Neue Benziner und Diesel für die Mercedes S-Klasse

,Innovativ? Wie kann man Otto- und Dieselmotoren innovativ nennen?" Der beim Mercedes-TecDay neben mir sitzende Tageszeitungs-Kollege ist entsetzt. Er ist offenbar von der jüngst vorgestellten Studie Mercedes EQ so auf Elektroantrieb gepolt, dass Verbrenner für ihn mehr oder weniger altmodisch sind. Doch natürlich gibt es noch immer Innovationen bei Otto und Diesel. Die sind auch nötig, denn bis wir alle Elektroautos fahren werden, vergehen wohl noch Jahrzehnte, ob man das gut findet oder nicht. So stellt Mercedes nun fünf neue Verbrennungsmotoren vor, die ab 2017 in die S-Klasse eingebaut werden.

Neue Diesel mit vier und sechs Zylindern
Alle neuen Aggregate sind natürlich wieder sparsamer und doch kräftiger als die Vorgänger. Die dazu eingesetzten Innovationen sind allerdings sehr vielfältig. Eingeführt wurde die neue Motorengeneration eigentlich bereits im Frühjahr 2016, mit dem neuen Zweiliter-Diesel der E-Klasse. Er verbraucht 13 Prozent weniger als das Vorgängeraggregat. Für Einsparungen sorgen hier unter anderem ein geringeres Motorgewicht, eine verbesserte Common-Rail-Einspritzung mit bis zu 2.050 bar sowie die verringerte Reibung durch eine hauchdünne Eisenbeschichtung der Aluzylinder (,Nanoslide").

Warmes Abgas durch Camtronic
Völlig neu ist der entsprechende Sechszylinder-Diesel, der über 313 PS leisten soll und sieben Prozent weniger Sprit schluckt als der nur 258 PS starke Vorgänger. Der Motor bekommt dazu die gleiche Technik und die gleiche (motornahe) Abgasreinigung wie der Vierzylinder. Doch damit der gegen die Stickoxide eingesetzte SCR-Katalysator schneller auf Arbeitstemperatur kommt, wird hier zusätzlich eine sogenannte Camtronic eingebaut. Diese Ventilsteuerung sorgt dafür, dass im Ansaugtrakt das Auslassventil offen bleibt, sodass neben (kalter) Frischluft auch (warmes) Abgas eingesaugt wird. So sollen auch bei den künftig vorgeschriebenen RDE-Abgasmessungen die Grenzwerte eingehalten werden. Wie der Name Real Driving Emissions nahelegt, erfolgen diese Messungen im normalen Straßenverkehr, nicht auf dem Rollenprüfstand. Und sie werden nicht bei T-Shirt-Temperaturen, sondern bei unterschiedlichsten Bedingungen durchgeführt – bis hinunter zu Kühlschranktemperaturen.

Technik-König: R6-Otto und 48-Volt-Bordnetz
Unbestrittener Technik-König bei den neuen Benzinern ist der Sechszylinder. Der laut Mercedes ,über 408 PS" starke Reihenmotor soll Fahrleistungen wie ein Achtzylinder ermöglichen, aber etwa 15 Prozent weniger verbrauchen als der V6-Vorgänger, der zum Beispiel im heutigen S 400 mit 333 PS werkelt. Verantwortlich für den niedrigen Verbrauch ist unter anderem eine 15 Kilowatt (etwa 20 PS) starke Elektromaschine, die direkt auf der Kurbelwelle zwischen Motor und Getriebe sitzt. Dieser integrierte Startergenerator (ISG) übernimmt nicht nur die Funktionen von Starter und Lichtmaschine und hilft bei der Rückgewinnung von Bremsenergie. Er hat zudem Funktionen wie bei einem Mildhybrid, das heißt, er hilft beim Beschleunigen.

Elektro-Verdichter gegen das Turboloch
Als Energiespeicher für Rekuperation und Boosten wird hier nicht die Bleibatterie, sondern ein Lithium-Ionen-Akku verwendet. Letzterer liefert auch nicht die vertrauten zwölf sondern gleich 48 Volt, was deutlich höhere Energieeinsparungen ermöglicht. Das Zwölf-Volt-Netz bleibt erhalten und versorgt weiter die Elektronik. Der ISG hat jedoch neben seinen Hybridaufgaben noch mehr zu tun: Er treibt den Klimakompressor und die Ölpumpe an, was den üblichen Riemenantrieb überflüssig macht. Die Elektromaschine liefert auch die Energie für einen elektrischen Zusatzverdichter. Der überbrückt (ähnlich wie im Audi SQ7) die Zeit bis zum ,Anspringen" des Turboladers und soll so das Turboloch beseitigen.

Die Light-Version des 48-Volt-Netzes
Uff, so viel komplexe Technik auf einmal! Etwas weniger Hightech bietet der entsprechende Vierzylinder-Benziner. Der Zweiliter-Motor liefert mit seinem Twinscroll-Turbo eine Leistung von etwa 100 Kilowatt pro Liter Hubraum, also insgesamt rund 270 PS. Damit liegt er auf dem Niveau älterer Sechszylinder (wie dem V6 des auslaufenden E 320 Coupé), verbraucht aber deutlich weniger Kraftstoff. Auch hier wird ein 48-Volt-Bordnetz eingeführt, allerdings in einer Light-Version. Die Elektromaschine sitzt nicht auf der Kurbelwelle, sondern wird über einen Riemen angetrieben, und sie hat nur zehn Kilowatt statt 15. Der riemengetriebene Startergenerator (RSG) übernimmt die Rekuperation, boostet bei niedrigen Drehzahlen und treibt die elektrische Wasserpumpe an. Wie beim Sechszylinder wird zur Abgasreinigung ein Partikelfilter eingebaut. Den Otto-Partikelfilter hat Mercedes schon 2014 im S 500 eingeführt, ohne es an die große Glocke zu hängen. Nun wird die Technik schrittweise in allen Benzinern eingeführt – auch aus Imagegründen, wie es bei Mercedes heißt.

V8-Biturbo-Benziner mit über 476 PS
Der letzte Neuling unserer Vorstellungsrunde ist ein bulliger V8-Biturbo-Benziner. Der 4,0-Liter-Achtzylinder liefert ,über 476 PS" und verfügt über etwa 700 Newtonmeter Drehmoment. Trotz der erhöhten Leistung – der 4,8-Liter-V8 im aktuellen S 500 liefert ,nur" 455 PS – soll der Spritverbrauch um zehn Prozent niedriger sein. Wie der neue Sechszylinder-Diesel besitzt er eine Camtronic, die hier allerdings zur Zylinderabschaltung genutzt wird. Sie ist nur unter 3.250 Touren und in den Modi Komfort und Eco aktiv. Dann fahren Stifte aus, die auf der Nockenwelle die hülsenartigen Nockenstücke verschieben. Statt exzentrischer Nocken werden dann für die stillzulegenden Zylinder Nullnocken (ohne Hub) aktiv – das legt die Ein- und Auslassventile lahm. Gleichzeitig werden Kraftstoffzufuhr und Zündung für die stillgelegten Brennräume deaktiviert. Das Ab- und Zuschalten soll sich für den Fahrer nur durch einen Hinweis im Display bemerkbar machen, nicht aber durch störende Vibrationen.

S-Klasse mit weniger als fünf Liter Verbrauch?
Von der Laufbahnbeschichtung über die Nockenwellensteuerung bis hin zur Hybridisierung: Die Spritsparmaßnahmen bei den neuen S-Klasse-Motoren sind vielfältig. Jeder Motor braucht etwas anderes, alles bringt ein paar Prozent – das läppert sich. Die sparsamste konventionell angetriebene S-Klasse (der aktuelle S 350 d mit 258 PS) hat derzeit einen Normverbrauch von 5,3 Liter Diesel. Ob das Nachfolgemodell mit dem neuen Sechszylinder-Selbstzünder unter 5,0 Liter kommen wird? Ich würde drauf wetten.

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