Wie sich Jaguar und Land Rover für die Zukunft rüsten

Fähig, sauber, verknüpft, wünschenswert und intelligent: Diese Attribute sollen laut Dr. Wolfgang Epple, dem Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung bei Jaguar Land Rover, die zukünftigen Modelle auszeichnen. Was dabei helfen soll, dieses Ziel zu erreichen? Wir waren im Entwicklungszentrum des Unternehmens in Gaydon, um selbst einen Blick in die Zukunft zu wagen. Die sieht zum Teil nicht nur so aus, sondern klingt auch nach einer Mischung aus der Star Wars Saga, Stanley Kubricks Supercomputer HAL 9000 und der Videospielreihe Gran Turismo.

Personalisierter Grips
Wenn man viel auf der Straße unterwegs ist, kann man beobachten, dass bereits heute viele Autos zum Teil mehr Intelligenz besitzen als ihre Fahrer. Der Mensch soll künftig interaktiver und intuitiver vom Grips seines Fortbewegungsmittels profitieren. Bei Jaguar Land Rover heißt das ,Human-Machine-Interface" und beginnt bereits jetzt im neuen F-Type mit der Möglichkeit, die eigenen Vorlieben, gespeichert in Smartphone Apps, auf dem Bildschirm der Mittelkonsole anzuzeigen. Aber die Briten denken schon ein paar Jahre in die Zukunft und zeigen, wo es mit der Mensch-Maschine-Verknüpfung hingehen könnte.

Möge die Macht mit dir sein
Das selbstlernende Automobil erkennt anhand des Mobiltelefons, wer sich ihm nähert und stellt sich auf alle Vorlieben der herannahenden Person ein. Spiegel, Sitz, Temperatur und Musik werden in die bevorzugte Stellung gebracht. Jaguar Land Rover plant zudem einen automatisierten Datenabgleich zwischen Auto und Fahrer. Hat der Fahrer beispielsweise einen Termin in seinem Smartphone-Kalender, könnte das Navigationssystem vorab die günstigste Route berechnen und den Fahrer per Push-Nachricht an den baldigen Fahrtantritt erinnern. Während der Fahrt werden weitere Handlungen aller Insassen gespeichert und für zukünftige Vorausberechnungen genutzt. Ein Beispiel: Der Fahrer ruft zu einer gewissen Uhrzeit an Wochentagen immer eine bestimmte Person aus seinem Telefonbuch an. Nach kurzer Zeit könnte das System dieses Verhalten registrieren und von sich aus zur selben Zeit oder am selben Ort einen Anruf vorschlagen. Ein echter englischer Butler eben. Was dem Piloten noch zu tun bleibt, ist beispielsweise mit einer eleganten Handbewegung das Schiebedach wie von Geisterhand zu öffnen oder zu schließen. Möge die Macht der Gestensteuerung mit ihm sein.

Unsichtbarer und sichtbarer Laser
Hier hätten Darth Vader oder Luke Skywalker sicher auch ihre Freude dran: lasergestützte Systeme. Sie sollen zu mehr Sicherheit verhelfen. Gemeint sind hier nicht nur irgendwelche unsichtbaren Abstandsmesser und Verkehrsüberwacher, sondern richtige, sichtbare Laser. Die mit grünem Laserlicht vor das Fahrzeug projizierte Fahrzeugbreite könnte beispielsweise dabei helfen, Engstellen leichter zu passieren. Aber auch bei dem unsichtbaren Pendant referiert ein Jaguar-Land-Rover-Experte, nebenberuflich anscheinend Jedi-Ritter, über Umsetzungen aus ,seinem Buch mit den verrückten Ideen": Zur Fahrbahn hin ausgerichtete Laserstrahlen lassen das Fahrzeug Untiefen in unbekannten Gewässern erkennen und zeigen dem Fahrer so den besten Weg durch Flüsse oder flache Seen.

Erweiterte Realität
Visualisiert werden sollen alle Informationen entweder auf einem in der Entwicklung steckenden 3-D-Kombiinstrument hinter dem Lenkrad oder auf den größer werdenden Bildschirmen in der Mittelkonsole. Der ambitionierteste Plan ist allerdings ein sich über die komplette Windschutzscheibe erstreckendes Head-up-Display. Verborgen hinter dem Stichwort ,augmented reality" steckt das Prinzip, die reale Welt durch virtuelle Ergänzungen im Blickfeld, informativer und gleichzeitig aufregender zu gestalten. Jaguar Land Rover lässt so zum Beispiel bei Bergauffahrten die störende Motorhaube verschwinden, indem Kameras ein zuvor aufgenommenes Bild des Untergrunds über die Motorhaube legen. Auf einer Rennstrecke wäre es denkbar, die Ideallinie mit Schalt- und Bremspunkten in das Bild der realen Welt zu projizieren. Sehr wichtig wäre dabei: Immer im Hinterkopf zu behalten, dass es bei dem Videospiel Gran Turismo kein Schadensmodell für Fahrzeuge gibt. Ein echtes Fahrzeug reagiert anders und kostet bei heftigem Bandenkontakt nicht nur Geld, sondern eventuell auch das eigene Leben.

Neue Triebwerke aus dem Baukasten
Bei all den futuristischen und technischen Entwicklungsgedanken kann schnell in den Hintergrund rücken, dass die Motorenpalette von Jaguar Land Rover einen tatsächlichen Sprung nach vorne machen wird. Das Unternehmen will seine Fahrzeuge künftig nicht mehr mit Motoren von Zulieferern bestücken. Stattdessen wurde kurzerhand ein neues Motorenwerk in Wolverhampton gebaut. In ihm werden ab Januar 2015 von Grund auf neu entwickelte Vierzylinder-Motoren hergestellt. Die Aggregate mit je 500 Kubikzentimeter Hubraum pro Zylinder sind, ob Diesel oder Benziner, in ihrer Basis gleich und so je nach Fahrzeug mit verschiedensten Anbauteilen wie Turbolader konfigurier- und erweiterbar. Jaguar Land Rover will mit ihnen die für 2020 gesetzliche EU-Höchstgrenze für den CO2-Ausstoß von 95 g/km in Angriff nehmen. Um diese Grenze auch bei allen Modellen zu gewährleisten, wird bei größeren Fahrzeugen des Herstellers schon recht bald auf Hybridtechnik gesetzt.

Zukunftsgedanken
Der neue Baukastenmotor kommt in der für 2015 geplanten Sportlimousine Jaguar XE zu seinem ersten Einsatz. Es gibt augenscheinlich viel zu tun in der Firmenzentrale im englischen Gaydon. Technikvorstand Dr. Wolfgang Ziebart fügt noch hinzu: ,Es ist großartig, momentan und in Zukunft bei Jaguar Land Rover zu sein, gerade als Ingenieur." Ob nicht nur die Entwicklung, sondern auch die Benutzung beim Endverbraucher Freude auslöst, bleibt abzuwarten.

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