Winterreifentester bei Goodyear und Dunlop: Ein Traumjob?

Was wollten Sie als Kind einmal werden? Pilot, Astronaut, Tierarzt oder vielleicht Feuerwehrmann? Alles schöne Berufe, mit Sicherheit, aber wie wäre es mit Autofahren? Den ganzen Tag. Dazu kostenloses Benzin, nahezu unendliche viele Reifensätze und das alles für einen guten Zweck. Klingt auch nicht gerade verkehrt, oder? Plakativ betrachtet hat Vincent Lopes, der schon in jungen Jahren Benzin im Blut hatte und gerne Autorennen fuhr, genau diesen Job ergattert. Der 35-jährige Belgier arbeitet als Testfahrer bei Goodyear und Dunlop. Was Lopes alles anstellt, damit wir auf vereisten und verschneiten Winterstraßen nicht die Haftung verlieren? Wir haben ihn besucht … 300 Kilometer nördlich des Polarkreises.

Auf ins Arctic Center. Auf in die finnische Pampa
Von München aus machen wir uns auf den Weg in das Arctic Center des Reifenherstellers. Kurz zusammengefasst bedeutet das: Zweieinhalb Stunden fliegen, dann umsteigen, noch einmal eineinhalb Stunden fliegen und während auf den Kabinenbildschirmen der Maschine bereits Wintersportvideos gezeigt werden stellen wir uns mit Blaubeersaft auf eisige Temperaturen ein. Anschließend geht es in einer 30-minütigen Autofahrt durchs weiße Nichts, um die letzten Anzeichen der Zivilisation hinter uns zu lassen. Dann sind wir da, im Goodyear-Dunlop-Testzentrum. Es wurde im Jahr 2014 eröffnet, erstreckt sich in der finnischen Pampa nahe Saariselkä über eine Fläche von 25 Hektar und soll wegen der stabilen Gefrierschrank-Bedingungen nun jedes Jahr von November bis März als Testgelände für Winterreifen dienen.

Keine Supercars. VW Golf VII und BMW 3er müssen reichen
Hier wartet Herr Lopes mit einem VW Golf VII und einem BMW 3er. Wo sind die Supercars, fragen wir uns? Wo sind die Fahrzeuge, die den Mundwinkel-besonders-weit-nach-oben-Faktor haben? Der Belgier lacht und sagt: ,Die Leute denken oftmals, dass Testfahrer immer nur leistungsstarke Autos auf legendären Strecken fahren. Das tun wir zwar gelegentlich, aber es ist ein winziger Teil unserer Arbeit." Und der Rest? Der ist ,eine äußerst exakte Wissenschaft, die es zu lernen gilt und die eine Menge Zeit benötigt." Und was wäre wissenschaftlicher als ein Golf oder ein 3er mit allerlei objektiven Messinstrumenten und einem subjektiven Popometer, das ein Ingenieursstudium vorweisen kann?

Ein typischer Tag eines Winterreifentestfahrers beginnt
So beginnt der typische Tag eines Winterreifentestfahrers nicht mit wilden Driftmanövern auf zugefrorenen Seen, sondern im Büro, mit einem sogenannten ,Request". Diese Testanfrage gibt das Tagesprogramm passend zu den herrschenden Rahmenbedingungen wie Boden- und Lufttemperatur, Schneebeschaffenheit und Tageszeit vor. Welches Fahrzeug, welche Reifengröße, welcher Test, alles ist fest vorgeschrieben und Feierabend ist erst, wenn ein ausführlicher Bericht zur Anfrage vorliegt. Pro Winter-Fahrer heißt das: vier bis acht Reifensätze und 15 bis 20 Mal Reifenwechseln. Jeden Tag. Insgesamt werden so 2.500 Prototypen und mehr als 300.000 Testkilometer pro Jahr verheizt. Über zwei volle Wintersaisons ...

Schneebremsen und Beschleunigen auf Schnee
Unser Testrequest sieht für heute zuerst Schneebremsen und Beschleunigen auf Schnee in einem VW Golf VII vor, der mit dem Goodyear UltraGrip Performance bereift wurde. Hierfür wird der Kompaktwagen entweder aus dem Stand auf eine Geschwindigkeit von 30 km/h beschleunigt, oder aus 50 km/h auf zwei km/h abgebremst. Aufgezeichnet werden mittels GPS-Messung die benötigte Zeit und die zurückgelegte Strecke. Immer und immer wieder. Und wieder. ,Man muss lernen, die Arbeit sehr diszipliniert zu machen, damit die unterschiedlichen Tests auch aussagekräftig und vergleichbar werden. Man legt zuweilen ein obsessives Verhalten an den Tag, nur um sicherzustellen, dass alles akkurat verläuft", erläutert Lopes.

Wer ,objektiv" gut kann, darf auch ,subjektiv" testen
Etwas Abwechslung verspricht der zweite Teil des Tages trotzdem: Wir steigen um in einen heckgetriebenen BMW 320i auf Dunlop Winter Sport 5. Jetzt soll es darum gehen, die Handlingeigenschaften des Pneus auf Schnee zu messen und gleichzeitig zu erfahren. Klingt endlich nach driftigen Heckausflügen, aber auch hier wird vorrangig mittels GPS-Gerät eine objektive Zeit auf einem gut einen Kilometer langen Rundkurs ermittelt, statt ein laszives Hinternwackeln herbeizuführen. Anders ist hier aber, dass nun auch subjektive Fahreindrücke des jeweiligen Testers in die Bewertung mit einfließen. Wieder ein zeitintensives Unterfangen, denn ,auch wenn jemand über gute Fahrkenntnisse verfügt, dauert es mehrere Jahre, bis man zu einem guten Reifentester ausgebildet ist", meint Lopes. Gerade beim subjektiven Teil der Arbeit ,werden Erfahrungen und Wissen benötigt, um das Verhalten des Reifens unter unterschiedlichen Bedingungen bewerten zu können", so der 35-Jährige weiter.

Winter ist immer. Zumindest irgendwo auf der Welt
Und was passiert, wenn das finnische Frühjahr die eisigen Temperaturen, den Schnee und die Dunkelheit durch Stechmücken ersetzt? Dann zieht der ganze Goodyear-Dunlop-Wintertestzirkus auf die Südhalbkugel um. ,Im Sommer sind wir ab August in Neuseeland. Dies erlaubt uns, quasi das ganze Jahr über auf Schnee zu testen und somit die Entwicklungszeit von Winterreifen zu verkürzen."

Vielleicht Ihr neuer Job?
Wenn Sie also kein Problem mit wochenlanger Dunkelheit haben, Ihnen die räumliche Abgeschiedenheit auch nach zweieinhalb Monaten nichts ausmacht und Sie mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt eines Ingenieurs einverstanden sind, dann sollten Sie vielleicht Winterreifentestfahrer werden. Vielleicht für die nächste Generation der Eis-und-Schnee-Pneus, denn der Goodyear UltraGrip Performance und der mehr auf dynamisches Fahrverhalten ausgelegte Dunlop Winter Sport 5 sind bereits fertig.

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