50 Jahre Mercedes-Versuchsstrecke in Untertürkheim

Von sturmumtosten Schnellstraßen und rutschigen Regenpisten bis zur ländlichen Holperstrecke: 1967 konzentrierten sich die Straßen der Welt bei Mercedes. Denn vor 50 Jahren wurde die Versuchsanlage in Untertürkheim bei Stuttgart nach umfangreichen Erweiterungen fertiggestellt – und sie ermöglichte die Simulation aller möglichen und unmöglichen Straßentypen.

Die Einfahrbahn auf dem Flaschenhals
Ob Limousine oder Lkw, Unimog oder Sportwagen, Omnibus oder Rennwagen: Mercedes hatte in den 50er-Jahren wieder fast alle Autotypen im Portefeuille. Den Entwicklern fehlte jedoch eine Versuchsstrecke. Auf Vorschlag des damaligen Entwicklungsvorstands Fritz Nallinger wurde der ,Flaschenhals" als Bauort gewählt, ein lang gestrecktes Grundstück beim Werk Untertürkheim. 1957 ging die erste Ausbaustufe der ,Einfahrbahn" in Betrieb. Zur Ausstattung gehörte eine bewässerbare Rutschplatte mit konzentrischen Fahrbahnringen aus verschiedenen Belägen. Danach wurde die Anlage schrittweise erweitert.

In der Steilkurve, ohne zu lenken
Nach der Fertigstellung präsentierte Mercedes am 9. Mai 1967 die Anlage den Medien. Die Gesamtlänge aller Strecken beträgt über 15 Kilometer. Für Staunen sorgten unter anderem die verschiedenen Steilstrecken mit Neigungen zwischen 5 und 70 Prozent sowie die Steilkurve mit Neigungswinkeln von bis zu 90 Grad. Sie kann mit bis zu 200 km/h befahren werden, doch das würde den Fahrer an die Belastungsgrenze bringen. Für Langzeitversuche wichtiger ist die Möglichkeit, die Steilkurve am oberen Rand mit 150 km/h zu befahren. Dann treten keine Seitenkräfte am Reifen auf, und das Fahrzeug bleibt auch ohne Lenkimpuls in der Kurve. Der Fahrer wird dabei noch immer mit dem 3,1-Fachen seines Körpergewichts in den Sitz gepresst.

Anstrengende Heidestrecke
Für die Dauererprobung unersetzlich ist auch die ,Heidestrecke". Dieser Schlechtwegeparcours wurde einer besonders üblen Straße in der Lüneburger Heide der frühen 50er-Jahre nachgebaut. Hier sowie auf anderen Waschbrett-, Rüttel- und Schlaglochstrecken fährt Mercedes Dauererprobungen. Die Tests sind für die Fahrer so belastend, dass sie im zweistündigen Turnus abgelöst werden müssen. Ergänzt werden die Strecken durch extreme Verwindungsstrecken für Nutz- und Geländefahrzeuge und Sprunghügel zum Erreichen extremer Federstellungen. An der 34 Meter langen Seitenwindstrecke sind 16 Turbinen installiert, die seitliche Böen mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h erzeugen. Auf einer Wedelstrecke werden Fahrwerke bei hoher Geschwindigkeit auf Fahrstabilität hin getestet. Dabei liefern im Boden verlegte Messschleifen elektronische Daten, dazu kommen Radarmessungen und eine Filmauswertung.

Geräuschmessung und mehr
Auch nach dem Abschluss der umfassenden Erweiterung wurde das 8,4 Hektar große Testgelände immer wieder neuen Bedingungen angepasst. So entsteht eine Strecke mit Flüsterasphalt zur Geräuschmessung. Die kontinuierliche Aktualisierung macht die Einfahrbahn in Untertürkheim bis heute zu einem wichtigen Entwicklungswerkzeug.

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