.

Schuldige auch an der Konzernspitze?
Die Nachfolge der beurlaubten Entwicklungsvorstände Ulrich Hackenberg (Audi) und Wolfgang Hatz (Porsche) ist noch offen. Auch steht noch nicht fest, ob und inwieweit die Konzernspitze in die Entscheidung für die Software involviert war. Martin Winterkorn, ab 2007 im Amt, streitet eigenes Fehlverhalten ab. Und auch sein Vorgänger Bernd Pischetsrieder (2002 bis 2006) ließ über seinen Anwalt ausrichten, er habe weder Kenntnis von der Software, noch habe er die Entscheidung zum Einsatz getroffen.

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