Wir durften den Rüsselsheimer Überflieger schon pilotieren

Er war der Messe-Star schlechthin: Die Rede ist vom Opel GT Concept, der Anfang März 2016 auf dem Genfer Autosalon die Blicke auf sich zog. Ein Name, der verpflichtet und Hoffnungen weckt: Opel GT. Der bezahlbare Traumwagen der späten 1960er-Jahre, die ,Corvette des kleinen Mannes". Und nun endlich ein würdiger Nachfolger mit knackigen Proportionen und Hinterradantrieb? Wir durften jetzt im GT Concept Platz nehmen und die Studie bereits fahren.

Concept Cars mit Vergangenheit
Konzeptfahrzeuge haben bei Opel eine lange Tradition: 1965 war der ,Experimental GT" die erste Studie eines großen europäischen Autoherstellers überhaupt. Sie mündete 1968 in den Serien-GT. Fast 50 Jahre später wird die Story fortgesetzt. ,Es geht aber nicht darum, den GT zu kopieren", sagt Opel-Designer Friedhelm Engler. Das leuchtet ein, schließlich gibt es genügend Beispiele für misslungenes Retro-Design auf dem Markt. Weniger ist mehr, lautete die Devise. Und so ist der GT Concept von 2016 mit 3,85 Meter deutlicher kürzer als sein 4,11 Meter messender Urahn. Auffallend ist der Purismus der Studie: Weder Türgriffe noch Außenspiegel stören die Form. Nun gut, das mag bei einer möglichen Serienversion anders sein, aber den Gestaltern ist hoch anzurechnen, dass sie auf die sonst so beliebten Falze, Sicken und Kanten verzichtet haben. Damit der GT Concept trotzdem nicht wie ein Stück Seife wirkt, gibt es die rote ,Signaturlinie". Sie teilt den Fahrzeugkörper horizontal auf und mündet in rote Vorderreifen. Technisch stellen die farbigen Pneus kein Problem dar, sie verschmutzen aber schnell. Logisch, die Straßen sind nun einmal nicht rot.

Schöner Ausblick
Nun liegt es an mir, den Opel GT Concept näher in Augenschein zu nehmen. Ich öffne die Fahrertür durch Knopfdruck in der roten Leiste. Ein breites Portal schwingt auf, vorne taucht die Tür ein gutes Stück in die vorderen Radhäuser ein, oben nimmt sie ein Stück des Daches mit. Jetzt schön behutsam einsteigen, jede der Türen des handgefertigten Einzelstücks kostet 35.000 Euro. Trotz meiner langen Beine ist das kein Problem, denn der Schweller liegt schön tief. Lediglich mein Kopf bekommt schmerzhaft zu spüren, dass die Studie nur 1,18 Meter hoch ist. Zum Vergleich: Beim Ur-GT waren es 1,22 Meter. Im Fahrersitz angekommen, beeindruckt das in die Frontscheibe übergehende Glasdach. Obwohl die Kopffreiheit mäßig ist, verspüre ich kein Gefühl der Enge, zumal die gewölbten Seitenscheiben Platz für den Arm bieten. Hinzu kommt ein wie im alten GT ,negatives" Armaturenbrett, also oben breit, unten schmal. Das Cockpit selbst ist futuristisch und soll zumindest in der Theorie ausschließlich per Spracheingabe und Touchpad bedient werden. In der Praxis sind die Anzeigen bislang lediglich demonstrativer Natur, von außen werden diverse Modi eingespielt. Meinen Sitz kann ich nicht verstellen, dafür das Lenkrad und die Pedale. Das beinahe quadratische Volant mit Wildlederbezug ist klein und liegt gut in der Hand. Parallel zum früheren GT-Slogan ,Nur fliegen ist schöner" fühle ich mich tatsächlich wie in einer Pilotenkanzel. Aber ich stehe nicht auf der Startbahn, sondern im Hangar. Genauer gesagt, in der ehemaligen Opel-Werkshalle K48.

Spannend ums Eck
Die Sitzposition passt, jetzt darf ich endlich fahren. Wobei ,fahren" etwas übertrieben ist, denn in der Studie sorgt nur ein Elektromotor für Vortrieb. Er reicht, um das Fahrzeug zu verladen oder wie in meinem Fall einige Runden unter dem Hallendach zu drehen. Mit maximal 30 km/h wird mir eingeschärft, schließlich handelt es sich um ein sündhaft teures Gefährt. Also streichle ich das Gaspedal mit gehörigen Respekt, der sich aber bald legt. Obwohl weder ein echter Antrieb noch ein echtes Fahrwerk unter der Hülle steckt, lässt sich der GT Concept relativ zackig um die Ecken lenken. Beim Anpeilen helfen die ein wenig an den Mazda MX-5 erinnernden Wölbungen der vorderen Radhäuser. Aber schon bereits bei niedrigem Tempo klappert und knirscht der Konzept-Opel vernehmbar, als wolle er mir sagen: Mach langsam!

Kleiner Motor unter langer Haube
,Langsam" liefert mir das Stichwort, nachdem ich mich wieder aus dem GT Concept geschält habe: Geht die Studie denn irgendwann in Serie? Von den Opel-Verantwortlichen kommt weder ein finales ,Nein" noch ein deutliches ,Ja". Beim Antrieb spricht man schon recht klar vom einen Dreízylinder-Turbobenziner mit 145 PS Leistung, der sich aus den aktuellen Einliter-Triebwerken ableitet und 205 Newtonmeter maximales Drehmoment bietet. Dank eines Gewichts von unter einer Tonne soll der GT Concept in unter acht Sekunden auf Tempo 100 kommen und maximal 215 km/h erreichen. Auch der Heckantrieb dürfte sich im großen General-Motors-Baukasten finden. Weiterhin wird von einem sequenziellen Sechsgang-Getriebe und einer mechanischen Differenzialsperre an der Hinterachse gesprochen.

Grünes Licht vom GT-Vater
Schon schwieriger dürfte die Überführung der Karosserie in die Serie sein. Dran glauben müssten wohl die riesigen Türen und die Kameras, welche die Außenspiegel ersetzen. Die große Panoramascheibe hingegen erscheint machbar, schließlich hatte Opel solch eine Lösung bereits im Astra H. Zu guter Letzt wird es mehr Praxisnutzen durch klassische Türgriffe oder einen von außen zugänglichen Kofferraum geben. Den hatte der alte GT nicht. Aber sein Schöpfer Erhard Schnell, der von 1952 bis 1992 bei Opel tätig war, freut sich über die Studien-Idee von 2016: ,Der Geist vom ersten GT ist drin", verrät er mir. Wenn das kein Ritterschlag ist! Schnells Schöpfung brauchte drei Jahre in die Serie. Also gedulden wir uns bis 2019. Vielleicht steigt dann James Bond 007 auf der Leinwand in den neuen Opel (respektive Vauxhall) GT. Null-Null-Neumann, übernehmen Sie!

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