Vor Ort beim TrixFormer: Ein Konzept, sechs Anwendungen

Erinnern Sie sich noch an das Fliewatüüt aus dem Kinderbuch ,Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt" von 1967? Das Allround-Fahrzeug, das fahren, fliegen und schwimmen kann? Jetzt gibt es solch ein außergewöhnliches Gefährt wirklich: den so genannten TrixFormer. Dessen Kernstück bildet das TrixCycle, ein elektrisches Motorrad, an das verschiedene Module mit Zusatzantrieb angedockt werden können. Da wären zum Beispiel der TrixGyro, ein Tragschrauber, und das TrixPlane, ein Flugzeug. Oder der TrixHeli, ein Hubschrauber, das TrixRail, ein Andocksystem für einen Eisenbahnwaggon und das TrixBoat.

Der Daniel Düsentrieb des TrixFormers
Erfinder des TrixFormer und Geschäftsführer der Firma TrixyAviation ist Rainer Farrag aus Dornbirn in Österreich. Er ist seit 1972 im Besitz eines Pilotenscheins und gelernter Luftfahrtingenieur. Aber wie kommt man auf die Idee, ein Gerät zu bauen, das fahren, fliegen und schwimmen kann? Im Jahr 1997 ist Farrag angeblich nach 800 Kilometer Flug nachts und im Regen auf einem einsamen Flugplatz irgendwo in Amerika gelandet. Der Weg von wenigen Kilometern in das Hotel stellte sich dann aber als Problem heraus. Das war der Moment, in dem die Idee des TrixFormer geboren wurde. Denn wie praktisch wäre es gewesen, das Flugzeug in ein Motorrad umzubauen und selbst zum Hotel zu fahren!

Fliegender Zauberwürfel
17 Jahre später steht er da, der erste fertige TrixFormer. Ich komme auf dem Flughafen Leutkirch/Unterzeil im westlichen Allgäu an und sehe sofort den knallgelben Tragschrauber, auf dem Vorfeld stehen. So richtig kann ich mir noch nicht vorstellen, dass in diesem Tragschrauber ein zweisitziges Motorrad versteckt ist, das Kernstück des ausgeklügelten Bausteinsystems. Als begeisterte Hobbypilotin entdecke ich sofort die Pedale, die für das Seitenruder zuständig sind. An der Vorderseite des Cockpits fällt mir außerdem auch der rote Faden an der Frontscheibe auf, der dem Piloten die Fluglage um die Hochachse anzeigt. Einen Höhenmesser sowie einen Fahrtenmesser entdecke ich an einer Art Schweller links neben dem Pilotensitz. Unübersehbar sind die langen Rotorblätter und der Propeller hinter dem Copiloten. Der TrixGyro wird anders als das Fliewatüüt aber nicht mit Himbeersaft betrieben, stattdessen arbeitet im Heck ein 130 PS starker Motor, basierend auf dem Rotax 912 UL mit 1,2 Liter Hubraum. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 180 km/h. Maximal kann der Tragschrauber 5,6 Meter pro Sekunde steigen, wobei er eine Flughöhe von 4.600 Meter respektive 15.000 Fuß erreichen kann. Braucht man für den TrixFormer also zwingend einen Pilotenschein? Falls man damit fliegen will schon, und zwar den Ultraleichtflugschein. Diesen kann man je nach Flugschule für 3.500 bis 7.000 Euro machen.

Auf dem Boden geblieben
Ob der TrixGyro bei seinem ersten öffentlichen Auftritt wohl zu aufgeregt war? Abgehoben ist er leider nicht. Die Bremsen wollten aus ungeklärten Gründen nicht funktionieren und so ist es zu gefährlich bei Start und Landung. Farrag bedauert den Vorfall, denn am Vortag hat alles noch bestens geklappt. Da es hier ja um den TrixFormer geht, ist das halb so schlimm, denn das Gefährt ist ja nicht nur zum Fliegen da. Glücklicherweise sind es nur die Bremsen des Tragschraubers, die streiken, nicht aber die vom Motorrad.

Aus dem Tragschrauber wird ein Motorrad
Keine fünf Minuten dauert es, dann hat ein einziger Mann aus dem Tragschrauber ein Motorrad gebaut. Ein großer Hebel über dem Cockpit wird gezogen, zwei Bolzen unter dem Beifahrersitz entfernt und schon ist es geschehen. Meine Frage, ob ich bei einer Fahrt mit dem Motorrad immer noch einen Höhenmesser und einen Propeller habe, wird schnell beantwortet: Zwar klebt noch immer der rote Faden am Cockpit, aber Höhen- und Fahrtenmesser sind verschwunden, auch die Pedale für die Seitenruder sind abgebaut. Vor mir steht ein Motorrad mit Dach, das nicht mehr ansatzweise an einen Tragschrauber erinnert. Das Motorrad gibt es geschlossen oder offen, ein ,Dachgestell" im Stil des BMW C1 wird aber immer benötigt, um die Bausteine zu befestigen.

Ein richtiges kleines Motorrad
Die Gelegenheit zur Mitfahrt nutze ich natürlich. Als wir über das Vorfeld brausen, fühlt es sich wirklich wie ein richtiges kleines Motorrad an. Es wiegt zirka 105 Kilogramm inklusive Batterien. Erreicht werden kann eine Geschwindigkeit von über 100 km/h. Die Reichweite liegt mit dem zehn kW starken Elektromotor bei 120 Kilometer, wenn man sich mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 km/h fortbewegt. Wenn der Akku leer ist, lässt er sich an einem normalen Stromanschluss in 20 Minuten wieder auf 70 Prozent aufladen. Die volle Ladung erhält das Motorrad in vier Stunden. Dabei hält die Batterie 1.500 bis 3.000 Ladungen aus.

Ausgeklügelte Technik
Interessant ist der große Monitor im Cockpit des TrixFormer. Er erkennt automatisch, welcher Baustein angeschlossen ist. Fährt man Motorrad, zeigt der Monitor eine normale Straßennavigation, ist der Tragschrauber angeschlossen, zeigt der Monitor die flugrelevante Navigation. Falls der Monitor einmal streiken sollte, sind Backup-Instrumente im Cockpit vorhanden.

Warum der TrixFormer sich abhebt
Seit 1930 gibt es die ersten Konzepte von fliegenden Autos, die sich allerdings nie durchsetzen konnten. Denn die bisherigen Konzepte waren einfach zu sperrig. Selbst wenn man Propeller oder Flügel einklappen kann, sind solche Geräte noch sehr unhandlich. Außerdem ist es nicht erlaubt, außerhalb eines Flugplatzes zu starten oder zu landen. Warum soll dann der TrixFormer Erfolg haben? Farrag hat schon eine Antwort: Der Fahrer steigt einfach zu Hause auf das Motorrad und fährt zum Flugplatz, wo das TrixGyro-Modul schon auf ihn wartet. Man baut das Bike zum Tragschrauber um und startet. Farrags Ziel ist es, sein Konzept an die Automobilindustrie gegen eine Lizenzgebühr abzugeben. Dabei sollen nicht die Einnahmen für ihn selbst im Mittelpunkt stehen, sondern ein akzeptabler Endpreis für die Kunden erreicht werden. Dem Macher zufolge richtet sich die Allzweckwaffe nämlich nicht ausschließlich an Piloten. Finales Ziel ist, den TrixFormer als Transportmittel für jedermann einzusetzen. Im persönlichen Gespräch macht Farrag klar, dass der TrixFormer ein einfaches System sein soll, mit dem man sich flexibel im Nahverkehr bewegt.

Startschwierigkeiten
Über den Wolken ist die Freiheit aber doch nicht grenzenlos. Auf der Facebookseite von TrixyAviation war am 7. April 2014 zu lesen, dass Rainer Farrag, der zugleich auch Testpilot des TrixFormer ist, damit einen Unfall erlitten hat. Glück im Unglück: Er liegt mit Beinfrakturen im Krankenhaus. Jeder Luftfahrtpionier hat seine Höhen und Tiefen, der nächste Höhenflug kommt bestimmt.

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