So plant der Technologiekonzern das autonome Fahren

Nichts geht mehr. Egal, wie fest ich auf das Gaspedal trete, der Wagen bleibt stur stehen. Und das ist keine Panne, sondern gut so. Gerade habe ich mit dem neuen Versuchsträger von ZF falsch auf eine simulierte Autobahnausfahrt zugesteuert. Doch bevor ich zum Geisterfahrer werde, bremst der umgebaute VW Touran in den Stillstand.

Zulieferer im Wandel
Geisterfahrer und Stillstand – das passt: Der ZF-Konzern aus Friedrichshafen, bekannt als Zulieferer für Getriebe, Fahrwerk und andere Teile, will genau das auch wirtschaftlich vermeiden. Also nicht gegen die Marschrichtung unterwegs sein und vor allem sich nicht auf den aktuellen Erfolgen ausruhen. Denn auch ZF spürt den grundlegenden Wandel, den die Automobilindustrie derzeit durchmacht. Dabei zeichnen sich zwei große Trends ab: Elektrifizierung und autonomes Fahren. Ergo muss ZF im wahrsten Worte liefern. Schließlich geht es um rund 135.000 Arbeitsplätze, davon etwa 63.000 im Bereich ,Aktive und passive Sicherheitstechnik".

Auf dem Weg zu null Verkehrstoten
Wohin die Reise bis zum Jahr 2025 geht, zeigt der bereits erwähnte VW-Touran-Umbau namens ,Vision Zero Vehicle". Der Name ist Programm und steht für die Verschmelzung der beiden Mega-Trends: null Emissionen und null Unfälle respektive Verkehrstote. Zur Veranschaulichung des letzten Punktes helfen traurige Fakten: Im Jahr 2016 starben in Deutschland insgesamt 3.214 Menschen bei Verkehrsunfällen, weltweit sind es pro Jahr rund 1,25 Millionen Menschen. Ein langer Weg also, für den die ZF-Ingenieure zunächst einmal die Ursachen jener Todesfälle analysieren. Interessant dabei: Gut die Hälfte der durch Pkw verursachten Verkehrstoten gehen auf das Konto des Fahrers, während bei Lkw der Verkehr in der gleichen Richtung die Hauptursache ist.

Nichts darf unmöglich sein
Die Schlussfolgerung: Das Fahrzeug der Zukunft muss einerseits auf den abgelenkten Fahrer achtgeben, aber andererseits auch die Umgebung im Blick haben. Wie das geht, demonstriert das ,Vision Zero Vehicle". Das Ziel von ZF: autonomes Fahren im Level 4 für 2020, also Vollautomatisierung mit Eingriffsmöglichkeit des Fahrers. Einfacher gesagt als getan: Millionen von Szenarien müssen einkalkuliert werden, denn das Fahrzeug ist beim autonomen Fahren im Gegensatz zu bisherigen Assistenzsystemen immer online und ,in Bereitschaft". Berücksichtigt werden müssen zum Beispiel weltweit unterschiedliche Fahrspurbreiten und -markierungen, Links- wie Rechtsverkehr, plötzliche Teile auf der Straße oder auch alle Arten von Wetter.

Vom Computer im Griff
Vorausschauende Radar- und Kamerasysteme verhindern künftig die falsche Einfahrt auf die Autobahn und ermöglichen zugleich autonome Fortbewegung. Dies funktioniert bereits sehr eindrucksvoll, der VW Touran lenkt um Hindernisse und bringt mich zurück in die Kurve, falls ich zu weit ausschere. Automatisches Überholen auf der Autobahn und Einscheren auf die Abfahrt? Kein Problem. Sollte ich trotz Aufforderung des Systems nicht wieder das Lenkrad in die Hand nehmen, fährt der Wagen schlussendlich rechts ran und stoppt selbständig. Fakt bleibt: Jeder Autofahrer hat seine Tagesform, der Computer nicht.

Freiheit nur durch selbst fahren?
Ich muss gestehen, es braucht etwas Gewöhnung, um dem Fahrzeug die Macht zu überlassen. Aber man lernt es schnell zu schätzen. An der Technik (mit Blick auf Kamera und Radar holt sich ZF als Kooperationspartner Hella an Bord) wird es nicht scheitern. Eher an der psychologischen Komponente: Während etwa US-Autofahrer seit jeher Komfortextras mögen, wurde dem deutschen Lenker jahrzehntelang eingetrichtert: Auto bedeutet Freiheit und freie Fahrt für freie Bürger. Erinnern Sie sich noch daran, wie lange Automatikgetriebe als Lösung für Rentner und Hausfrauen diskreditiert wurden? Gewiss, eine gesunde Skepsis gegenüber dem selbstfahrenden Auto darf angebracht sein. Aber bringt es nicht sogar MEHR Freiheit für ältere Menschen? So könnten Rentner aus Dörfern ohne Supermarkt autonome Shuttles zum Einkaufen nutzen oder zum Arzt in die Stadt fahren.

Das Auto beobachtet die Insassen
Und mal ganz ehrlich: Wie oft haben Sie sich über andere Fahrer geärgert, die am Handy herumfummeln oder Dinge im Auto suchen und dadurch fast von der Fahrbahn abkommen? Hier setzt ZF auf ein Innenraum-Kamerasystem. Wenn mir also mein Beifahrer etwas auf seinem Smartphone zeigt, merkt die Technik, dass ich meinen Blick von der Straße abwende, und lenkt mich zurück in die Spur. Ein wichtiger Aspekt: Sollte uns das autonome Fahren es eines fernen Tages wirklich ermöglichen, während der Fahrt andere Dinge zu machen, braucht es eine Innenraumüberwachung. Sie stellt im Notfall fest, wo sich der Fahrer aufhält. Zum Thema ,Innenraum der Zukunft" arbeitet ZF mit Faurecia zusammen.

Zwischen den Welten
Im übrigen weist der ZF-Touran einen Heckantrieb auf, genauer gesagt: Ein elektrisches Achsantriebssystem. Das 150 Kilowatt starke elektrische Antriebsmodul mitsamt Stirnradgetriebe, Differenzial sowie Leistungselektronik findet zentral im sogenannten mSTARS-Hilfsrahmen seinen Platz. Schließlich ist klar: Wenn sich Elektroautos auf breiter Front durchsetzen, benötigt niemand mehr klassische ZF-Getriebe. Aber Fahrwerkssysteme wie die aktive Hinterachslenkung im Versuchsträger oder Elektronikkomponenten. ZF-Chef Stefan Sommer spricht von der Verschmelzung zweier Welten: Hier die klassische Hardware, dort die neue Software. Allein im Jahr 2016 hat der Konzern rund zwei Milliarden Euro für Forschung und Entwicklung ausgegeben, um die Brücke von ,alt" nach ,neu" zu bauen. Zwar räumt Sommer ein, dass es nicht den einen großen Schritt zum autonom fahrenden Auto gibt. Und der ZF-Chef bekennt, dass seine Firma von der Dynamik, die das Thema inzwischen aufgenommen hat, überrascht wurde. Aber nun rollt der ZF-Zukunftszug.

Lesen Sie auch:

Zulieferer-Zukunft